Die Niederlage war unausweichlich. Die «Battle of the Sexes» Ende Jahr in Dubai gewann Nick Kyrgios gegen Aryna Sabalenka glasklar mit 6:3, 6:3. In dem Schaukampf schlug der dreissigjährige Australier seine Kollegin aus Belarus nicht nur, sondern demonstrierte, dass seine volle Leistungsfähigkeit kaum je gefordert war. Sabalenka ist Weltranglistenerste, Kyrgios liegt Ende 2025 auf Rang 671. Wegen Verletzungen hatte er im Vorjahr gerade einmal fünf Einzel gespielt. Für die Dame gab es zudem ein paar Vorteile: Ihr Feld wurde um 9 Prozent verkleinert, damit sie weniger laufen musste – und Kyrgios spielte absichtlich schlechter. Und doch: Es gelang ihm nicht, das Match zu verlieren.
Illustration: Fernando Vicente
Und während Kyrgios locker übers Feld tänzelt, sind andere zuverlässig damit beschäftigt, den Gender-Pay-Gap anzuprangern, auch im Tennis: Frauen müssen genauso viel verdienen wie Männer! Sabalenka selbst hat diese Forderung mehrfach geäussert. Dem Guardian sagte sie 2024, dass der Pay-Gap im Tennis aus «jeder Perspektive» unfair sei. «Natürlich werden Männer immer physisch stärker sein als Frauen, aber das bedeutet nicht, dass wir nicht genauso hart arbeiten wie sie. Frauen verdienen es, den gleichen Betrag an Geld zu erhalten wie Männer.» An anderer Stelle betont sie, Frauen würden viel opfern und – noch mal – «wirklich hart arbeiten».
Interessanterweise empört sich niemand über den Gender-Pay-Gap in der Modebranche.
Natürlich bestreitet das niemand. Der Denkansatz ist auch nicht komplett verkehrt: Wenn zwei gleich hart arbeiten, sollten sie gleich viel verdienen. Nur ist das eine Berechnung ohne die relevanten Variablen. Beim Gespräch mit dem hochgeschätzten Kollegen Kurt Zimmermann am Weltwoche-Sommerfest erfuhr ich, dass ich etwa gleich viel Zeit in meine Kolumne investiere wie er in seine. Müsste uns Herr Köppel also automatisch das gleiche Honorar bezahlen? Oder spielen noch Faktoren wie Erfahrung, Berufsjahre, Bekanntheit, Expertise, Netzwerk und Anzahl Leser eine Rolle, die wir an die Weltwoche binden? Grundsätzlich verdient in einem Unternehmen oft nicht der pünktlichste, fleissigste und sozial verträglichste Mitarbeiter am meisten – das sind alles löbliche Eigenschaften –, sondern derjenige, der den grössten Umsatz einfährt. Wirtschaftlichkeit, schlimmes Wort, ich weiss. Für viele der Inbegriff von Unfairness.
Bei den vier Grand Slams erhalten Männer und Frauen seit Jahren das gleiche Preisgeld. Auf Tour-Ebene variieren die Summen – aus ganz profanen Mechanismen des Marktes: Männerturniere ziehen meist mehr Publikum an; die Bälle fliegen schneller, härter und physisch anspruchsvoller übers Netz. Serena Williams sagte einmal, Männer- und Frauentennis seien praktisch zwei verschiedene Sportarten. Ich finde jedenfalls Männertennis spektakulärer (Eiskunstlauf oder Kunstturnen hingegen verfolge ich wegen der Anmut der Damen). Mehr Zuschauer bedeuten höhere Ticketpreise, mehr Sponsoren, mehr Werbe- und TV-Einnahmen; mehr Geld im Verteiltopf. Wer gleiche Bezahlung losgelöst vom Marktwert fordert, blendet zentrale Prinzipien der Marktwirtschaft aus.
Interessanterweise empört sich niemand über den Gender-Pay-Gap in der Modebranche, in der weibliche Models deutlich höhere Gagen erhalten als männliche, weil sie viel stärker nachgefragt werden. Dasselbe Prinzip gilt auch für den horizontalen Sport: In der Pornofilmindustrie verdienen Darstellerinnen etwa zwei- bis dreimal so viel pro Szene, weil die Nachfrage nach weiblichen Performances höher ist. Und gemäss der Gleichheitslogik müsste auch der galaktische Lohnunterschied zwischen einem Olympia-Gold-Gewinner im Zehnkampf und einem Champions-League-Sieger helle Empörung auslösen – schliesslich arbeiten beide «hart und opfern viel».
Ronda Rousey, ehemalige Mixed-Martial-Arts-Kämpferin und wohl bestbezahlte Frau in der Geschichte der Ultimate Fighting Championship (UFC), wurde oft gefragt, ob es sie nicht wütend mache, dass männliche Kollegen mehr verdienen. Ihre Antwort damals: Sie sei nicht die höchstbezahlte Kämpferin, «weil man etwas Nettes für die Ladys tun wollte – sondern weil ich ihnen am meisten Geld einbringe. Ich finde, das Geld, das man verdient, sollte im Verhältnis zu dem stehen, was man einbringt.» Hätte sie dieselbe Popularität, Fan-Basis und Erfahrung wie ihre männlichen Champions, erklärte sie, wäre ihr Einkommen vermutlich dasselbe. You go, girl.

