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Die Weltwoche

«Die Taliban kämpfen für die Frauen»

«Die Taliban kämpfen für die Frauen»

Die Welt ächtet Afghanistan. Zu Recht? Auf einer Reise in die Berge, in den Osten, nach Gesprächen mit Guerillakriegern, Stammesältesten, NGOs und einer alleinerziehenden Mutter mit ihren beiden Töchtern werfen wir einige Vorurteile über Bord.
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Afghanistan ist ein Land,
das noch nie erobert wurde, ausser
von seinen eigenen Bewohnern.

Lord Byron

 

Trump ist verrückt!»

Das sagte schon der Gesundheitsminister, als wir ihn vor drei Tagen zum Tee trafen.

Eben kam in den Nachrichten, ein Afghane habe in den USA ein Attentat auf amerikanische Nationalgardisten verübt. US-Präsident Trump nennt Afghanistan «ein Höllenloch».

www.casparmartig.ch
Denkmal des Durchhaltewillens, Symbol der Widerstandskraft: sowjetischer Panzer als Trophäe und Fotosujet für Ausflügler an einer Autobahnraststätte.
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Mich hätte es vermutlich stärker geärgert, aber die Afghanen im Auto, Mitarbeiter unseres Verbindungsmanns, eines privaten Unternehmers, bleiben cool.

Einer sagt: «Das kommt davon, wenn man mit Verrätern zusammenspannt. Zuerst verraten sie Afghanistan, jetzt verraten sie die Amerikaner, ihre Arbeitgeber.»

Der Attentäter sei kein typischer Afghane, vermutet der Chauffeur, im Gegenteil, sein Verhalten, wenn es denn stimmt, sei «unafghanisch».

Und das «Höllenloch»?

«Ach», sagt ein anderer, so würde Trump halt reden. Das dürfe man nicht wörtlich nehmen. Ausserdem hätten sich die Amerikaner ja mächtig ins Zeug gelegt, um Afghanistan in ein «Höllenloch» zu verwandeln. Zum Glück seien sie gescheitert, auch hier.

Allgemeine Heiterkeit.

Ich erinnere mich an unser Gespräch mit einem der Minister. Ich hatte ihn gefragt, was er vom amerikanischen Präsidenten halte. In Europa sehen ihn manche als Friedensstifter. Wie ist die Meinung in Afghanistan?

Der Politiker wirkte eher unbegeistert. Trump? Seiner Meinung nach sei er nicht ganz normal, aber das sei von aussen schwer zu beurteilen.

«Trump unterstützt Pakistan, und Pakistan will Unruhe schaffen in Afghanistan, um sich politisch einzumischen. Das ist gegen unser Interesse.»

Ich solle aber schreiben, seine Regierung sei nicht gegen die USA. Der Emir habe dem einstigen Feind vergeben. Man sei bereit, auch mit den Amerikanern zusammenzuarbeiten.

Es gibt Gerüchte, Trump wolle sich wieder den alten US-Stützpunkt Bagram krallen. Deshalb habe er die Kopfgelder gestrichen, die auf einflussreiche Taliban-Leader ausgeschrieben waren, etwa Innenminister Siradschuddin Haqqani, den Chef des mächtigen Haqqani-Netzwerks.

Trump braucht Bagram, um seine «Perlenschnur» gegen China mit weiteren Basen in Südkorea, Japan und den Philippinen anzuziehen. Das berühmte Flugfeld liegt nördlich von Kabul. Dort haben schon Alexander der Grosse und die Russen ihre Heerlager aufgestellt. Offiziell sind die Taliban dagegen. Aber es kursiert die Idee, man könne Trump die Militärbasis vermieten – für eine Milliarde Dollar. Pro Monat.

 

Zwischen «The Shining» und Zuversicht

Wir fahren in den Westen der Hauptstadt. Dort will ich mir anschauen, was vom legendären«Interconti» übrigblieb. Vor über fünfzig Jahren wurde das Luxushotel mit viel Pomp und Prominenz eröffnet. Es soll sich auf einer der schönsten Anhöhen Kabuls befinden, mit einem Panoramablick über die ganze Stadt.

Etwas vergilbt, unter einer dicken Staubschicht, entdecken wir auf dem verbeulten Eingangsschild das grosse «K», das Markenzeichen des «Kabul Intercontinental Hotel». Am Anfang hatte es einen Schweizer Direktor, internationale Küche. Es gab sogar Modeschauen mit französischen Mannequins. Das «Interconti» sollte ein gastronomisches Hauptquartier der Verwestlichung werden, geriet dann aber unter den Dampfhammer der Geopolitik und der afghanischen Geschichte.

Das Gebäude steht noch, im typisch brutalistischen Betonstil der späten sechziger Jahre, Hotelarchitektur, wie man sie auch an den Küsten des Mittelmeers findet, massige Formen, geometrische Härte. Den berühmten Swimmingpool gibt es noch, er sei im Sommer auch in Betrieb. Einen der beiden Tennisplätze könne man benutzen, sagt Herr Azim, der Hoteldirektor, der Optimismus und Unternehmergeist verbreitet.

Diese Mauern haben das ganze Unheil der letzten fünfzig Jahre gesehen und erlitten, Staatsstreich, Machtwechsel, Einmarsch und Niedergang der Sowjets, Bürgerkrieg, Mord, Vergewaltigung, Aufstieg der Taliban, Bomben der Amerikaner, Flucht, Zusammenbruch, Rückkehr der Bärtigen, zarte Friedensknospen, Wiederauferstehung aus Ruinen.

Lange trotzte das Hotel der kriegerischen Hölle, doch irgendwann schlug das Inferno durch. Die obersten Stockwerke brannten nach Raketeneinschlägen aus. Zwischenzeitlich musste geschlossen werden. Herr Azim sagt, seit vier Jahren – er arbeite schon seit zwanzig Jahren hier – könne er sich wieder auf sein Kerngeschäft konzentrieren. Der gleichnamigen Gruppe gehöre das «Interconti» längst nicht mehr, dafür der Regierung, aber immerhin: Man investiere und renoviere.

Manche der Etagen, für die das Geld noch nicht reichte, erinnern etwas an den amerikanischen Horrorfilm «The Shining», aber die Zimmer sind sauber, die Installationen in Ordnung. Es gibt sogar Minibars und luxuriöse Betten im orientalischen Goldverzierungsstil. Auch einige Gäste begegnen uns im Lift.

Im prächtigen Speisesaal, wo einst die Hautevolee des Landes tafelte und nach dem Dessert auf der Terrasse, die einst weggeschossen und nicht mehr aufgestellt wurde, den Rundblick über das nächtliche Kabul genoss bei einem alkoholischen Drink, ist es etwas muffig und düster. Aber dafür, dass sich dieser festungsähnliche Bau von fünfzig Jahren Krieg erholt, ist er erstaunlich gut in Schuss. Der frühere Ableger westlichen Luxus ist heute eine Art Denkmal des Durchhaltewillens, Symbol der Widerstandskraft und der Überlebensfähigkeit dieses so oft massakrierten Landes.

 

«Scharia bedeutet Rechtsstaat»

Die Afghanen zeigen uns einen Stausee ausserhalb der Stadt. Wasser ist in Afghanistan ein Problem. Der Klimawandel macht dem Land zu schaffen. Auch beim Wassermanagement hapert es. Entlang menschenleerer Armeecamps, wo die Amerikaner einst die afghanischen Streitkräfte stationierten, fahren wir über staubige Strassen ohne Asphalt eine Biegung hinunter.

