Als am 29. Juni 2024 mitten in der Nacht die Hochwassersirenen aufheulen, gerät das Leben vieler Familien im Tessiner Maggiatal aus den Fugen. Strassen werden zu Flüssen, Brücken stürzen ein, ganze Häuser werden von den Fluten mitgerissen. Sieben Menschen kommen ums Leben. Als der erste Schock überwunden ist und die Aufräumarbeiten beginnen, stellt sich für viele die Frage: Wie weiter? Das Haus an gleicher Stelle wieder aufbauen, wohl wissend, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis die nächste Flut über das Tal hereinbricht? Oder woanders neu anfangen, wo die Hochwassergefahr geringer ist? Kurz: Bleiben oder gehen?
Michael Ricar Artwork
Solche Fragen stellen sich nicht nur Betroffene im Maggiatal, sondern in immer mehr Regionen der Schweiz. Gemäss Zahlen der Universität Bern wohnt jede siebte Person in der Schweiz in einem hochwassergefährdeten Gebäude. Sogar vier von fünf Schweizer Gemeinden waren in den letzten vierzig Jahren von Überschwemmungen betroffen.
Leben mit dem Wasser
Um Antworten auf die Frage zu finden, wie Menschen damit umgehen, wenn das eigene Hab und Gut immer häufiger von Naturgefahren bedroht wird, sind wir nach Bangladesch gereist. Im grössten Flussdelta der Welt gelegen, sind Überschwemmungen in weiten Teilen des Landes eine jährlich wiederkehrende Herausforderung. Mit den Wassermassen kommt aber noch ein weiteres, meist gravierenderes Problem: Ist der Boden in Ufernähe erst einmal mit Wasser vollgesogen, bricht er oft in den Fluss und reisst alles mit sich, was darauf steht. Strassen, Häuser, Schulen – die Erosion macht vor nichts Halt.
Diese schmerzliche Erfahrung mussten auch Surjo Banu und Md. Sahjahan machen. Das Ehepaar aus dem Dorf Char Binanui, etwa drei Autostunden von der Hauptstadt Dhaka entfernt, hatte auf einem kleinen Stück Land am Fluss Jamuna Reis angebaut und Kühe gehalten. Eines Tages bemerkten sie einen Riss neben ihrem Haus, nur wenige Meter vom Fluss entfernt. Dann ging alles ganz schnell. Mit der Hilfe von Nachbarn konnten sie gerade noch ihre wichtigsten Habseligkeiten in ein Boot packen, bevor ihnen buchstäblich der Boden unter den Füssen wegbrach. Sie verloren nicht nur ihr Haus, sondern auch ihr gesamtes Land, auf dem ihre Familie seit drei Generationen gelebt hatte.
Dass dies in Bangladesch kein Einzelschicksal ist, sondern jedes Jahr Hunderttausenden widerfährt, war der Ausgangspunkt für unsere vom Schweizerischen Nationalfonds unterstützte Studie. Wo, wenn nicht in Bangladesch, können wir etwas über den Umgang mit Überschwemmungen und Erosion lernen?
Und so machte ich mich mit meinen Kollegen, Professorin Vally Koubi von der ETH Zürich und Professor Lukas Rudolph von der Universität Konstanz, und Studierenden mehrerer bangladeschischer Universitäten an ein gewagtes Unterfangen: Drei Jahre lang wollten wir Surjo Banu, Md. Sahjahan und 2200 weitere Menschen aus 36 Dörfern begleiten und verstehen: Wer erleidet wann welche Schäden durch Hochwasser und Erosion? Und was machen die Betroffenen – bleiben sie im Dorf, oder ziehen sie weg?
Nach dem Verlust ihres Hauses zogen Surjo Banu und Md. Sahjahan zunächst in das flussabwärts gelegene Nachbardorf Char Salimabad. Als dieses im folgenden Jahr ebenfalls von Erosion bedroht war, zogen sie in eine rund hundert Kilometer entfernte Kleinstadt, in die bereits andere Nachbarn aus dem Dorf umgesiedelt waren. Doch schon ein Jahr später kehrten sie in ein Dorf in Flussnähe zurück.
Drei Umzüge in drei Jahren – was extrem klingt, ist in den Dörfern entlang dem Jamuna keine Seltenheit. Viele der Befragten zogen in den drei Jahren der Studie mehrfach um. In der Regel blieben sie in der Nähe ihres ursprünglichen Wohnorts, zogen allenfalls ins Nachbardorf. Viele verlegten ihr Haus nur um wenige hundert Meter, zum Teil innerhalb des angestammten Dorfs.
Warum bleiben die Menschen?
Diese Beobachtung stellte uns vor ein Rätsel: Warum bauen Menschen, die alles verloren haben, ihre Häuser ausgerechnet dort wieder auf, wo sie bei der nächsten Flut erneut unmittelbar bedroht sind? Intuitiv hatten wir erwartet, dass die Betroffenen so weit wie möglich vom Fluss wegziehen würden, um nicht noch einmal die traumatische Erfahrung zu machen, das eigene Haus in den Fluten versinken zu sehen.
