Die Täter von Crans-Montana
Suchbegriff

Die Weltwoche bietet tägliche Analysen, exklusive Berichte und kritische Kommentare zu Politik, Wirtschaft und Kultur.

Konto Anmelden
Abonnemente
Jedes Abo eine Liebeserklärung an die Meinungsvielfalt.
AboDigital
Für alle, die Online lesen wollen
Alle Artikel online lesen
E-Paper inklusive
App (iOS & Android)
AboPrint & Digital
Printausgabe & digital jederzeit dabei
Wöchentliche Printausgabe
Alle Artikel online lesen
E-Paper inklusive
App (iOS & Android)
Sind Sie noch nicht überzeugt? Details zu den Abos
Die Weltwoche

Die Täter von Crans-Montana

Editorial

Die Täter von Crans-Montana

Anhören ( 5 min ) 1.0× +
Die Täter von Crans-Montana
Die Täter von Crans-Montana
0:00 -0:00
1.0×
100%
Mehr ▾

Allmählich erreichen uns die erschütternden Bilder aus den Spitälern. Dort liegen die über hundert Jugendlichen und Kinder, die in der Silvesternacht in Crans gefeiert haben. Sie befinden sich im künstlichen Koma. Ihre Körper sind aufgeschwemmt durch medizinische Flüssigkeiten. Ihre Gesichter sind eine verbrannte, rote Fleischmasse. Die Haut an ihren Armen und Beinen ist aufgeplatzt oder chirurgisch aufgeschnitten. Es wird Monate, Jahre dauern, ungezählte Operationen brauchen, bis die Wunden verheilen, wenn man von Heilung jemals sprechen kann.

© KEYSTONE / ALESSANDRO DELLA VALLE
KEYPIX - Police officers are seen near the area where a fire broke out at the Le Constellation bar and lounge following an explosion in the early hours of New Year's Eve, in Crans-Montana, Switzerland, Thursday, January 1, 2026
© KEYSTONE / ALESSANDRO DELLA VALLE

Irgendwann werden sie aus dem Koma erwachen und in den Spiegel schauen. Sie werden sich nicht wiedererkennen vor lauter Bandagen oder später, wenn die Verbände abgenommen werden, in entstellte, fürs Leben gezeichnete Gesichter blicken. Man will sich nicht ausmalen, wie sie sich dabei fühlen werden. Werden sie den Tag verfluchen, an dem sie gerettet wurden? Werden einige von ihnen die vierzig Toten beneiden, Freunde, denen immerhin die Last erspart geblieben ist, die Wunden und Erinnerungen ein Leben lang mit sich herumzutragen?

Auch vor diesem Hintergrund ist es unerträglich, dass das französische Betreiberpaar der Bar «Le Constellation», in der sich das Inferno zutrug, noch immer frei herumläuft. Bis zum heutigen Tag sitzt kein Verdächtiger in Untersuchungshaft. Die Walliser Staatsanwältin redet davon, die Wirte würden kooperieren, obwohl die Medien längst aufgedeckt haben, dass die Ehefrau noch in der Brandnacht vielleicht belastende Social-Media-Postings löschte, wohl in der Absicht, Spuren zu verwischen. Die Walliser Justiz erweckt den Eindruck, sie wolle diesen Fall nicht aufdecken, sondern vertuschen.

Vor den Medien vermitteln die zuständigen Behörden bis jetzt ein trauriges Bild. Die Medienkonferenzen waren eine Beleidigung für die Betroffenen, die Angehörigen und alle anderen, die sich mit wachsender Fassungslosigkeit fragen, wie um alles in der Welt so etwas in der Schweiz passieren, wie eine derartige Verkettung von Inkompetenz, Schlamperei, kollektiver Verantwortungslosigkeit und tödlicher, mutmasslich krimineller Profitgier – Geldwäscherei? – in einer Katastrophe dieses Ausmasses gipfeln konnte. Niemals hätte diese Bar, die für die Jugendlichen zum Krematorium wurde, in Betrieb gehen dürfen.