Vor uns liegt ein verlassen wirkendes Freizeit-Resort. Sind die Ferienhäuschen noch bewohnt? Neben der Fahrbahn gibt es Geschäfte. Sie sind geöffnet. Wir fahren an einem Karussell vorbei, bunt, verrostet, schätzungsweise sechzig Jahre alt, aber es läuft. Gleich daneben schwankt eine grosse Schiffschaukel. Es ist Mittagszeit, kein Besucher ist hier, aber Personal wacht über die geisterhaften Anlagen.

Am Strand erwarten uns schon Reiter mit Pferden, junge Buben mit Gewehren. Die Knirpse umringen uns, sobald wir den Wagen verlassen. Auf Kinderschultern balancieren Flinten mit Zielfernrohren. Für ein paar Afghani könnten wir in der Gegend herumballern. Flink laden und entladen die Kleinen die Waffen. Ihre grossen Brüder bieten uns die Pferde zum Reiten an.

Wir kommen zu einer Gartenwirtschaft, sehr gepflegt, mit Bewässerungsanlagen, Lauben und schönen Tischen. In der Luft liegt ein milchiger Nebel aus Staub, Dunst und Trockenheit. Ich bin mit einem Scharia-Gelehrten verabredet, einem afghanischen Dr. iur., Zar Khan Ahmadzai. Er arbeitet für den Roten Halbmond, das islamische Pendant zum Roten Kreuz. Er will mir das islamische Rechtssystem in Afghanistan erklären. Wir hätten darüber im Westen falsche Vorstellungen.

Der junge Mann ist ein sanftzüngiger, nachdenklicher Intellektueller mit einem Hang zur Ironie. Er hat in Kabul studiert und seinen Doktortitel gemacht.

Die Scharia, erklärt er mir, sei die Gesamtheit aller göttlichen Gesetze und Vorschriften, die ein Muslim in seinem Leben befolgen müsse. In einem Land wie Afghanistan sei sie heute die Grundlage des Rechtsstaates.

Rechtsstaat? Ich stelle mir die höhnischen Kommentare meiner Schweizer Freunde vor.

Afghanistan, fährt er fort, habe zum Teil sehr rückständige Gebiete. Dort würden Streitereien und Straftaten bis hin zu Mord vor den Stammesältesten verhandelt. Er erzählt die Geschichte eines Mörders, der sich vor dem Clan des Ermordeten dadurch freikaufte, dass er den Geschädigten zwei Mädchen aus seinem Clan verschenkte. Solche barbarischen Praktiken hätten die Taliban verboten, sagt Zar Khan. Heute komme ein mutmasslicher Mörder vor Gericht. Werde er verurteilt, müsse er ins Gefängnis.

Kein Mädchen dürfe mehr gegen seinen Willen verheiratet werden in Afghanistan. Auch hier hätten die Taliban eingegriffen. Sie seien nicht gegen die Frauen, sondern schützten ihre Rechte, sagt der Doktor der Scharia.

Früher seien Frauen in den Bergen von Brüdern und Verwandten oft um ihr Erbe gebracht worden. Das sei unter den Taliban illegal: «Scharia bedeutet Herrschaft des Rechts, nicht Herrschaft von Männern oder Traditionen.»

Ich frage ihn nach den Ausbildungsbeschränkungen, den Restriktionen, ja Verboten für Frauen, die studieren wollen. Mit ihrem Feldzug gegen die Frauen würden die Taliban, die Vieles gut machen, die Zukunft ihres Landes ruinieren. Zar Khan zückt sein Handy und zeigt mir ein Bild seiner zweijährigen Tochter. Ein äusserst herziges Kind.

«Sie ist das Wichtigste in meinem Leben. Ich liebe sie über alles. Ich will, dass sie später einmal studieren kann. Auch soll sie von einer Frau ärztlich behandelt werden und nicht von einem Mann.»

Durch seine Brillengläser schaut er mich verwundert an. Ob wir Schweizer denn glauben, dass die Afghanen nicht ganz richtig im Kopf seien. «Glaubt ihr im Ernst, wir sind gegen die Frauen?» Er könne mich beruhigen. Die von mir angedeuteten Widersprüche seien den Afghanen und auch den Taliban bekannt.

Nirgends im Koran werde den Frauen verboten, eine höhere Ausbildung zu absolvieren. Die Regierung müsse aber für den Moment Rücksicht auf die politische Lage nehmen. Es seien vorübergehende Massnahmen, glaubt Zar Khan.

Ohne die Kämpfer aus den konservativsten Gebieten hätte man die Amerikaner nicht vertreiben können. Mit überstürzten Reformen würde der noch brüchige Zusammenhalt im Land gefährdet: «Afghanistan braucht Zeit.»

Der Koran lehre Demut und Bescheidenheit. Er sei nicht gegen andere gerichtet und schon gar nicht gegen die Frauen. Dank der Scharia habe Afghanistan die Möglichkeit, wieder seinen Rechtsstaat aufzubauen. Das sei, nach den Blutbädern des Bürgerkriegs und der immensen Korruption, ein bemerkenswerter Fortschritt.

 

Überall ist es sauber

Als ich am Abend mit einer Schweizer Kollegin diese Eindrücke am Telefon bespreche, ist sie ausser sich. Sie hält die Restriktionen für ein Verbrechen und jeden Versuch, dahinter eine Logik zu suchen, für Komplizenschaft.

Mir aber kommt umgekehrt der Gedanke immer absurder vor, Afghanistan an unseren beschränkten Schweizer Massstäben zu messen. Woher wollen wir wissen, was für Afghanistan das Richtige ist? Die Grossmächte haben es mit Zwangsbeglückung versucht, mit Umerziehung, mit der Brechstange, mit Bomben und Militär probiert, die westlichen Segnungen samt Frauenemanzipation in dieses Land hineinzurammen. Funktioniert hat es nicht.

Vielleicht wäre es schlauer, die Afghanen selber entscheiden zu lassen, wie sie leben wollen, ihnen zuzutrauen, dass sie besser wissen als wir, was für sie das Richtige ist.

Von «orientalischem Schlendrian» ist hier nichts zu sehen. Als wir in den Osten und Norden aufbrechen, donnern auf erstaunlich intakten Strassen ganze Züge von Lastwagen ihrem Ziel entgegen. Einmal kommen wir erst nach neun Uhr abends wieder in die Hauptstadt. An der Einfahrtsstrasse fällt mir eine riesige stehende Lastwagenkolonne auf. Ich frage unseren Fahrer, ob sie hier übernachten. Er verneint. Sie würden warten. Bis 22 Uhr sei in Kabul Lastwagenfahrverbot. Nach 22 Uhr gehe es wieder los. Hier wird gearbeitet, ja regelrecht geschuftet, buchstäblich 24 Stunden pro Tag.

Überall entlang der Strassen gibt es Stände, auch draussen auf dem Land, abseits von Dörfern und Weilern, Zeltläden, vollgestopft mit Lebensmitteln und Gütern aller Art. Auf unseren stundenlangen Fahrten kehren wir in vielen Gasthöfen ein. Überall ist es sauber, und das Essen ist üppig und vorzüglich, Lammfleisch, Fisch, Gemüse, süsslicher Parfümreis mit Rosinen, butterzartes gewärmtes Brot, Poulet in allen Varianten. Rückblickend muss ich über die Warnungen meiner Schweizer Bekannten schmunzeln, die mir geraten hatten, am besten gleich meine eigene Verpflegung mitzubringen, so viele Keime und Bakterien würden sich sonst in meine Innereien fressen.

Keinen Tag hatte ich auch nur das mindeste Unwohlsein. Gut, auf Salate habe ich verzichtet, aber sonst alles gegessen. Unser Fotograf, der schon grosse Reportagen in der Dritten Welt machte, drückt immer wieder seine Begeisterung darüber aus, dass Afghanistan viel besser beieinander sei als manche Gegend in Afrika. Die Leute haben nicht viel, aber sie sind gepflegt gekleidet, und selbst dort, wo man nichts hat, bietet man den Fremden etwas an.