Im Verlauf der Studie kristallisierten sich zwei zentrale Motive hinter den sehr kleinräumigen Wanderungsmustern heraus: Viele Betroffene können nicht weiter wegziehen, andere wollen es erst gar nicht.
Zuerst zum Können. Jeder, der schon einmal umgezogen ist, weiss, welche Kosten damit verbunden sind. In der Regel sind diese umso höher, je weiter man wegzieht. Ein Umzug aus dem Maggiatal nach Locarno dürfte günstiger und weniger aufwendig sein als nach Zürich oder gar ins Ausland. Umso schwerer wiegen diese Kosten für diejenigen, die gerade ihr gesamtes Hab und Gut verloren haben. Selbst wer von einem Umzug nach Zürich träumt, wird diesen wohl kaum realisieren können, wenn Haus und Hof gerade vom Fluss weggespült wurden.
Die emotionale Bindung an die Heimat
Neben den rein finanziellen Kosten stellt sich in Bangladesch eine weitere Herausforderung: Im am dichtesten besiedelten Land der Welt ist Land ein knappes Gut. Wer sein Ackerland an den Fluss verliert, hat oft Mühe, Ersatz zu finden. Surjo Banu und Md. Sahjahan hatten das Glück, auf ein Stück Land von Surjo Banus Vater ausweichen zu können. Doch als der Fluss auch dort näher kam, blieb nur der Umzug in die Stadt.
Dass sie aber nach nur einem Jahr wieder an den Fluss zurückkehrten, führt uns zum Wollen, dem zweiten zentralen Motiv hinter den kleinräumigen Bewegungsmustern. Für Md. Sahjahan brach eine Welt zusammen, als das Land, auf dem seine Familie neunzig Jahre gelebt und gewirtschaftet hatte, im Fluss versank. Doch damit nicht genug. Die Entscheidung, ins Nachbardorf zu ziehen, bedeutete auch eine Trennung von Familie und Freunden, die im Heimatdorf geblieben waren. Gerade diese sozialen Netzwerke waren es, die ihm in schweren Zeiten Halt gegeben hatten. All das aufzugeben, war eine schwere Entscheidung. Aber der Fluss liess ihm keine andere Wahl.
Was würden Sie tun, wenn Ihr Haus durch eine Überschwemmung schwer beschädigt würde? Würden Sie es an derselben Stelle wieder aufbauen, oder würden Sie Ihre Sachen packen und woanders neu anfangen? Ich bin in einem Haus in der Nähe eines Flusses aufgewachsen. Würde ich es aufgeben, wenn es überschwemmt würde? Wahrscheinlich nicht. Die meisten von uns sind heimatverbunden, schätzen Natur und Landschaft und wollen Freunden und Familie nahe sein.
Nicht anders ergeht es den Dorfbewohnern, mit denen wir im Rahmen unserer Studie gesprochen haben. Die allermeisten wollen um jeden Preis im Dorf bleiben. Der Wegzug in die Stadt erscheint als letzter Ausweg, wenn alle Stricke reissen. Ein Umzug ins Ausland, vielleicht sogar nach Europa? Daran denkt keiner der Betroffenen.
Was auf menschlicher Ebene nachvollziehbar erscheint, stellt die bangladeschische Regierung vor eine Herausforderung: Bis zu welchem Punkt kann man Dorfgemeinschaften schützen, die extremen Umweltgefahren ausgesetzt sind, aber nicht umsiedeln wollen?
Auch am Jamuna gibt es ingenieurtechnische Möglichkeiten zur Uferbefestigung. Eine relativ kostengünstige Lösung sind Sandsäcke, die am Ufer aufgeschichtet werden. Allerdings halten diese den reissenden Fluten der Regenzeit oft nicht stand und werden weggespült. Stabiler, aber auch deutlich teurer, sind Uferbefestigungen aus Beton. Sie schützen Dörfer und Land für fünf bis zehn Jahre, kosten aber mehrere Millionen Dollar pro Kilometer. In einem Land, das von mehr als 900 Flüssen durchzogen ist, können solche Befestigungen nur punktuell eingesetzt werden. Alle erosionsgefährdeten Dörfer schützen? Unmöglich.
Globale Migration gemäss Daten des Portals Our World in Data: Bei den Wanderungsmustern dominieren weltweit die kurzen Distanzen. Die meisten Migranten überqueren nicht Ozeane oder Kontinente, sondern nur nahegelegene Grenzen, und bleiben in der Nähe ihrer Heimat.
