Die hohe Kunst des Versagens
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Die hohe Kunst des Versagens

Die hohe Kunst des Versagens

Golf ist die einzige gesellschaftlich akzeptierte Form des permanenten Versagens. Allerdings braucht es kreative Erklärungen für das Versagen.
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Am besten hat es noch immer Altmeister Jack Nicklaus formuliert, mit achtzehn Major-Siegen der erfolgreichste Golfspieler aller Zeiten. Als ihn nach einem Turniersieg ein Reporter nach der Erklärung seines Erfolgs befragte, sagte er lachend: «Ich versagte heute bloss ein bisschen weniger als die anderen.»

mauritius images / Alamy Stock Photos / Murray's Golf Guide
Es gibt keine Schläge unter die Gürtellinie und keine falsch präparierten Ski.
mauritius images / Alamy Stock Photos / Murray's Golf Guide

Ja, so ist es auf den Punkt gebracht, wie jeder Golfer weiss. Golfplätze sind die Spielfelder des Versagens. Man versagt permanent. Das Seltsame daran ist nur, dass die Versager auf den Fairways und Greens nicht genug von ihrem Versagen bekommen können.

Nehmen wir Fred. Als ich zuletzt mit ihm unterwegs war, spielte er eine Runde zum Vergessen. Er packte so ziemlich alles aus, was Golf an Widrigkeiten zu bieten hat. Schon am dritten Loch kam er erst mit einer Fünf vom Tee weg, weil sein Abschlag zweimal im Aus gelandet war. Dann produzierte er Mitte Spielbahn einen gewaltigen Shank, und der Ball endete seitwärts im Wasser. Etwas später brauchte er drei Versuche, um aus dem Bunker zu kommen. Natürlich traf er auch jeden Baum, der einigermassen in Reichweite war.

Nach neun Loch fragte ich: «Fred, wäre es nicht gescheiter, wenn wir aufhören und drüben im Klubhaus ein Bier trinken gehen?» «Wir spielen weiter», sagte Fred, «Bier trinken kann ich schon gut genug.»

 

Psychologie des Golfers

Wir spielten weiter, aber es wurde nicht viel besser. Die Bäume duckten sich weiterhin nicht weg, wenn er in Sichtweite kam. Am Schluss spielte Fred einen Score von etwa zwanzig Schlägen über seinem Handicap. «Das war heute wirklich zum Weinen», lachte er aus vollem Herzen.

Bevor wir dann doch noch ins Klubhaus abmarschierten, buchte Fred eine Runde für den übernächsten Tag. Er freue sich schon, sagte er.

Damit wären wir beim wesentlichen Aspekt der golferischen Psychologie. Der Golfer versagt zwar permanent, aber er versagt mit Genuss.

Ein berühmtes Beispiel in der Golfgeschichte war der Rentner Bob Siddle. Er gewann in der englischen Lotterie über zehn Millionen Pfund. Er brachte es anschliessend zu lokaler Berühmtheit, weil er monatelang den Millionenscheck auf der Post nicht abholte. Von Montag bis Samstag sei er auf dem Golfplatz, erklärte Siddle, und zwar bei jedem Wetter, da bleibe keine Zeit für Nebensächlichkeiten. Und am Sonntag sei die Post dummerweise geschlossen.

Das wirklich Erstaunliche an Bob Siddle aber war, dass er ein lausiger Golfer war, untalentiert und ungeschickt, wie alle in seinem Klub wussten. Dass er dennoch lieber Golf spielte, als reich zu werden, macht ihn artentypisch. Er erklärt die Psychologie des Golfers ausserordentlich präzise. Der Golfer zieht den Misserfolg auf dem Golfplatz dem Erfolgserlebnis ausserhalb des Golfplatzes bei weitem vor.

Man versagt allein. Golf ist auch darum so speziell, weil es kein Pardon kennt.