 

Beim «Löwen von Pandschir»

Unterwegs ins Pandschir-Tal. Hier herrschte einst der legendäre Warlord Ahmad Schah Massoud, der «Löwe von Pandschir», unverschämt gutaussehend, ein charismatischer Held des Westens. An ihn erinnert heute ein grosses Denkmal in dieser schluchtartigen Provinz mit Fluss und steilen Klippen, die ihren Einwohnern ein ideales Réduit, eine stachlige Widerstandsfestung aus Naturstein bietet.

Die Afghanen, die wir treffen, sehen Massoud kritisch. Er sei eine Marionette des Westens gewesen, kein afghanischer Patriot. Bereits 2001 fiel er einem Bombenattentat durch einen in einer TV-Kamera versteckten Sprengkörper zum Opfer. Seine Armeen übernahm danach sein Sohn. Erst 2021 floh der junge Massoud über Katar nach Frankreich. Von dort aus, behauptet er, führe er jetzt den Widerstand gegen die Taliban.

Vor dem Massoud-Mausoleum zeichne ich eine meiner Sendungen auf. Der Gouverneur des Tals, den wir eben getroffen haben, ruft die Schweiz auf, Technologie, Labore und unternehmerisches Know-how für den Abbau von Rohstoffen einzubringen. Hilfe aus Europa sei erwünscht. Es gebe keine Probleme, die Zusammenarbeit sei unkompliziert, man werde für alles eine Lösung finden.

Draussen dunkelt es schon ein. Während ich vor meiner Handykamera referiere, im Hintergrund der allmählich eindämmernde Monumentalblick auf das Tal des Widerstands, tastet sich plötzlich ein Bärtiger ins Bild. Zaghaft blinzelt er in die Kamera. Als er merkt, dass ich nichts dagegen habe, winkt er seine Kollegen herbei, anfänglich finster dreinblickende Gestalten, allesamt mit Bart und Tuniken. Manche tragen gegen die Kälte Daunenjacken. Allmählich lächelnd formieren sie sich zur Phalanx, zum spontanen «Daily»-Publikum in diesem Tal der Kriege und Gefechte. Am Ende der Aufzeichnung machen wir Selfies und tauschen Bilder aus.

Als ich meine Sachen einpacke, frage ich den Übersetzer, wer die Männer seien. Ehrfurchtsvoll raunt er mir zu: «Guerillakämpfer aus Helmand, die furchterregendsten und gefährlichsten Krieger Afghanistans.» Sie hätten den jungen Massoud vertrieben und das Tal für die Taliban erobert, in äusserst verlustreichen Schlachten mit vielen Toten.

 

Tee mit Taliban-Guerillas

Ich schaue auf Wikipedia nach. Die südliche Provinz Helmand war einst Anbaugebiet von Drogenpflanzen, während der amerikanischen Besetzung Hochburg der Taliban. Vor zwanzig Jahren lancierten dort die Amerikaner eine massive Offensive, gemäss dem Internetlexikon die grösste Militäraktion der US-Marines seit dem Vietnamkrieg. Doch auch diesem Höllensturm widerstanden die sehnigen Krieger der Taliban.

Einer der Männer fragt uns, ob wir ihren Kommandeur treffen wollen. Er wohne nicht weit von hier. Selbstverständlich. Der Weg führt auf einer Holperstrasse an den Fuss einer Steigung. Wir halten an und klettern felsige Stufen hoch. Unsere Handys brauchen wir als Taschenlampen.

Plötzlich stehen wir vor einem Haus. Ist es aus Lehm? Aus Beton? Wohnhaus? Überirdischer Bunker? Vor dem Eingang flattert ein Tuch. Ein bärtiger Mann schiebt es beiseite und gewährt uns Einlass, die rechte Hand zur Begrüssung auf seinem Herz. Drinnen ist es bitterkalt. Wir gehen in die erste Etage, öffnen eine Tür. Die Wärme lullt uns gleich ein.

Wir werden erwartet, eine lockere Runde von Männern. Einige sitzen am Boden, andere stehen auf. Ich darf mich neben den jugendlich wirkenden Kommandanten setzen. An den Wänden hängen Tücher, Adidas-Taschen und russische Kalaschnikows.

Der Kommandant spricht englisch. Er habe, erzählt er stolz, schon mal der BBC ein Interview gegeben. Er sei 42 Jahre alt. 18 Jahre davon habe er im Krieg gekämpft. Viele Männer habe er verloren. Seine Hand zeigt auf ein Kunststoffplakat an der gegenüberliegenden Wand. Darauf gezeichnet sind zwei Sturmgewehre, umgeben von unzähligen arabischen Buchstaben. Dies seien nur die Namen seiner gefallenen Offiziere, insgesamt seien Tausende von Soldaten gestorben.

Ich frage, warum die Amerikaner trotz massiver Überlegenheit verloren haben.

«Die Amerikaner waren starke Krieger», sagt der Kommandant, «aber ihr Fehler war, dass sie widerrechtlich unser Land besetzten. Sie hatten nichts zu suchen in Afghanistan. Wir hatten ihnen nichts getan, trotzdem nahmen sie uns unser Land.»

«Haben Sie jemals am Sieg gezweifelt?»

«Niemals, nie. Wir Afghanen haben keine Angst vor dem Tod. Wenn ich im Kampf sterbe, sterbe ich glücklich. Denn ich weiss, dass meine Kameraden, die noch leben, an meiner Stelle zehn meiner Feinde töten werden. Unser Leben zählt nicht. Wir kämpfen für unsere Frauen, für unsere Familien, für unser Land, für Gott.»

«Für Ihre Frauen?»

«Die Taliban kämpfen für die Frauen! Wir lebten vierzig Jahre unter Bomben. Seit meiner Kindheit herrschte Krieg. Keine unserer Frauen musste jemals kämpfen. Niemand hat es von ihnen verlangt. Wir haben den Krieg von unseren Frauen ferngehalten. Wir haben sie beschützt.»

«Was machen Sie jetzt, da der Krieg vorbei ist?»

«Wir legen die Waffen nieder. Wir Afghanen sind kein kriegerisches Volk, wir sind ein friedliches Volk. Wir wollen mit allen Ländern zusammenarbeiten. Wir haben keine Feinde. Unser Emir hat allen vergeben, die früher unsere Feinde waren. Auch den Afghanen, die dem Feind geholfen haben. Sie können zurückkommen. Keinem wird ein Haar gekrümmt.»

Seine Männer heben ihre gläsernen Tassen, Ingwer-Grüntee, um den Gästen aus der Schweiz Gesundheit und ein langes Leben zu wünschen. Weil es schon spät ist und wir wieder in die Stadt zurückmüssen, lehnen wir das uns angebotene Abendessen ab.

Grübelnd starre ich aus dem Autofenster. Ist wirklich alles, was ich über die Taliban zu wissen glaubte, falsch? Aber es gab doch die Verbindung mit dem Terrornetzwerk al-Qaida von Osama Bin Laden. Die Taliban gelten bei uns im Westen, nach wie vor, als Handlanger des Bösen, islamistische Fanatiker und Frauenunterdrücker. Kaum eine Regierung weltweit anerkennt sie. Sie werden boykottiert. Nicht einmal vor der Uno-Vollversammlung dürfen ihre Vertreter sprechen. Die «Weltgemeinschaft», so heillos verkracht sie auch sein mag, in einem Punkt scheint sie sich einig: in der unverhandelbaren Ächtung der Taliban, die auf mich nun so verstörend anders wirken. Ich nehme mir vor, meine Beobachtungen am Schluss mit NGO-Leuten nochmals kritisch zu bespiegeln.

