Ein Feuerwerk an Innovations- und Forschungsideen – wie man sie vor gut hundert Jahren hatte: Auf der Internet-Textsammlungsplattform Projekt Gutenberg findet sich «Das Buch der 1000 Wunder», das Artur Fürst und Alexander Moszkowski 1920 in München herausgegeben haben. Unter den tausend dargestellten Wundern sind solche, bei denen man das Gefühl hat, sie hätten die hundert Jahre ohne Kratzer überstanden oder seien in der heutigen Zeit entstanden.
Die Geschichte vom Sonnenmotor, die hier im Wortlaut abgedruckt wird, erinnert stark an moderne solarthermische Kraftwerke sogleich beginnt man nachzuschauen, wo eigentlich Vorhaben wie die kalifornische Anlage Ivanpah, das Wüstenprojekt Desertec oder das ETH-Start-up Synhelion stehen. Nun aber Achtung, Zeitreise. Lesen wir den Autor Bruno H. Bürgel mit seinem Text von 1910 zum Thema «Ein Sonnenmotor»:
«Unsere Dampfmaschinen heizen wir mit Kohlen. Kohle ist als pflanzliches Fossil nichts anderes als aufgespeichertes Sonnenlicht. Das Licht, das vor Jahrmillionen das Wachstum der Vorweltpflanzen verursachte, steht nun aus dem Schoss der Erde wieder auf und leistet uns in seiner Körper gewordenen Form Arbeit.
Aber wie gering ist die Ausnutzung der in der Kohle enthaltenen Energie! An der Treibachse der Dampfmaschine erhalten wir noch nicht einmal 1/5 der in der Kohle wirklich aufgespeicherten Arbeitskraft zu unserer Verwertung. Alles Übrige geht glatt verloren, grösstenteils schon in der Feuerung des Kessels. Wäre es daher möglich, die Sonnenenergie, die ja auch heute noch unvermindert zu uns herabstrahlt, direkt zum Heizen zu verwenden, so wäre eine weit bessere Ausnutzung möglich.
Auf einer Straussenfarm in Süd-Pasadena im Sonnenland Kalifornien hat man das nun mit Hilfe eines Sonnenmotors versucht. Diese Sonnenmaschine sammelt und steigert die Kraft der auffallenden Strahlen des Gestirns, indem sie diese in einem gewaltigen Hohlspiegel in Form eines abgestumpften Kegels auffängt. Dieser Hohlspiegel ist aus über siebzehnhundert kleinen Spiegeln zusammengesetzt, die so angeordnet sind, dass sie die Strahlen der in der Achse des Spiegels stehenden Sonne sämtlich nach einer Richtung hinwerfen.
Dort, wo die Strahlen hinfallen, ist ein etwa vier Meter langer Dampfkessel in Form einer Röhre angebracht.
Bei strahlendem Sonnenschein werden die Wände des Kessels, wenn er leer bleibt, in einer Stunde rotglühend. Die 400 Liter Wasser, die man in ihn hineinfüllen kann, sieden schon nach einer Viertelstunde, und der sich entwickelnde Dampf treibt einen Motor von 10 Pferdestärken; dieser betätigt ein Hebewerk, das in der Stunde 5600 Liter Wasser fördert.
Ein grosses Uhrwerk bringt den Sonnenmotor andauernd in die richtige Lage zur Sonne, mit dem Ergebnis, dass andauernd Dampf in dem Kessel erzeugt wird, solange das Gestirn sein unverhülltes Antlitz zeigt.»
Quellen: «Der Siegeslauf der Technik», herausgegeben von Geh. Regierungsrat Max Geitel, erster Band. Union, Deutsche Verlagsgesellschaft, Stuttgart, Berlin, Leipzig. – Bruno H. Bürgel: «Aus fernen Welten». Verlag Ullstein & Co., Berlin, Wien, 1910. Verfügbar gemacht auf der Text-Plattform www.projekt-gutenberg.org

