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Die Weltwoche

Entschuldigung auf Seite 1

Tamara Wernli

Entschuldigung auf Seite 1

Die Pandemie ist vorbei, der Schock sitzt noch tief.

Wir haben bislang ein ‹korrektes› Leben geführt. Dass die Freiheit, über seinen eigenen Körper bestimmen zu können, plötzlich nicht mehr zählte, machte uns fassungslos. Ich lebte in ständiger Angst, den Job zu verlieren, viele haben ihn verloren. Gegen diese Ungerechtigkeiten gingen wir als Familie auf die Strasse, dabei wurden wir von Umstehenden als asoziale Spinner und Lebensgefährder beschimpft. Auch von Medien und Politikern. Einmal wurden wir bespuckt. Einfach nur, weil wir Zweifel an der Wirksamkeit der Corona-Impfung hatten. Ich werde es nie vergessen.»

Illustration: Fernando Vicente
Entschuldigung auf Seite 1
Illustration: Fernando Vicente

Wir trinken Glühwein am Weihnachtsmarkt. Eine befreundete Schweizer Sozialpädagogin, die mit ihrem deutschen Mann in Baden-Württemberg lebt, erzählt mir mit bebender Stimme von ihren Erfahrungen während des Höhepunkts der Pandemie. Besinnliche Vorweihnachtsstimmung mag irgendwie nicht aufkommen. Der Schmerz über die Ausgrenzung, die sie als Ungeimpfte erfahren hat, liegt nicht lange genug zurück.

Teile von Politik und Medien sind während der Corona-Krise zur Keimzelle für aggressive Rhetorik geworden. In der Schweiz, und noch mehr in Deutschland. Anfängliche Unkenntnis über das Virus und Angst erklären den unverhältnismässigen Umgangston ein Stück weit. Aber sie erklären nicht alles. In einer Art Überbietungswettbewerb wurden Überschriften kreiert und Kommentare geschrieben, in denen man Ungeimpfte als Sündenböcke für die Verbreitung des Virus anprangerte und ihre Ausgrenzung forderte. «Wir Geiseln der Ungeimpften» (Spiegel), auf die man «mit dem Finger zeigen» sollte. «Eine Diskriminierung von Ungeimpften ist ethisch gerechtfertigt» (Zeit online). «Der Impfgegner darf hoffentlich bald nicht mehr unter Leute gehen, weil er ein gefährlicher Sozialschädling ist», twitterte ein deutscher Politiker; eine Politikerin meinte, die ungeimpfte Minderheit «terrorisiere» die Mehrheit. Ein Ärztepräsident sprach von einer «Tyrannei der Ungeimpften».

Der Begriff «Pandemie der Ungeimpften» flatterte durch die Sphäre, Beschimpfung wurde zum gesellschaftlich akzeptierten Allgemeingut; im Namen der Gesundheit tat man ja das Richtige. Aggression und Ausgrenzung gingen aber nicht nur von fremden Menschen aus. Familien haben sich wegen des Impfstatus zerstritten, langjährige Freundschaften sind zerbrochen.

Aber die Alleswisser waren nicht allwissend. Längst ist klar: Es gab nie eine Pandemie der Ungeimpften. Alle haben zur Pandemie beigetragen, auch Geimpfte. Längst ist klar, dass Kinder keine Treiber waren. Klar ist heute auch, dass so manche Massnahme aufgrund vorschneller Auffassungen zustande kam. Haben nächtliche Ausgangssperren, wie sie in Deutschland zeitweise galten, das Pandemiegeschehen massgeblich beeinflusst? Oder das Sitzen auf einer Parkbank? Gruppensport im Freien? Monatelange Schulschliessungen? Man weiss heute, dass bestimmte Massnahmen andere Schäden zur Folge hatten, psychischen Stress, es wurden lebenswichtige Operationen abgesagt. Alte Menschen sind, von ihrer Familie isoliert, alleine in Altersheimen gestorben. Wer Skepsis über all das ausdrückte, galt als verantwortungslos, das Wort «Schwurbler» stets im Schlepptau.

Man musste nicht Einstein sein, um zu ahnen, dass der grosszügige Umgang mit aggressiver Rhetorik gegen Ungeimpfte und Zweifler unausweichlich Auswirkungen hat. Man kann Menschen in die Selbstradikalisierung treiben, man muss sie nur lange genug herabwürdigen, ihnen für ihre Entscheide niedere Motive unterstellen, ihnen sagen, dass sie geächtet gehören – und sie (zeitweise) vom gesellschaftlichen Leben ausschliessen. Und tatsächlich, eine Folge war, dass sich Menschen radikalisierten – auch da ist es schiefgelaufen –, «Diktatur!» schrien, auch wenn unsere Situation nichts gemein hat mit tatsächlichen Corona-Diktaturen wie jener in China.

Ausgrenzung von Minderheiten ist immer inakzeptabel – wir als Gesamtgemeinschaft haben uns darauf geeinigt. Wie rasch diese Übereinkunft in Vergessenheit gerät und man in teils autoritär anmutende Reflexe verfällt, ist für eine liberale Gesellschaft bemerkenswert. Die Pandemie ist vorbei, der Schock und die Enttäuschung sind noch da, wenn auch für viele nicht sichtbar.

Einen Teil des beschädigten Vertrauens, in die Politik und in die Medien, könnte man, mit etwas Abstand, wieder zurückgewinnen. Wäre ich PR-Berater, würde ich so manch gewähltem Entscheidungsträger und mancher Redaktion ein Bedauern über den Umgangston nahelegen, ein «Sorry» für die Ausgrenzung, und zwar prominent auf zur Story: «Wir entschuldigen uns für Aussagen oder Andeutungen, in denen wir die Ungeimpften und Skeptischen für die Notlage verantwortlich machten, ihre Ausgrenzung und Diskriminierung forderten. Wir haben daraus gelernt. Wir tragen eine besondere Verantwortung, in Krisenzeiten sollten wir den Zusammenhalt betonen und nicht Spaltung befeuern.» Eine versöhnliche Geste zum Fest der Liebe, warum denn nicht?

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