Vorerst aber unterhalte ich mich mit dem aus nobler afghanischer Familie stammenden Sedick Hamed, dem 72-jährigen distinguierten HSGler aus Lostorf/Solothurn mit Teilwohnsitz in Kabul, dem Ländereienbesitzer, der acht Monate pro Jahr in Afghanistan verbringt und deren vier bei seiner Familie in der Schweiz.

 

Sündenbock Amerikas

1970 kam er zum Studium in seine neue Heimat. Seit Ende der achtziger Jahre ist er wieder regelmässig in seiner alten. Sein Vater, Dr. Samed Hamed, Jus-Abschluss an der Uni Bern, hatte in den sechziger Jahren für den afghanischen König eine neue Verfassung geschrieben, Afghanistans Übergang von der absoluten zur konstitutionellen Monarchie.

Wir kommen an malerischen, wie breite Flüsse aussehenden Stauseen vorbei. An einer Raststätte entdecken wir auf einem Podest einen alten Sowjetpanzer. Den Taliban-Gegnern diente er als Widerstandswaffe. Heute ist er eine Trophäe und beliebtes Fotosujet für Ausflügler. Wir decken uns mit Wasser und Snacks ein und fahren weiter.

Auf der Strasse in einer weiteren dieser engen Felsschluchten, aus deren Hängen früher Banditenbanden herunterfeuerten, frage ich Herrn Hamed über die Geschichte Afghanistans aus. Was hat die Mentalität dieser Menschen geformt und geschmiedet? Und warum nur konnte das Land nach vierzig Jahren Frieden so fürchterlich aus dem Gleis geworfen werden?

Auch der afghanische Lord findet keine einfachen Antworten. Noch immer nimmt er es dem König übel, dass er 1973, auf Erholungsreise in Rom, die Krone seinem putschenden Cousin Daoud einfach übergeben habe. «Er hätte kämpfen sollen!» Vielleicht, mutmasst der sich gewählt ausdrückende Hamed, habe es sich die alte Elite am Ende mit ihrer Arroganz verscherzt. Das ist seine grösste Hoffnung, aber auch seine grösste Sorge im heutigen Afghanistan. Er schätze an der neuen Regierung ihre Bodenständigkeit. Das aber müsse so bleiben. Mit Sorge erzählt er von Beispielen, es seien zum Glück nur wenige, wie Emporkömmlinge der neuen Führungsschicht sich in der Innenstadt die alten Villen der früheren Machthaber rafften. Würden die Taliban dekadent und korrupt wie ihre Vorgänger, werde diese Regierung scheitern. Was er nicht wünsche und im Moment auch nicht glaube.

Über die «Untertanenmentalität» mancher Landsleute ärgert er sich. Er erzählt die Geschichte, wie er wegen seines Landbesitzes, den die Sowjets enteignet hatten, bei den Behörden gerichtlich die alten Urkunden sicherstellen wollte. Einige seiner afghanischen Bekannten hätten ihm geraten, doch einfach Bestechungsgelder zu bezahlen. Das sei einfacher und erfolgreicher als der Gang vor einen Richter. Er habe abgelehnt, sei vor Gericht gelangt und habe schliesslich recht bekommen. Ganz legal sei ihm der alte Familienbesitz, Stück für Stück, zurückerstattet worden.

«Das ist das neue Afghanistan», sinniert er, als wir endlosen Maulbeerbaum- und Eukalyptuswäldern entlangfahren. Die Landschaft wird im Osten üppiger, es gibt mehr Vegetation. Der Himmel klart auf. Das liegt an den grossen Flüssen, die hier trotz monatelanger Trockenzeit Wasser führen. Die Taliban, erklärt Herr Hamed, würden sich grosse Mühe geben, sie seien den Bürgern gegenüber zuvorkommend. Man sei bestrebt, mit allen Ethnien und Stämmen zu sprechen, nicht nur mit den dominierenden Paschtunen. Das seien alles hoffnungsfrohe Zeichen. «Wenn es so weitergeht, erleben wir jetzt die Wiedergeburt Afghanistans, eine echte Renaissance nach fünfzig Jahren Krieg.»

Wir sprechen über Terrorismus. Hätten die Taliban damals nicht das Netz von al-Qaida und Osama Bin Laden unterstützt? Auch sei der saudische Islamisten-Leader in der afghanischen Gebirgsfeste Tora Bora gesichtet worden. Hatten die Amerikaner nicht guten Grund, nach den Anschlägen vom 11. September 2001, Afghanistan anzugreifen?

Herr Hamed schüttelt nur verständnislos den Kopf. Er ist überzeugt, dies seien «Fake News». Osama Bin Laden werde im Westen massiv überschätzt. Auch bei der Terror-Connection der Taliban handle es sich um eine für den Westen nützliche Erfindung.

«Wo haben die Amerikaner denn am Schluss Bin Laden gefunden und erschossen?», fragt er mich, «etwa in Afghanistan?»

«In Pakistan.»

«Richtig. Und wer ist der Verbündete von Pakistan?»

«Die Vereinigten Staaten von Amerika.»

«Sehen Sie!»

Die ganze Afghanistan-Geschichte sei damals von den Amerikanern konstruiert worden, von Präsident Bush, der nach den Anschlägen einen schwachen Sündenbock suchte, um von seiner Ohnmacht abzulenken und dem Zorn der Amerikaner, dass sie die mächtigste Regierung der Welt nicht schützen konnten, ein Ventil zu geben. «Ohne den verbrecherischen Bombenkrieg der USA wären die Taliban schon damals an der Macht und dem Land wäre viel Unheil erspart geblieben.»

 

Kein Hunger im «Höllenloch»

Afghanistan ist nicht am Verhungern. Selbst ausserhalb von Kabul, in den Dörfern, wo wir gelegentlich anhalten, gibt es Imbissbuden und Geschäfte, Supermärkte, kleinere und grössere. Problemlos laufe ich am Abend durch Gassen und Strassen. Überall werde ich freundlich begrüsst. Natürlich ist Afghanistan kein Ferienland wie Italien oder die Türkei, aber eben auch kein «Höllenloch», wie behauptet.

Wir schauen uns in der östlichen Provinz Kunar die Eröffnung eines Krankenhauses an. Es spricht vor einer ausschliesslich männlichen Versammlung unter freiem Himmel in freier Rede ohne Manuskript der Gesundheitsminister Jalal Jalali, den wir schon in Kabul trafen, der Mann, der für den Frieden in Europa betet, vom Aussehen her eine Mischung aus Ajatollah Chomeini und dem Schauspieler Christopher Lee.

Von Herrn Hamed lasse ich mir die Rede simultan übersetzen. Es sind massvolle Worte, die wir hören, kein religiöses Geschwurbel, Zahlen, Fakten, ein Rechenschaftsbericht. Als Erstes bedankt sich Jalali bei den Anwesenden, dass sie trotz den pakistanischen Angriffen in dieser Region gekommen seien. ›››

Noch sind die Spitalgebäude nicht fertig. Sie machen aber einen guten, soliden Eindruck, mehrere Kliniken auf mindestens vier Etagen. Der Gesundheitsminister sagt, er sei sieben Jahre in amerikanischer Haft gewesen, habe dann im Osten gegen den Islamischen Staat gekämpft, doch inzwischen habe er seine Waffen niedergelegt. Es gebe für ihn nur noch den Kampf für die Gesundheit. «Ein Krankenhaus zu bauen, ist wichtiger, als eine Moschee zu bauen!» Andächtig lauschen die Zuhörer. Es ist eine ernsthafte Stimmung. Man hat nicht das Gefühl, hier seien Claqueure und Fans versammelt, sondern ein Publikum, das durchaus auch skeptisch den Worten des Politikers folgt.