Warum also tut der Golfer dauernd Dinge, die er nachgewiesenermassen nicht kann? Warum verlässt der Golfer am Nachmittag freiwillig sein komfortables Büro, um dann aus zehn Metern Entfernung den Ball – vor Zeugen – platschend in einem Ententeich zu versenken? Und warum steht der Golfer am Sonntag freiwillig in aller Herrgottsfrühe auf, um dann – vor Zeugen – seinen Ball mit einem schrecklichen Slice zu den Eichhörnchen im Wald zu dreschen?

Und warum kommt der Golfer in den nächsten Tagen todsicher zurück und gibt den Enten und den Eichhörnchen eine zweite und eine dritte Chance?

Golf ist die einzige gesellschaftlich akzeptierte Daseinsform des permanenten Misserfolgs. Darum ist Golf auch so populär geworden in einer Zeit, in der die Leistungsgesellschaft sonst jeden kleinen Fehlschlag, ob im Unternehmen oder in der Politik, gnadenlos heruntermacht.

Golf ist für sonstige Leistungsträger ein letztes Refugium der Unschuld geworden. Man stelle sich einmal vor, man würde sich im Job ähnlich oft verhauen wie auf dem Golfplatz. Man würde ziemlich schnell gefeuert. Auf dem Golfplatz wird keiner gefeuert. Hier wird gefeiert.

In britischen Golfklubs hängen mitunter kleine Wandteppiche im Klubhaus, auf denen die Worte eines unbekannten Golfphilosophen eingestickt sind: «Real golfers don’t cry when they line up their fourth putt.»

Echte Golfer weinen nicht, auch dann nicht, wenn sie sich zum vierten Putt aufstellen. Sie weinen nie. Sie wissen: Man kann auf dem Platz richtig entspannt versagen, man kann permanent versagen, und man versagt allein.

Man versagt allein. Golf ist auch darum so speziell, weil es kein Pardon kennt. Es gibt keine externen Entschuldigungen für die eigene Schwäche. Niederlagen sind selbstgefertigt. Es gibt keine ungerechten Schiedsrichter, keine Schläge unter die Gürtellinie und keine falsch präparierten Ski. Verantwortlich für alles, was geschieht, bin nur ich. Man spielt nur gegen sich selbst. Alle Wunden sind Selbstverstümmelungen.

Der Teufel kann nichts dafür

Das ist eine ebenso ungewohnte wie faszinierende Lebenssituation. Es versagt das alte christliche Grundprinzip der externen Schuldzuweisung. Die üblichen Sündenböcke taugen nichts; der Teufel kann nichts dafür, der Chef ist nicht schuld, der Ehepartner nicht, nicht die Mitspieler, nicht der Platz, nicht der Ball und nicht der Schläger. Nur ich.

Nun, der Schläger manchmal eben doch. Der Mangel an aussenstehenden Sündenböcken will noch lange nicht bedeuten, dass Golfer nicht von hohem Einfallsreichtum beseelt wären, wenn es darum geht, die besten Entschuldigungen für das eigene Versagen zu finden. «Ich wollte das Sechser-Eisen nehmen und habe das Neuner-Eisen erwischt», sagt zum Beispiel der Golfer, wenn der Ball wieder mal nach mickriger Flugbahn im Bach gelandet ist.

Auch beim noch so entspannten Versagen braucht es eine Erklärung für das Versagen. Für einen schlechten Schlag braucht es eine gute Ausrede.

Die vielleicht beste Ausrede, die ich jemals hörte, war auf einem Green. Der Putt meines Mitspielers war nicht schlecht. Aber kurz vor dem Ziel bog der Ball ab und zog links am Loch vorbei. Mein Mitspieler schüttelte den Kopf. «Verdammte Erdkrümmung!», rief er dem Ball hinterher.

