Man könnte meinen, Frauen seien dankbar, an ihrem Arbeitsplatz von einer Frau geführt zu werden – das gegenseitige Verständnis ist grösser, also müsste ja auch das Klima besser sein. Und tatsächlich, laut einer Studie des Forschungsinstituts zur Zukunft der Arbeit von 2024 sind Chefinnen empathischer und bessere Kommunikatoren als ihre männlichen Pendants. «Sind Frauen die besseren Chefs?», fragte darum die Frankfurter Allgemeine Zeitung. Nur müsste die Überschrift eigentlich anders lauten, immerhin war die «überraschende Erkenntnis» der Studie, dass weibliche Führung nicht automatisch ein besseres Arbeitsklima bedeutet. Im Gegenteil: Die Zufriedenheit sinkt – besonders bei Frauen. «58 Prozent aller Frauen bevorzugen einen männlichen Chef, bei den Männern sind es 52 Prozent.» «Sind Männer die besseren Chefs?», halte ich für die passendere Frage, aber in Zeiten, in denen Journalisten Frauen schon aus Prinzip bejubeln, wäre die politisch so unkorrekt, dass gleich das halbe Feuilleton in Ohnmacht fiele und die andere Hälfte sich genötigt sähe, einen Leitartikel gegen das Patriarchat zu verfassen.
Illustration: Fernando Vicente
Der Befund ist nicht neu. Seit Jahren zeigen Untersuchungen, dass eine Mehrheit der Frauen lieber für einen Mann arbeitet. 2016 schrieb die Wirtschaftswoche unter dem Titel «Warum Frauen meist nicht mit Chefinnen können – und Männer schon» über eine Langzeitstudie der Universität Wisconsin mit 12.000 Teilnehmern. Das Ergebnis dürfte für die Gleichstellungsabteilungen dieser Welt eher ernüchternd sein: Frauen mit einer Chefin sind «signifikant unzufriedener» mit ihrem Job als jene, die einem Mann berichten. Die Jobzufriedenheit sinkt um bis zu 7 Prozentpunkte.
Manager müssen unbequeme Entscheidungen treffen, Kritik üben, klare Ansagen machen.
Die Forscher führen das Phänomen auf «verinnerlichte Rollenbilder» zurück und die «höheren Erwartungen an Frauen» in Führungspositionen, bis hin zu der These, unzufriedene Arbeitnehmerinnen zögen bevorzugt in Branchen, in denen besonders viele Frauen das Sagen haben. Externe Faktoren spielen sicher eine Rolle. Manager müssen unbequeme Entscheidungen treffen, Grenzen setzen, Kritik üben, klare Ansagen machen. Das passt nicht in das oft verklärte Bild der idealen weiblichen Vorgesetzten, die selbstverständlich alles richtig macht, Konflikte in Harmonie auflöst und im Büro eine Art emotionales Spa anbietet. Die Erklärungen greifen aber zu kurz, weil sie geflissentlich übersehen, dass es auch unterschiedliche Persönlichkeitstypen gibt. Was auffällt, ist das vornehme Desinteresse an der naheliegenden Frage: Wie sind diese Frauen eigentlich, wenn sie führen? Darüber liest man in besagten Artikeln nichts. Wagen wir also einen Perspektivwechsel.
«Frauen im Chefsessel sind noch weniger verträglich als Männer.» Zu diesem Schluss kommt eine Studie der Universität Hohenheim von 2015 mit 500 Führungskräften aus Deutschland. «Anders als allgemein vermutet, sind weibliche Führungskräfte, was die Kommunikation und einen weicheren Führungsstil betrifft, keine Bereicherung für die Unternehmen», so das Fazit der Studienautorin Marion Büttgen. Frauen seien zwar fantasievoll, kreativ und offen für Neues. In der Dimension «Verträglichkeit» hätten die Chefinnen bei der Untersuchung jedoch «signifikant niedriger» gepunktet als ihre männlichen Kollegen, sagt die Professorin dem Manager-Magazin. «Die Frauen waren eher kompetitiv, streitsüchtig, aggressiv und selbstherrlich und weniger kompromissbereit, kooperativ und harmoniesuchend.» Büttgen vermutet, dass gerade diese Persönlichkeitstypen den Aufstieg an die Spitze schaffen – auch wenn es in der Normalbevölkerung schon sein könne, dass Frauen weicher sind und eine ausgeprägtere Empathie haben.
Vielleicht bevorzugt die Mehrheit der Frauen männliche Chefs, nicht weil diese besser führen. Sondern weil sie die unverträgliche Seite mancher weiblicher Vorgesetzten intensiver und persönlicher empfinden. Unter Frauen schwingt oft eine feine Melange aus Vergleich und Konkurrenz mit, man misst sich aneinander, bewusst oder unbewusst. Wenn die Chefin dann noch Macken wie Narzissmus oder Streitsucht im Schlepptau hat, ist es wenig verwunderlich, wenn sich die untergebene Geschlechtsgenossin «signifikant unzufriedener» fühlt. Auch wenn die Expertenrunde bei dieser These wohl kollektiv die Luft anhält.
Folgen Sie unserer Autorin bei Youtube@LadyTamara