Sein Ministerium habe kein Geld, nur Ausgaben, keine Einnahmen, sagt der Minister. Das Land sei arm, aber es gebe Frieden, erstmals seit mindestens vierzig Jahren. «Wir sind keine Bettler, die mit ausgestreckten Armen um Almosen flehen.» Die Afghanen müssten lernen, selbständig zu denken. «Nennt mich nicht Minister, ich bin nur Diener!» Seine Rede schliesst er mit einem Appell an alle im Ausland lebenden Afghanen. Mögen sie ihre alte Heimat nicht vergessen.

Inzwischen bekommen wir häufiger Burkas zu Gesicht. Die meisten Frauen, nicht alle, tragen diesen blauen Ganzkörperschleier. Bei uns gilt dieses Kleidungsstück als Symbol der Unterdrückung. Ich habe meine Zweifel, dass es die Menschen hier im Osten Afghanistans, übrigens auch die Frauen, ähnlich sehen. Ich frage mich, ob es überhaupt möglich wäre, eine Gesellschaftsordnung gegen den Willen der Frauen, gegen den Willen der Hälfte der Bevölkerung, zu errichten und auf Dauer aufrechtzuerhalten.

 

Mit Arendt und Aristophanes in Kabul

«Happy wife, happy life»: Gilt das nicht überall? Nicht auch in Afghanistan? Ich versuche mir vorzustellen, wie lange diese knallharten Taliban-Krieger, denen nicht einmal die amerikanischen Cluster-Bomben etwas anhaben konnten, wohl durchhalten würden, wenn ihnen ihre Ehefrauen Tag für Tag, Abend für Abend vor dem Einschlafen die Hölle heissmachten, wegen all dieser Einschränkungen und Regeln, die im Westen so viel Empörung erzeugen.

Gewiss: Mit Gewalt und Unterdrückung kann man eine Zeitlang herrschen. Aber, lesen wir schon bei Hannah Arendt, keine Ordnung hält ohne ein Mindestmass an freiwilliger Akzeptanz. Haben in der Antike die attischen und spartanischen Frauen ihre kriegerischen Ehemänner nicht durch Sexverweigerung gezwungen, Frieden zu schliessen? So zumindest überliefert es der Dichter Aristophanes.

Vielleicht sollten wir uns hüten, die afghanischen Frauen zu unterschätzen, sie automatisch zu ohnmächtigen Sklavinnen einer «steinzeitlichen Männergesellschaft» herabzuwürdigen. Möglicherweise ist gerade unter den Frauen die Zustimmung zu den umstrittenen Gepflogenheiten grösser, als sich westliche Feministinnen ausmalen können. Vielleicht aber sind auch die afghanischen Frauen mehrheitlich gegen die Restriktionen, im Moment aber bereit, sie als Preis des Friedens zu ertragen.

Ich weiss es nicht und masse mir auch kein Urteil an. Aber sicher ist, das wir keine oder nur eine sehr beschränkte Ahnung davon haben, wie es in diesem Land zwischen Männern und Frauen wirklich aussieht, wie die Machtverhältnisse sind, die wir so genau zu durchschauen glauben. Wie lautet schon wieder das Zitat von Henry Kissinger? «Um sich einer Sache absolut sicher zu sein, muss man entweder alles darüber wissen oder nichts.»

Übrigens: Die fünf Frauen, die in Burkas auf offener Strasse neben unserer Autokolonne unterwegs sind, um von einem Dorf ins andere zu gehen, haben keinen männlichen Begleiter. «So eine Szene wäre vor zehn Jahren unmöglich gewesen», erklärt Herr Hamed, «die Frauen hätten sich angesichts der Unsicherheit gar nicht hinausgetraut.»

 

Giftiges Erbe der Briten

Draussen ziehen wunderschöne Täler an uns vorbei, kiesige Flusslandschaften, hinter denen die Berge des Hindukusch aufragen. Es geht hier bis auf über 7000 Meter in die Höhe. Im Nordosten, in Nuristan, erzählt man mir, leben «die Griechen», blonde und blauäugige Afghanen, bei denen es sich um die Nachkommen der Soldaten und Offiziere Alexanders des Grossen handeln soll. Unsere Begleiter schwärmen nur so von dieser Gegend. Sie sehe aus wie die Schweiz, die sie aus Katalogen und aus dem Fernsehen kennen. In einem Buch, das ich zu Hause über Nuristan gelesen habe, geschrieben in den fünfziger und sechziger Jahren von Wilfred Thesiger, einem bedeutenden britischen Reiseschriftsteller, gibt es dort Dörfer, die mit Stelzen und Verstrebungen in die Felswände hineingebaut sind, bewohnbare Waben einer klettenartigen Mikrozivilisation, die dort seit Tausenden von Jahren in den Steilhängen überlebt. Ob es diese Pfahlbauten immer noch gibt?

Auch in diesen Grenzregionen Zentralasiens haben die Europäer blutige Spuren hinterlassen. Um die widerspenstigen Paschtunen zu entzweien, zogen die britischen Kolonialherren Indiens im Jahr 1893 mit dem Lineal eine Demarkationsgrenze, die Durand-Linie, mitten durch diese uralten Stammesgebiete. So säte die Krone den Unfrieden, und bis heute sind die Territorien umstritten, Brutstätte angeblich auch von terroristischen Gruppen und religiösen Fanatikern, bei denen der Islam als Protest- und Widerstandsideologie gegen die westlichen Eindringlinge ungeahnte Arsenale des Kampfeswillens und der Raserei entfesselt. Sie suchen die einstigen europäischen Kolonialisten heim, wie Dämonen, die sie selber durch brutales Hineinpfuschen immer wieder neu heraufbeschwören. Irgendwo da draussen ist auch der berühmte Chaiber-Pass, über den Rudyard Kipling schrieb, als er in der pakistanischen Grenzstadt Peschawar, einem alten Paschtunengelände, im noch immer vorhandenen «Deans» logierte, Perle der Kolonial-Hotellerie jener Zeit.

 

Zeltlager für Millionen Vertriebene

Die Landschaft hier ist wie ihre Bewohner, erhaben, still, majestätisch, kantig, uneinnehmbar, unzerstörbar in die Ewigkeit hineingestellt. Wer an diesen schroffen Massiven aufwächst, denkt nicht in den fiebrigen Rhythmen des Westens. Ich habe noch keinen Afghanen getroffen, der mich mit seinen Ansichten bekehren wollte oder anderweitig behelligte, etwa die Nase über unsere Sitten rümpfte, sich bemüssigt gefühlt hätte, etwas an der westlichen Lebensart auszusetzen, es besser zu wissen als wir. Der philosophische «Universalismus», die Neigung, allen anderen dreinzureden und die eigene Lebensweise aufzuzwingen, dieser anscheinend unausrottbare Hang zur moralisierenden Weltbeglückung ist möglicherweise eine westliche Exklusivität. Man hat damit nicht nur Schlechtes angerichtet, aber am Ende doch zu viel davon.

In der malerischen Umgebung entdecken wir riesige Zeltstädte. Sie sind umgrenzt und beflaggt mit den Fahnen des Roten Halbmonds. Die Camps wirken aufgeräumt, sauber, gut organisiert. Hier sind afghanische Vertriebene untergebracht, Zwangsheimkehrer, die aus Pakistan und Iran hinausgeworfen wurden, rund drei Millionen Flüchtlinge, die nun versorgt und in die sich erst langsam erholende Wirtschaft integriert werden müssen.

Vertreter von Hilfswerken sagen mir, die Taliban seien nicht in der Lage, diese ihnen aufgezwungene Völkerwanderung zu verkraften. Der Wille sei zwar da, man wolle nicht kritisieren, aber das Land sei nach einem halben Jahrhundert Krieg schlicht noch nicht bereit, eine solche Herkulesaufgabe zu stemmen. Von den Ministern und unseren Begleitern hören wir das Gegenteil. Afghanistan schaffe das. Daher mache es auch keinen grossen Unterschied, wenn ein paar Hunderttausend Afghanen aus Europa in ihre alte Heimat zurückkehren sollten.

