Nach dem Mord an Charlie Kirk schrieb Michèle Binswanger im Tages-Anzeiger einen Kommentar. Binswanger ist eine Vertreterin jener kleinen Gruppe auf der Redaktion, die eine liberale Haltung hat.
«Er starb, weil er mit Argumenten kämpfte» übertitelte Binswanger ihren Text. Sie stellte Charlie Kirk als Redner vor, der zwar konservative Ansichten vertrat, der aber stets die demokratische Debatte mit Andersdenkenden suchte. Der Mord an Kirk, folgerte Binswanger, sei darum ein Anschlag auf «unsere freie Demokratie und damit die Freiheit überhaupt».
Illustration: Fernando Vicente
Die linke Fraktion des Tages-Anzeigers, also die überwiegende Mehrheit der Redaktion, war wenig begeistert über diese Kirk-Laudatio. Zehn Stunden später konterte ihr Vertreter Sandro Benini diese Ungeheuerlichkeit mit einem Gegenkommentar im Blatt.
«Charlie Kirk ist kein Märtyrer» übertitelte Benini seinen Text. Dann machte er Kirk mit den artentypischen Argumenten des Gesinnungsjournalismus nieder. Er war, so Benini, «ein religiöser Fanatiker, ein Verteidiger politischer Gewalt, ein Verächter der Demokratie». Wenn man den Text las, hatte man den Eindruck, Kirk habe seine Ermordung redlich verdient.
Ich habe den Vorgang mit Vergnügen verfolgt. Er erinnerte mich an den früheren Tages-Anzeiger, der sich noch als Forumszeitung verstand, die zu einem Sachverhalt noch freiwillig zwei kontroverse Meinungen ausspielte. Inzwischen ist dieser Stil weitgehend durch eine grün-rote Einheitshaltung ersetzt, die wenig Widerspruch erträgt.
Dann machte er Kirk mit den artentypischen Argumenten des Gesinnungsjournalismus nieder.
Manchmal gibt es Ereignisse, die wie ein Lackmuspapier für die Medien sind. Man erkennt dann in der Berichterstattung auf den ersten Blick, wes ideologischen Geistes Kind die jeweiligen Redaktionen sind. Beispiele für solche Farbtests waren etwa der Corona-Lockdown, die Wahl von Donald Trump und Israels Krieg gegen die Hamas.
Und nun Charlie Kirk. Seine Ermordung war für das linke Lager ein diffiziler Lackmustest. Im Inneren freute man sich darüber, dass ein politischer Bösewicht aus dem Weg geräumt wurde, aber gegen aussen konnte man das ja nicht so offen sagen.
Oder doch? Am meisten Sympathie für den Mord hatte im deutschsprachigen Raum der Spiegel. Nach dem Attentat sprach das Magazin nicht von einem Mord, sondern von einem «Schusswaffenvorfall», als ob sich eine zufällige Patrone aus einem zufälligen Gewehrlauf gelöst hätte. Dann legte die Redaktion nach, bei Kirk habe es sich sowieso um einen «Hetzer» gehandelt, und seine Witwe agiere «befremdlich», weil sie das politische Engagement ihres toten Mannes fortführen wolle.
Das sind Abgründe des deutschen Haltungsjournalismus, die man in der Schweiz nicht kennt.
Klopfen wir unsere linkslastigen Redaktionen dennoch mal ab. Die beiden linksten Publikationen des Landes, die Wochenzeitung und die Republik, verzichteten in den Tagen nach dem Mord auf Artikel zur Tat. Das kann man nachvollziehen. Man war im Dilemma. Hätte man das Attentat verurteilt, hätte man seine einschlägigen Leser verärgert. Hätte man Sympathie bekundet, hätte es Prügel von der Gegenseite abgesetzt. Also schwieg man lieber.
Etwas mehr aus der Defensive wagte sich Watson von CH Media, die unbestritten linkste Online-News-Site des Landes. Hier rechnete man mit Kirk aber so richtig ab. «Was Charlie Kirk über Waffen, Frauen und Schwarze dachte» lautete der Titel, und dann führte man in zehn Punkten auf, was für ein rechtsradikaler Reaktionär das war. Fazit: selber schuld.
Bleibt noch das Schweizer Fernsehen, auch so ein Hort der richtigen und rötlichen Gesinnung. Hier biss man sich ziemlich auf die Zunge. Aber natürlich wusste das TV, das schon länger unter einer Trump-Obsession leidet, wer für diese Eskalation der Gewalt in den USA verantwortlich war: «Trump hat die Eskalation mit vorangetrieben.»
Kirk war ein Dilemma für die linken Medien. Man konnte nicht sagen, dass man sich klammheimlich freute. Aber man konnte immerhin das Schlimmste abwenden. Besonders schnell reagierten sie beim Tages-Anzeiger, wo beinahe ein positiver Kommentar zu Charlie Kirk unwidersprochen durchgerutscht wäre. Zum Glück konnte man eine solch liberale Entgleisung gerade noch verhindern.