Der Kanton Wallis sollte den Fall an unabhängige, ausserkantonaleJustizbehörden abgeben.

Sechs Jahre lang hat die Gemeinde das Lokal nicht mehr kontrolliert. Es gab unzureichende Fluchtwege. Die Innenräume waren mit einer möglicherweise verbotenen, ultrabrennbaren Kunststoff-Isolation ausgestattet. Noch als sich die Flammen an der Decke ausbreiteten, lief die Musik weiter. Viele tanzten. Niemand befahl eine Evakuierung.Die Gattin des Wirts kam mit leichten Verletzungen davon, während ihre jugendlichen Gäste im Untergeschoss zu Dutzenden verbrannten.

Verantwortlich sein will niemand. Alle schieben sich den schwarzen Peter zu, der Betreiber den Behörden, die Behörden dem Betreiber, und der kantonale Sicherheitsdirektor (FDP) sagt, «alles» könne man nun einmal nicht verhindern, während die Staatsanwältin (FDP) den Gemeindepräsidenten (FDP), gegen den sie ermitteln müsste, vor Kritik der Journalisten in Schutz nimmt. Nein, «alles» verhindern kann man nicht, aber diesen Horror mit Ansage hätten die Behörden verhindern können und verhindern müssen, hätten sie denn nur ihre steuerlich finanzierten Pflichten erfüllt.

 

Ein anderes finsteres Kapitel ist der Wirt, Jacques Moretti, Franzose, Korse, verurteilter Krimineller, laut französischen Berichten wegen schwerer Zuhälterei, Betrug und Freiheitsberaubung. Als die korsischen Medien das Strafregister des Gastronomen längst enthüllt hatten, weigerten sich unsere Journalisten noch, seinen Namen zu nennen. Blick-Kollegen versuchten, Moretti vor seinem Haus zu stellen, doch dieser schickte ihnen einen Rohling entgegen und eine Kaskade übler Verwünschungen. Die importierte Mafia gibt Schweizern den Tarif durch. EU-Personenfreizügigkeit sei Dank.

Am Dienstag trat die Gemeinderegierung von Crans erstmals vor die Medien. Der Präsident sagte allen Ernstes, nachdem er tagelang abgetaucht war, sein Gremium sei «als Geschädigter am meisten betroffen, vor allen anderen», also noch vor den Opfern und deren Angehörigen. Die bemerkenswerte Pietätlosigkeit ist nur eine weitere Facette in einem Bild erschreckenden Ungenügens. Jetzt versteckt sich die Exekutive hinter einer nachgeschobenen Anzeige gegen die Betreiber, um sich als Opfer von Vorgängen zu inszenieren, die zu verhindern ihre Verantwortung gewesen wäre.

 

Die Katastrophe von Crans ist ein Verbrechen. Doch die Stellen, die es aufzuklären haben, tun so, als handle es sich um eine Naturgewalt, um eine Heimsuchung des Schicksals. Immer noch zu viele Politiker und Medien übernehmen diese Rhetorik des Verwedelns. Was sich in Crans ereignete, darf in der Schweiz unter keinen Umständen geschehen. Die Behörden haben sicherzustellen, dass niemand Gefahr läuft, bei einem nächtlichen Barbesuch lebendigen Leibs wie in einem Grill-Ofen verbrannt zu werden. Dafür sind die Vorschriften da. Selbst im Brandfall muss eine opferfreie Evakuation gewährleistet sein.

Der Kanton Wallis tut sich und der Schweiz keinen Gefallen, wenn er die Untersuchungen auf diesem Niveau weiterlaufen lässt. Es wäre klüger und auch im eigenen Interesse, den Fall an eine unabhängige, ausserkantonale Justiz abzugeben, zum Beispiel an die Staatsanwaltschaften von Genf oder der Waadt. Vierzig Tote und über hundert Schwerverletzte nach einem menschenverursachten Brand in einer Silvesternacht: Das allein ist der Beweis für kolossales, mutmasslich kriminelles Versagen. Lückenlose Aufklärung mit aller Härte und ohne jeden Anschein von Filz, Befangenheit und neuerlicher Schlamperei ist das Mindeste, was der Rechtsstaat verlangt und der Respekt vor den Opfern gebietet. R. K.