Als wir durch ein Dorf fahren, frage ich den Beifahrer, ob die Leute hier Internet hätten.

«Selbstverständlich. Das Internet zeigt den Leuten das Paradies im Westen. Darum wollen so viele weg. Kein Wunder, man wirft ihnen auch Geld und Wohnungen hinterher, das ganze Angebot, sogar Gratisbehandlungen beim Arzt.»

Der Schweiz-Afghane Sedick Hamed sieht es genauso. «Unsere Asylpolitik ist wie ein Staubsauger, ein Magnet. Sehr gefährlich. Schleuserbanden machen ihr Geschäft damit. Sie kassieren ab, geben den Leuten genaue Instruktionen, was sie sagen müssen, damit man sie aufnimmt, ihnen Asyl gewährt.»

Heute, glaubt Sedick Hamed, sei keiner in Afghanistan persönlich an Leib und Leben bedroht. Die Regierung habe grosse Zustimmung, sie müsse nicht und könne es sich gar nicht leisten, die eigene Bevölkerung zu verfolgen. Anderslautende Berichte seien Propaganda von Leuten, die ein Interesse hätten, Afghanistan in einem schlechten Licht zu zeigen. Er mache keinem Afghanen einen Vorwurf, der das bequemere Leben in der Schweiz dem harten Leben in Afghanistan vorziehe. Aber man könne von den Migranten auch nicht erwarten, dass sie in der Schweiz ein Loblied auf Afghanistan singen. Damit handelten sie gegen ihr Interesse, brächten sie sich um ihren Asylanspruch. Auch einige Hilfswerke hat Hamed im Verdacht, die Lage schwarzzumalen. Das gebe mehr Geld und rechtfertige die eigene Tätigkeit.

Nachdem uns die Stammesältesten in Kama, einer Ortschaft im Osten, eine Privatschule für Mädchen und Buben gezeigt haben, sind wir im Gästehaus eines örtlichen Hilfswerks eingeladen. Der Betreiber, ein ehemaliger Zollbeamter, hat zwei Musiker bestellt, einen Sänger mit Saiteninstrument und einen Tabla-Spieler, der mit schwindelerregender Fingerfertigkeit Melodien aus seinen Trommeln zaubert. Die meisten Stücke handeln von unerreichbaren Frauen oder einer Geliebten, die man sehr vermisst. In Afghanistan, habe ich gelesen, singe sogar der Wind nur traurige Lieder. Am Schluss wird auch den Afghanen die Melancholie zu viel. Sie wollen tanzen und nehmen uns Schweizer in den Reigen auf.

 

Afghanen machen Ferien in Afghanistan

Am Abendessen hat ein Afghane teilgenommen, der in Istanbul lebt und als Reiseunternehmer Büros unter anderem in der Schweiz betreibt. Meinen Notizen entnehme ich, dass eine seiner Niederlassungen in Bern steht. Ja, er habe viele Schweizer Kunden, afghanische Flüchtlinge, die ferienhalber regelmässig in die Heimat reisen. Das sei überhaupt kein Problem, das Land sei heute sicher, man könne Verwandte besuchen in allen Distrikten. Das Geschäft habe merklich angezogen, seit wieder die Taliban regieren.

Auf der Rückfahrt nach Kabul gehen mir viele Gedanken durch den Kopf. Die westliche Überheblichkeit ist ein ewiges Problem. Immer sind die Europäer, Amerikaner, Russen angerannt mit ihren hohen Idealen und Interessen. Die Briten gingen unter, die Russen scheiterten, auch all die amerikanischen Milliarden und Bomben halfen nicht. Nur die Afghanen können Afghanistan erobern. Afghanistan bleibt Afghanistan, ein Land, das anders ist, als wir meinen, mit seinen Stämmen und Traditionen, mit seiner Geschichte, seiner Religion, der Scharia und den Taliban, die bei uns zum Synonym für etwas geworden sind, das mit der Wirklichkeit vermutlich genauso wenig zu tun hat wie das meiste, das wir über dieses Land zu wissen glauben.

Trotzdem wird man mir die Reportage um die Ohren hauen, wenn ich es nicht schaffe, wenigstens mit einer afghanischen Frau, die mir nicht die Regierung vorsetzt, ein Gespräch zu führen. Aus der Schweiz erreichen mich schon mehrere mahnende Mails. Bei uns wird das Thema höher gehängt als hier. In Afghanistan, scheint es mir, haben die Leute, auch die Frauen, nach fünfzig Jahren Krieg andere Sorgen als die Uni-Ausbildung ihrer Töchter oder ob man als Sängerin auf der Bühne sein Haar offen tragen darf. Aber klar, die Frage beschäftigt, also suchen wir nach einer Gesprächspartnerin.

Klar ist, dass auch so ein Interview nur eine Facette beleuchtet. Es wird kein Anspruch auf Vollständigkeit erhoben. Ich lade alle Leser ein, mir zu widersprechen. Übrigens bekomme ich schon während des Schreibens Briefe, zum Beispiel von einem Schweizer, der kürzlich mit seiner Tochter durch Afghanistan reiste. In seiner Zuschrift heisst es: «Zum ersten Mal lese ich die Weltwoche, weil ein Artikel über Afghanistan erschien.» Ein Freund habe ihn darauf aufmerksam gemacht. «Ich bin sonst kein Freund Ihres politischen Stils, aber der Artikel ist hervorragend, messerscharf wahr.» Afghanistan dürfe man nicht mit unseren Augen sehen, sondern mit den Augen der Afghanen. Unsere Denkweise sei davon «meilenweit» entfernt. Für Tradition und Religion in diesem Land fehle uns der Sinn. Er sei schon fünfmal mit seiner Tochter nach Afghanistan gereist. Zuletzt kehrte er vor drei Wochen zurück. Er plane, seine Beobachtungen in einem öffentlichen Vortrag darzustellen. Solche Rückmeldungen freuen mich. Herzlichen Dank!

Mehrere Zuschauer fragen mich, was ich über das Schicksal von Christen und Juden wisse. Es gebe Berichte, wonach die Taliban sie verfolgten. Ich kann diese Meldungen weder bestätigen noch widerlegen. Mehrere Minister haben wir dazu befragt. Sie versicherten uns, niemand werde in Afghanistan wegen seines Glaubens verfolgt, aber Afghanistan sei ein islamisches Land, an dessen Regeln sich alle, die hier seien, zu halten hätten. Wie viele Christen und Juden sich gegenwärtig im Land aufhalten, darauf wusste allerdings auch der Kulturminister, der es wohl wissen müsste, keine Antwort.

 

Shalida und ihre beiden Töchter

Am letzten Tag, nach der Rückkehr aus den Bergen, dem Pandschir-Tal und den Konfliktgebieten an der afghanisch-pakistanischen Grenze, wo es während unserer Reise keinen einzigen Zwischenfall gab, treffen wir nun also, zurück in Kabul, eine Afghanin, alleinerziehende Mutter zweier Töchter, die alle in die Schule gehen. Vermittelt wird uns der Kontakt durch den Schweiz-Afghanen Sedick Hamed. Auch eine pensionierte Lehrerin hat zugesagt, doch sie muss im letzten Moment passen, da sie krank geworden ist. Um uns herum husten viele. Am Tag wird es 18 Grad warm, am Abend aber sinkt die Temperatur gegen den Gefrierpunkt.