 

Extremer Outdoor-Sport

Golfer sind, wie wir wissen, ein kreatives Völkchen. Sie sind darum enorm kreativ, wenn sie eine Ausrede für das eigene Versagen finden müssen. «Mein Hund hat meinen Handschuh gefressen», sagte mir mal einer, «und mit dem Ersatz komme ich einfach nicht zurecht.» «Ich spiele am besten mit meiner hellblauen Mütze, aber die habe ich zu Hause vergessen», sagte mir mal einer. «Genau in dem Moment, als ich auf den Ball schlug», sagte mir mal einer, «hat sich eine Fliege auf den Ball gesetzt.»

Das ist schon sehr kreativ.

Gut ist nach einem missglückten Schwung auch ein Hinweis auf die Verdauung. «Ich habe vor dem Spiel zu viel gegessen» ist nicht schlecht. «Ich habe vor dem Spiel zu wenig gegessen» geht auch.

In keiner anderen Sportart gibt es so viele Ausreden für eine Fehlleistung wie im Golf. Das liegt zuerst daran, dass Golf ein extremer Outdoor-Sport ist. Man spielt mitten in der Natur. Anders als in Hallen und Stadien gibt es in der Natur dauernd Wind und Sonne und Regen und Fauna und Flora und damit ein riesiges Angebot an möglichen Entschuldigungen.

Als Ausrede geht: «Ich bin untergolft.» Oder: «Ich bin übergolft.»Im entscheidenden Moment setzt sich dann eine Fliege auf den Ball und stört. Im entscheidenden Moment pfeift ein Vogel und stört. Im entscheidenden Moment wirbelt der Wind ein paar Blätter auf und stört. Im entscheidenden Moment ist das Gras zu hoch, zu tief, zu nass, zu trocken, zu grün oder zu gelb.

Die besten Ausreden sind die flexiblen Ausreden. Jene Ausreden, bei denen auch das Gegenteil eine gute Ausrede ist. «Ich kam in den letzten Monaten überhaupt nicht zum Spielen» ist eine gute Ausrede für schlechte Schläge. «Ich habe in den letzten Monaten viel zu viel gespielt» ist auch nicht übel. Als Alternative geht: «Ich bin untergolft.» Oder: «Ich bin übergolft.»

Gut ist immer auch die Materialfrage: «Mit diesen neuen Schlägern komme ich einfach noch nicht zurecht.» Oder wechselweise: «Mit diesen alten Schlägern komme ich einfach nicht mehr zurecht.»

Das Timing hat auch seine beiden Seiten. «Der Flight vor uns ist so langsam. Ich kann nicht Golf spielen, wenn ich immer warten muss.» Oder dann: «Der Flight hinter uns ist so schnell. Ich kann nicht Golf spielen, wenn ich immer gedrängt werde.»

Das ist das Grundmuster. Halte immer beide Optionen offen. «Ich hatte soeben eine Golflektion, und darum klappt nichts mehr.» «Ich hatte schon lange keine Golflektion mehr, und darum klappt nichts mehr.» «Der Wind war stärker, als ich dachte.» «Der Wind war schwächer, als ich dachte.» «Ich bin mit dem Fuss ausgerutscht.» «Ich bin mit dem Fuss hängengeblieben.»

 

Das Universalrezept

Die hohe Kunst des Versagens wird durch die Kombination von schlechten Schlägen mit schlechten Ausreden zum Gesamtkunstwerk. Jeder Golfer weiss, dass es nach einem guten Schlag nur eine Frage der Zeit ist, bis ihn wieder das übliche Versagen ereilt. Und jeder Golfer weiss, dass das übliche Versagen noch mehr Spass macht, wenn man es mit allerlei skurrilen Erklärungen bekränzt.

Wenn der Golfer nach der Runde alle Ausreden durchhat, dann bleibt nach dem letzten Putt, der am Loch vorbeirollt, immer noch das Universalrezept. Schuld ist dann diese «verdammte Erdkrümmung».

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