Abonnement
1. Start
2. Ihre Angaben
3. Zahlungsart
4. Abo prüfen
1. Start
2. Ihre Angaben
3. Zahlungsart
4. Abo prüfen
1. Start
2. Ihre Angaben
3. Zahlungsart
4. Abo prüfen
1. Start
2. Ihre Angaben
3. Zahlungsart
4. Abo prüfen
1. Start
2. Ihre Angaben
3. Abo prüfen
Startdatum: 01.04.2026
Mit der Bestellung akzeptieren Sie unsere AGBs.
Ihre Angaben
  • Dieses Feld dient zur Validierung und sollte nicht verändert werden.
  • Dieses Feld wird bei der Anzeige des Formulars ausgeblendet
  • Dieses Feld wird bei der Anzeige des Formulars ausgeblendet
    (Newsletter kann jederzeit wieder abbestellt werden)

Netiquette

Die Kommentare auf weltwoche.ch/weltwoche.de sollen den offenen Meinungsaustausch unter den Lesern ermöglichen. Es ist uns ein wichtiges Anliegen, dass in allen Kommentarspalten fair und sachlich debattiert wird.

Das Nutzen der Kommentarfunktion bedeutet ein Einverständnis mit unseren Richtlinien.

Scharfe, sachbezogene Kritik am Inhalt des Artikels, an Protagonisten des Zeitgeschehens oder an Beiträgen anderer Forumsteilnehmer ist erwünscht, solange sie höflich vorgetragen wird. Wählen Sie im Zweifelsfall den subtileren Ausdruck.

Unzulässig sind:

  • Antisemitismus / Rassismus
  • Aufrufe zur Gewalt / Billigung von Gewalt
  • Begriffe unter der Gürtellinie/Fäkalsprache
  • Beleidigung anderer Forumsteilnehmer / verächtliche Abänderungen von deren Namen
  • Vergleiche demokratischer Politiker/Institutionen/Personen mit dem Nationalsozialismus
  • Justiziable Unterstellungen/Unwahrheiten
  • Kommentare oder ganze Abschnitte nur in Grossbuchstaben
  • Kommentare, die nichts mit dem Thema des Artikels zu tun haben
  • Kommentarserien (zwei oder mehrere Kommentare hintereinander um die Zeichenbeschränkung zu umgehen)
  • Kommentare, die kommerzieller Natur sind
  • Kommentare mit vielen Sonderzeichen oder solche, die in Rechtschreibung und Interpunktion mangelhaft sind
  • Kommentare, die mehr als einen externen Link enthalten
  • Kommentare, die einen Link zu dubiosen Seiten enthalten
  • Kommentare, die nur einen Link enthalten ohne beschreibenden Kontext dazu
  • Kommentare, die nicht auf Deutsch sind. Die Forumssprache ist Deutsch.

Als Medium, das der freien Meinungsäusserung verpflichtet ist, handhabt die Weltwoche Verlags AG die Veröffentlichung von Kommentaren liberal. Die Prüfer sind bemüht, die Beurteilung mit Augenmass und gesundem Menschenverstand vorzunehmen.

Die Online-Redaktion behält sich vor, Kommentare nach eigenem Gutdünken und ohne Angabe von Gründen nicht freizugeben. Wir bitten Sie zu beachten, dass Kommentarprüfung keine exakte Wissenschaft ist und es auch zu Fehlentscheidungen kommen kann. Es besteht jedoch grundsätzlich kein Recht darauf, dass ein Kommentar veröffentlich wird. Über einzelne nicht-veröffentlichte Kommentare kann keine Korrespondenz geführt werden. Weiter behält sich die Redaktion das Recht vor, Kürzungen vorzunehmen.