Das Gespräch findet in Herrn Hameds Wohnung statt. Sie ist im Parterre einer relativ modernen Siedlung von Mehrfamilienhäusern, die unter amerikanischer Ägide von der Regierung Karzai gebaut wurde. Der Standard ist nicht luxuriös. Es gibt keine Zentralheizung, man heizt mit Gas- und Elektroöfen, aber die sanitarischen Anlagen und Küchen funktionieren, sind auf annähernd europäischem Niveau, insgesamt solide Durchschnittsarchitektur, in dieser Stadt aber sicher schon gehoben.

Die Mutter und ihre beiden Mädchen kommen, allein, ohne Mann, im Taxi. Sie begrüssen uns im Büro des Gastgebers. Sie tragen dunkle Gewänder und Kopftücher. Anstelle eines Schleiers haben sie schwarze medizinische Gesichtsmasken um. Die Mädchen tragen sie immer oben, die Mutter zieht sie gelegentlich nach unten. Sie macht auf mich einen selbstbewussten, resoluten Eindruck. Sie erzählt auf Afghanisch, gelegentlich streut sie korrekt formulierte englische Sätze ein.

Bei Tee und Gebäck unterhalten wir uns im geheizten Wohnzimmer. Die Mutter stellt sich als Shalida el-Ham aus Kandahar vor, Mitte dreissig, Witwe. Ihr Ehemann kam 2016 in Kabul bei einem Sprengstoffattentat ums Leben, als er beruflich zufällig in der Nähe der Detonationsstelle war. Shalida arbeitet zu Hause als Schneiderin, war früher Krankenpflegerin. Noch heute hilft sie während dreier Stunden am Tag in einer Klinik aus. Sie lebe, sagt Herr Hamed, in einer Art Hütte mit zwei Zimmern. Das Geld reiche kaum, erzählt sie, vor allem seit sie den Zustupf einer westlichen Hilfsorganisation nicht mehr erhalte, eine Folge des internationalen Taliban-Boykotts.

Ihre Töchter heissen Shayla und Lema, die eine ist sechzehn, die andere vierzehn. Beide gehen in ein privates Gymnasium, siebente und neunte Klasse. Aufgrund exzellenter Leistungen profitieren sie von einem stark ermässigten Tarif. Die Mutter will, dass beide einmal studieren. Ich frage die Mädchen, was sie später werden wollen. Shayla, die ältere der beiden, sagt: «Volksvertreterin.» Die jüngere Schwester gibt als Berufsziel «Kampfpilotin» an.

Sind das nicht komplett unrealistische Ambitionen? Beide Mädchen widersprechen. Nein, es sei möglich.

 

«Unter den Taliban fühle ich mich wohl»

Ich frage die Mutter, wie das Leben unter den Taliban für Frauen sei.

Sie holt aus. Seit ihrer Kindheit habe in Afghanistan Krieg geherrscht. «Vor allem für Frauen gab es keine Sicherheit, keine Rechte.» Das habe sich unter den Taliban geändert. Persönlich fühle sie sich wohl. Sie habe den Eindruck, das Land sei auf einem richtigen, auf einem islamischen Weg.

Sie erzählt, wie sie ihren Mann bei einem Bombenattentat verloren hat. Seit viereinhalb Jahren sei in Kabul keine Bombe mehr explodiert. Die Sicherheit sei gewährleistet. Früher habe sie sich jeden Morgen Sorgen gemacht, wenn ihre Töchter zur Schule gingen. Es habe Entführungen gegeben, Übergriffe, starke politische Interessen, den Eindruck von Anarchie zu erzeugen, um die damaligen Regierungen, die unter dem Schutz der Amerikaner standen, schlecht aussehen zu lassen. Jetzt habe sie Hoffnung, dass es besser werde: «Wenn sich das Ausland nicht einmischt, hat das Emirat eine Chance.»

Die Töchter sind etwas schüchtern. Ihrer Mutter fallen sie nicht ins Wort. Sie warten, bis sie direkt gefragt werden. Wir sprechen über den Alltag und die Fächer. Ihr Curriculum erinnert an unsere Schulen: Mathematik, Geografie, Chemie, Geschichte, Englisch, die beiden Landessprachen Paschtu und Dari, ausserdem arabische Grammatik, was mit dem Lateinunterricht in unseren Gymnasien zu vergleichen sei.

Das Leben unter den Taliban, fährt die Mutter fort, sei für Frauen eine Erleichterung. An den islamischen Regeln störe sie sich nicht. Aber sie könne Frauen verstehen, die ihre Haare lieber offen trügen. Die Einschränkungen in der öffentlichen Mädchenausbildung und die Schliessung der Universitäten hält sie für einen Fehler. Doch sie glaubt der Regierung, wenn sie sagt, die Einschränkungen seien vorübergehend, um Frieden und Zusammenhalt zu wahren. Sie ist der Meinung, auf Dauer würden die afghanischen Frauen die teilweise Schulschliessung nicht akzeptieren, allerdings auch die Männer nicht. Viele Väter mit Töchtern fänden die Vorstellung männlicher Frauenärzte unerträglich.

 

«Jederzeit ohne Gesichtsschleier»

Als Mutter sei ihr wichtig, dass die Taliban den Drogen den Kampf angesagt haben. Drogenhandel sei strengstens verboten, auch der Export, der in Kriegszeiten florierte, sei mittlerweile unterbunden. Das höre sie aus Kandahar. Behauptungen, die Taliban würden Frauen unterdrücken, seien «Propaganda». Als ich ihr sage, dass wir im Westen Berichte erhalten, wonach Frauen in Afghanistan nicht ohne männliche Begleitung ihr Haus verlassen dürfen oder von der «Sittenpolizei» gar verhaftet würden, wenn man sie mit fremden Männern in einem Auto erwischt, zieht sie die Maske herunter und setzt ein leicht spöttisches Lächeln auf. Davon höre sie zum ersten Mal. Wie ich denn glaube, sei sie mit ihren Mädchen hergefahren? «Im Taxi. Mit einem männlichen Fahrer. Wurden wir verhaftet oder gestoppt?», fragt sie ihre Töchter. Die Mädchen kichern.

Die Taliban hätten keine Vollverschleierung verordnet. Sie könne jederzeit ohne Gesichtsmaske durch Kabul laufen. Allerdings sei der Schleier auch ein Schutz vor allem für die Mädchen, die in einer kriegerischen Männergesellschaft aufpassen müssen. Sie habe das Gefühl, die Regierung habe die Stellung der Frau verbessert, nicht verschlechtert, auch hier in der Hauptstadt, vor allem aber auf dem Land. Die Burka sei übrigens keine Anordnung der Regierung, sondern ein alter afghanischer Brauch. Sie könne sich vorstellen, dass einiges von dem, was sie mir erzähle, nicht auf die entlegenen Gebiete, vor allem in den Bergen, zutreffe. Dort sei das Leben viel traditionsgebundener als in der Hauptstadt.

Shalida berichtet von konkreten Erfahrungen mit den Behörden. Einmal habe sie zur Gebetsstunde um die Mittagszeit ihren Pass erneuern lassen. Als sie sich etwas hilflos nach einer passenden Gebetsstelle umgesehen habe, sei ein Beamter gekommen und habe ihr freundlicherweise seinen Gebetsteppich zur Verfügung gestellt mit der Bitte, ihn nach Gebrauch wieder in sein Büro zu bringen.

Ich frage, wie in afghanischen Familien die Kindererziehung laufe. Bestimmt der Mann, oder bestimmt die Frau?

«Frau und Mann bestimmen gemeinsam. Sie sind beide gleicher Meinung.»

«Der Meinung der Frau?»

Shalida lacht. «Genau so.»

Ich frage sie, ob in Afghanistan Männer mehrere Frauen heiraten dürfen. Sie bejaht, fügt aber gleich hinzu, dass sie so etwas nie akzeptieren würde. «Ich hätte mich sofort scheiden lassen, wenn er eine zweite Frau gewollt hätte.»