Das Dilemma der Regierungen
Damit stehen Regierungen nicht nur in Bangladesch, sondern in den meisten Regionen der Welt vor einem Dilemma. Denn in einer freiheitlich verfassten Gesellschaft hat der Einzelne grundsätzlich das Recht, seinen Wohnort innerhalb ausgewiesener Siedlungsgebiete frei zu wählen. Was aber, wenn bestimmte Gebiete zunehmend Naturgefahren ausgesetzt sind? Ist der Staat verpflichtet, diese Gebiete um jeden Preis und auf Kosten aller zu schützen? Oder gibt es einen Punkt, an dem die Bewohner zum Umzug gezwungen werden sollten, weil ihr Schutz zu teuer wird?
Bei solchen Fragen gibt es naturgemäss kein Richtig oder Falsch. Sie erfordern einen politischen Aushandlungsprozess, der idealerweise transparent und unter Einbezug der Betroffenen abläuft. Dass es dabei auch zu unangenehmen Entscheidungen kommen kann, ist fast unvermeidlich, wie der Fall des von einem Felssturz bedrohten und vorübergehend evakuierten Bündner Dorfs Brienz zeigt.
Was Brienz mit Bangladesch verbindet, ist der klare Wunsch der Menschen: Wir wollen bleiben. Auch weltweit wollen die meisten Menschen dort bleiben, wo sie sind, selbst wenn sie immer heftigeren Naturgefahren ausgesetzt sind. So wandern Menschen, die durch Umweltveränderungen aus ihrer Heimat vertrieben werden, in der Regel nur über kurze Distanzen. Die überwiegende Mehrheit bleibt im eigenen Land.
Denn während viele in ihrer Heimat bleiben wollen, fehlt es selbst denen, die ins Ausland auswandern möchten, oft an den nötigen Ressourcen. Offizielle Migration erfordert einen Pass und ein Visum, was mit erheblichen Hürden verbunden ist. Und auch die inoffiziellen Migrationswege sind mit hohen Kosten verbunden, sowohl in finanzieller Hinsicht als auch aufgrund der erheblichen Gefahren für Leib und Leben, wie die Tausenden von Toten, die jedes Jahr bei der Überquerung des Mittelmeers ertrinken, auf tragische Weise belegen.
Ob sich diese Muster mit der Zunahme von Naturgefahren ändern und mehr Menschen interkontinental migrieren werden, lässt sich aus heutiger wissenschaftlicher Sicht nicht zuverlässig vorhersagen, da sich beispielsweise auch neue Anpassungsstrategien entwickeln können. Auch in Zukunft ist zu erwarten, dass Menschen, die durch Sturm, Überschwemmung oder Dürre ihr gesamtes Hab und Gut verloren haben, schlicht die Mittel fehlen, um bis nach Europa zu reisen. Schon heute zeigt sich, dass diejenigen Migranten, die ihr Heimatland verlassen, vor allem in die unmittelbaren Nachbarländer ziehen.
Um den Betroffenen zu helfen und gefährliche irreguläre Migration zu verhindern, erscheint es zentral, den Menschen ein sicheres und gutes Leben in ihrer Heimat zu ermöglichen. Dazu gehört auch die Unterstützung bei Anpassungsmassnahmen, die lokale Regierungen oft nicht aus eigener Kraft leisten können. Surjo Banu und Md. Sahjahan zum Beispiel haben jahrelang auf eine Uferbefestigung gehofft, die ihr Haus und ihr Land geschützt und sie vor der Umsiedlung bewahrt hätte. Dass sich die Schweiz nun nach fünf Jahrzehnten aus der Entwicklungszusammenarbeit mit Bangladesch zurückzieht, bedeutet für viele dringend notwendige Anpassungsprojekte das Aus.
Migration als Anpassung
Dort, wo Anpassung vor Ort oder kleinräumige Umsiedlung nicht mehr möglich ist – wie im Fall der im Meer versinkenden pazifischen Inselstaaten –, sollten wir als Anpassungsstrategie etwas in Betracht ziehen, was bisher selten so gesehen wurde: Migration. Denn Migration ist keineswegs nur ein Übel, das es einzudämmen gilt. Für Betroffene kann sie eine Möglichkeit sein, trotz widrigen Umweltbedingungen das Überleben für sich und ihre Angehörigen zu sichern. Und auch für Gesellschaften in Europa kann Migration Vorteile bieten, etwa um den demografischen Wandel auf dem Arbeitsmarkt auszugleichen.
Wo also geht die Reise hin, für Bangladesch, die Schweiz und global? Tatsache ist, dass sich die Umwelt in einer Weise verändert, die unumstösslich geglaubte Sicherheiten ins Wanken bringt. So hat das Hochwasser im Tessin nicht nur Neubauten der letzten Jahrzehnte, sondern auch jahrhundertealte Rustici erfasst. Wie wir uns darauf einstellen, ist eine der zentralen Fragen unserer Zeit. Am Ende wird es für viele auf eine schwerwiegende Entscheidung hinauslaufen: Bleiben oder gehen?
Jan Freihardt ist Umweltingenieur und Politikwissenschaftler am Lehrstuhl für Internationale Politische Ökonomie und Umweltpolitik der ETH Zürich.

