Genau fünfzig Jahre ist es her, seit Atomgegner elf Wochen lang das Baugelände des geplanten Kernkraftwerks Kaiseraugst besetzt hielten. Zeitweise versammelten sich bis zu 20 000 Demonstranten auf dem Areal. Die Besetzung von 1975 führte dazu, dass «Kaiseraugst» nie gebaut werden konnte.
Zum Jubiläum gab es in den Schweizer Medien anerkennende Rückschauen. Der Erfolg der Kaiseraugst-Besetzer sei «historisch» gewesen, lobte die Basler Zeitung. Auch SRF sprach von einem «Erfolg». «Atomgegner verhinderten mit viel Ausdauer ein AKW», schrieb der Tages-Anzeiger. Ihnen sei ein «Coup» gelungen.
Das Kernkraftwerk Kaiseraugst hätte 1200 Megawatt Strom ins Netz einspeisen sollen – etwa so viel wie die anderen grossen Atomkraftwerke Gösgen und Leibstadt. Auch das AKW im bernischen Graben mit etwa der gleichen Leistung wurde nie realisiert. Die Verhinderung dieser Reaktoren war für die Anti-AKW-Bewegung ein Riesenerfolg – aber nur vordergründig. Denn es ist anders als gedacht.
Im Prinzip wurden «Kaiseraugst» und «Graben» dennoch gebaut – in Frankreich statt in der Schweiz. Die hiesige Stromwirtschaft beteiligte sich, als der Widerstand der Aktivisten immer grösser wurde, an den drei französischen Atomkraftwerken Bugey, Cattenom und Fessenheim und sicherte sich so beträchtliche Stromlieferungen. Die Beteiligungen summierten sich schliesslich auf 2500 Megawatt Atomstrom – ziemlich genau so viel, wie die AKW Kaiseraugst und Graben produziert hätten. Es war eine Notmassnahme der Schweizer Wirtschaft, damit in unserem Land die Lichter nicht ausgingen.
Klimabelastung
Die Beteiligungen laufen zum Teil heute weiter. Erst vor zwei Jahren vereinbarte die Schweiz bis 2039 Stromlieferungen über 180 Megawatt. Doch trotz der Unterstützung Frankreichs hat unser Land zu wenig Strom. Im Winter fehlen im Schnitt 12 Prozent der benötigten Elektrizität. Im Spitzenwinter 2016/17 waren es sogar 30 Prozent. Die Importe, um die Stromlücke zu füllen, kommen grösstenteils aus Frankreich – über die erwähnten Fixverträge hinaus. Vor allem Atomstrom.
Doch seit halb Europa im Energiewendefieber ist, stellt sich immer drängender die Frage, ob solche Importe künftig noch möglich sind. Nachdem vor drei Jahren der Ukraine-Krieg auf dem Kontinent einen Energienotstand hervorgerufen hatte, hat die Schweiz in aller Eile drei Gaskraftwerke aufgestellt, um vorzusorgen. Das grösste steht im aargauischen Birr und hat eine Leistung von 250 Megawatt. Die Notmassnahme kostete weit mehr, als die Instandsetzung des Atomkraftwerks Mühleberg zu Buche geschlagen hätte, das 2019 stillgelegt wurde. «Birr» ist darum ein Mahnmal für die verfehlte Strompolitik der Schweiz.
Doch es kommt noch schlimmer. Im letzten Mai gab das Energiedepartement bekannt, dass die Schweiz vier neue Notkraftwerke mit einer totalen Leistung von über 500 Megawatt braucht, um Stromengpässen im Winter vorzubeugen. Wenn bis 2033 auch die beiden Atommeiler in Beznau abgestellt werden, braucht das Land gemäss der Eidgenössischen Elektrizitätskommission sogar bis zu 1400 Megawatt Notleistung. An das Versprechen, dass die sündhaft teuren Reservekraftwerke dereinst klimaneutral betrieben werden, glaubt kaum einer.
Hätte man die beiden Kernkraftwerke Kaiseraugst und Graben gebaut, könnte das Land nun mit inländischem Atomstrom versorgt werden. Klimaschädliche Notkraftwerke könnte sich die Schweiz ersparen. Doch nun heisst die Devise: Gas statt Atom. Der Sieg der Besetzer in Kaiseraugst vor fünfzig Jahren ist nichts anderes als ein Pyrrhussieg.
Alex Reichmuth ist Redaktor beim Nebelspalter.