«Frauen können sich scheiden lassen in Afghanistan?»

«Ja», antwortet Shalida. Die Zahl der Scheidungen, dies sehe sie auch in ihrem Bekanntenkreis, sei unter den Taliban sogar eher gestiegen. Der Grund sei, dass die neue Regierung den Zugang für Rechtsbeistände in Prozessen erleichtert habe, auch für Frauen. Davon machten viele Gebrauch.

Zum Schluss frage ich sie, ob sie zuversichtlich in die Zukunft schaue. Shalida wirft mir einen ernsten Blick zu: «Wenn man Afghanistan in Ruhe lässt, kann es nur noch besser werden.»

Bevor wir abreisen, mache ich noch einmal die Runde bei einigen NGOs. Ich konfrontiere die Vertreter, die mir zu Beginn meiner Reise mit ihren Einschätzungen sehr geholfen haben, mit meinen Eindrücken. Einige haben meine Sendungen gesehen. Zu meiner Überraschung ernte ich durchaus anerkennende Kommentare. Überraschend deshalb, weil mir eingangs von einigen versichert wurde, dass sie mich von meiner politischen und publizistischen Tätigkeit her kennen und – sie drücken sich gewählt und höflich aus – nicht unbedingt auf der gleichen Linie seien.

 

Sehe ich es zu positiv?

Meine Hauptfrage lautet: Sehe ich es zu positiv? Habe ich mich von den Taliban einlullen lassen? Ich habe den Eindruck, die neue Regierung managt das Land erstaunlich gut. Die Taliban wirken auf mich nicht wie Fanatiker, sie bilden auch keinen einheitlichen Block. Die Bildungseinschränkungen für Frauen sind ein grosses Problem, vor allem für die Zukunft des Landes, wenn sie nicht bald aufgehoben werden. Doch die Taliban haben den Frieden zurückgebracht und Stabilität. Ich glaube ihnen, wenn sie sagen, sie hätten das Kriegsbeil begraben und seien, wenn man ihre Regierung und die Souveränität des Landes akzeptiert, zur Zusammenarbeit bereit.

Interessanterweise ernte ich keinen grundsätzlichen Widerspruch. Die NGO-Vertreter bestätigen im Wesentlichen meine Eindrücke, sehen einiges vielleicht etwas kritischer, geben aber zu bedenken, es sei einfach noch zu früh, daraus einen wirklichen Trend abzulesen. Allerdings sei es ebenso verfrüht, den Stab über dieser Regierung zu brechen. Mit anderen Worten: Es gibt Grund zur Hoffnung.

Eine sehr erfahrene Person, die Afghanistan seit vielen Jahren kennt, ist skeptisch, was die Frage der Frauen und der Universitätsschliessungen angeht. Die Taliban machten es sich hier zu einfach. Es stimme zwar, dass eine sofortige Öffnung gewalttätigen Widerstand hervorrufen und islamistischen Extremisten Auftrieb geben könnte, aber wenn es den Taliban so ernst sei mit ihrer «Frauenförderung», warum lassen sie dann nicht, zum Beispiel, als Zeichen bestimmte Frauen-Kontingente an den Unis zu? Das Risiko wäre überschaubar. Aus diesem Grund sei auch meine Schlussfolgerung mit Vorsicht zu geniessen, wonach die Flüchtlinge, vor allem die weiblichen, zurückkehren könnten. Alle NGOs, mit denen ich spreche, lehnen meine Beurteilungen zu diesem Thema ab.

Ich habe Sympathien für diese Standpunkte und Respekt für die Personen, die sie äussern. Gleichzeitig aber ist in Erinnerung zu rufen, dass das Schweizer Asylrecht nicht bei Personen greift, die in ihrem Herkunftsland nicht mehr studieren dürfen oder andere Nachteile der freien Entfaltung in Kauf nehmen müssen. Das ist zwar diskriminierend, aber unser Asylrecht ist, aufgrund der Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs, ausdrücklich und ausschliesslich zugeschnitten auf Menschen, die an Leib und Leben bedroht sind.

 

Wissen, wie wenig wir wissen

Es ist Samstag, kurz vor sieben Uhr morgens. Vor bald zwei Stunden weckte uns der lautsprecherverstärkte Muezzin. Nichts gegen den Islam in Afghanistan, aber ich hoffe, wir importieren ihn nicht nach Europa. Sicher falsch war, dass die Amerikaner seinerzeit im Hindukusch mit Nato-Unterstützung und später im Irak nicht nur Regimewechsel durchgepeitscht, sondern auch versucht haben, immer wieder, diese Länder gewaltsam zu verwestlichen. Das war Unfug. Aber genau so dumm und selbstzerstörerisch ist es, die islamische Kultur, die in islamischen Ländern funktioniert, nach Europa zu bringen.

Auf dem Weg zum Flughafen kommen wir noch einmal an den Betonwällen verlassener Festungen vorbei, an Kriegsrelikten und Ruinen einer Stadt, in der intensiv gearbeitet, gebaut und geflickt wird. Auf einer verlassenen Baustelle steht der gewaltige Neubau eines «Marriott»-Hotels. Seit dem Abzug der USA sind die Arbeiten eingestellt. Daneben leuchtet ein Bürokomplex der Azizi-Bank. Sie gehört dem vermutlich reichsten Afghanen. Er lebt in Dubai.

Während der Fahrt unterhalten wir uns ein letztes Mal mit Nadschib, dem sesselfüllenden Multi-Unternehmer. Auch er ist zuversichtlich. Die Regierung sei auf dem richtigen Weg. Es werde demnächst personelle Umbesetzungen geben. Die Hardliner würden zurückgedrängt. Aber die Lage sei jetzt schon viel besser, als die Medien berichten: «In England haben wir mehr Scharia als in Afghanistan.» Die Kritik aus dem Westen kommt ihm irrig und heuchlerisch vor. Europa werde hart bestraft für seine Flüchtlingspolitik. Inkompetente Politiker brächten es nicht einmal fertig, die eigenen Regeln gegenüber den Migranten durchzusetzen. Die Zukunft Afghanistans sehe er rosiger als die Zukunft der EU. Wenn nicht, wäre er nicht hier, um zu helfen und zu investieren.

Dann erzählt er uns von einem seiner Projekte. In der ostafghanischen Stadt Chost baut er ein Fussballstadion gegen ein Himalaya an Hindernissen. Wegen der Grenzschliessung Pakistans sei der Zement plötzlich doppelt so teuer. Ausserdem habe es Überschwemmungen gegeben, massive Zerstörungen. Jetzt müsse vieles wiederhergestellt und anders organisiert werden. Auf einem seiner zwei Telefone ist er laufend mit irgendjemandem im Gespräch, rund um die Uhr, um die drängendsten der sich immer wieder neu auftürmenden Probleme zu lösen. Doch unterkriegen lässt er sich nicht, beisst sich durch, kämpft weiter und bleibt heiter: «Inschallah», so Gott will. Ein typischer Afghane.

Herzlich verabschieden wir uns am Dock. Die Zollbehörden hatten sich erkundigt, ob wir wirklich einen Stempel in unseren Pässen haben wollen. Das könne bei Reisen in andere Länder Schwierigkeiten geben. Fast beschämt vor so viel Rücksicht willigen wir ein. Nein zu sagen, wäre uns wie Verrat erschienen. Mit afghanisch gestempelten Pässen besteigen wir den Flieger zurück in die Schweiz. Mit Respekt, ja mit Bewunderung für die zähen, so gastfreundlichen Afghanen und ihr Land, das wir nicht viel besser verstehen als vor unserem Abflug, doch immerhin wissen wir jetzt, wie wenig wir wissen. Was möglicherweise die Grundlage für ein besseres Verständnis ist.

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