Gebaut in Hambach, erdacht in China
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Gebaut in Hambach, erdacht in China

Wirtschaft

Gebaut in Hambach, erdacht in China

In Nordfrankreich entsteht die grösste Solarfabrik des Kontinents. Europas Energiewende funktioniert nicht ohne China.
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Europa hat die Solarenergie seinerzeit einmal erfunden. Dann aber haben Politik und Verwaltung so lange über ihren wahren Nutzen nachgedacht, bis andere die Fabriken bauten. In Freiberg im Erzgebirge, zwischen Chemnitz und Dresden, einem Ort, der sich selbst «Silberstadt» nennt, war Fotovoltaik einst ein deutsches Versprechen: Ingenieurskunst, saubere Energie, Zukunft. Dann kam die Globalisierung in ihrer robustesten Form. China machte aus der Idee eine Industrie – schneller, grösser, billiger. Europa blieb noch zwei Jahrzehnte Entwickler, China wurde Werkbank. Und irgendwann, das ist die bittere Pointe, wanderte nicht nur die Serienproduktion ab, sondern es verschwanden auch Forschung und Entwicklung. China schaltete in den Überholgang. Deutschland kroch auf den Pannenstreifen.

Handfeste Kooperation: Solarmodulproduktion des chinesischen Anbieters Trina Solar.

 

Europas neue Solarambitionen

Jetzt aber kommt eine überraschende Wendung: Europa baut wieder Solarfabriken. Nicht als Nostalgieprojekt, nicht als «Zurück zu den Wurzeln»-Romantik, sondern als knallharte Reaktion auf eine neue Rechnung mit vielen Variablen: Energiekrise infolge des Ukraine-Kriegs, fragile Lieferketten, neue Industriepolitik, Klimaneutralitätsziele und der schlichte Wunsch, nicht jede Schlüsselkomponente von irgendwoher bestellen zu müssen.

Eine Studie von SolarPower Europe, die gemeinsam mit dem Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme erstellt wurde, kommt zum Ergebnis, dass die EU bis 2030 rund dreissig Gigawatt jährliche Fotovoltaik-Fertigungskapazität erreichen könnte – wenn die Politik die passenden Hebel ansetzt. Theoretisch liesse sich mit dieser Produktionsmenge so viel Solarleistung installieren, dass sie rechnerisch den Strombedarf von so vielen Menschen deckt, wie in der Schweiz leben.

Praktisch liefern Solarmodule nur bei Sonnenschein. Aber immerhin: Die Grössenordnung ist beeindruckend. Die Studie beziffert auch die wirtschaftliche Hebelwirkung präzise. Pro produziertem Gigawatt Fertigungskapazität werden bis zu 2700 Arbeitsplätze erwartet, verbunden mit rund 66,4 Millionen Euro jährlich an Steuer- und Sozialabgaben. «Politischer Hebel» heisst hier Subvention – aber eben eine, die sich rechnet.

Und jetzt kommt Hambach. Vor den Toren von Sarreguemines-Hambach, nahe der deutsch-französischen Grenze, wächst zwischen Kränen, Betonfundamenten und Staubfahnen eine Fabrik, die für Europas neue Solarambitionen stehen soll. Auf dem Gelände eines ehemaligen Industrieareals markieren Stahlträger und vermessene Linien die Umrisse einer Anlage, die bald zu den grössten Solarmodulwerken des Kontinents zählen soll. Hier will das eigens gegründete französische Unternehmen HoloSolis eine Modulfabrik mit fünf Gigawatt Jahreskapazität errichten – rund zehn Millionen Module pro Jahr, genug für den Jahresbedarf von mehr als einer Million Haushalte.

Schweres Gerät fräst sich durch den Boden, Baucontainer reihen sich entlang der Zufahrtsstrasse, Ingenieure in Warnwesten diskutieren Pläne gegen den Wind. Industrie fühlt sich hier nicht nach Sonntagsrede an, sondern nach Lärm, Staub und Terminplänen. Für die Regionalpolitik ist Hambach mehr als ein Projekt. Es ist ein Versprechen auf Rückkehr in den Club der Industrieregionen.

Fotovoltaik war einst ein deutsches Versprechen: Ingenieurskunst, saubere Energie, Zukunft.

Es geht einerseits um rund 2000 Arbeitsplätze in der Fabrik. Franck Leroy, Präsident der Region Grand Est, spricht von einem «entscheidenden Schritt» für das Gigafactory-Projekt und betont, dass die gesicherten Investitionen und Partnerschaften zeigten, dass die operative Phase jetzt im Jahr 2026 beginnen werde. Er sieht darin einen Beitrag zur Energie- und Industriesouveränität der Region und zur «Reindustrialisierung unserer Gebiete». Und es geht andererseits um Geld. Mehr als 220 Millionen Euro an öffentlicher und privater Finanzierung sind zugesagt. Investoren wie InnoEnergy und das deutsche Traditionsunternehmen Heraeus sind an Bord – ein Unternehmen, das seine Wurzeln bis ins Jahr 1660 zurückverfolgt.

 

Abhängigkeit mit freundlichem Gesicht

Wer hier voreilig «europäische Renaissance» ruft, sollte allerdings noch einen Schritt näher an die Maschine treten. Denn die eigentliche Pointe liegt nicht darin, dass Europa wieder baut. Sondern darin, mit wem. HoloSolis setzt auf TOPCon, eine Hochleistungs-Zelltechnologie, die sich im globalen Solarmassenmarkt durchgesetzt hat – und arbeitet dafür mit dem chinesischen Anbieter Trina Solar zusammen. Trina beschreibt das Abkommen so: «Diese Vereinbarung ist mehr als eine Lizenz – sie steht sinnbildlich dafür, wie globale Innovation lokale industrielle Stärke befeuern kann.»

Treffender lässt sich die neue europäische Realität kaum beschreiben. Industrielle Souveränität entsteht nicht länger durch Abschottung, sondern durch Produktion dort, wo der Markt ist. Ob Know-how, Patente oder Anlagen aus China stammen, wird zweitrangig. Europa bekommt Jobs, lokale Wertschöpfung und kürzere Lieferketten. China erhält Absatz, Einfluss und industrielle Verankerung. Man kann das pragmatisch nennen. Man kann es auch Abhängigkeit mit freundlichem Gesicht nennen. Entscheidend ist: Es passiert.

Denn Hambach ist kein Einzelfall, sondern das neue Muster. Im thüringischen Arnstadt produziert der chinesische Hersteller CATL Batteriezellen und erweitert den Standort zu einem der grössten Batterietestzentren Europas mit mehr als 300 Teststationen. Das ist nicht «China liefert, Europa kauft». Das ist China produziert in Europa, testet in Europa und verzahnt sich tief mit europäischen Strukturen.

Die Kooperation ist handfest. Das Fraunhofer-Institut für Keramische Technologien und Systeme berichtet über gemeinsam entwickelte Testinfrastrukturen im Rahmen des Projekts BattLife direkt am CATL-Standort. Industrielle Nähe ersetzt diplomatische Distanz – mit Laboren, Klimakammern und Ladezyklen statt Grusskarten.

Auch Volkswagen hat das Märchen von der vollständig europäischen Batterie früh beerdigt. Im Mai 2020 stieg der Konzern mit 1,1 Milliarden Euro beim chinesischen Batteriehersteller Gotion High-Tech ein, um die Batteriezellproduktion zu industrialisieren, verbunden mit umfangreicher Entwicklungsarbeit am Standort Salzgitter. Die Mechanik ist typisch: europäische Nachfrage, europäische Fabriken, europäische Automobilindustrie – aber Technologiepartner dort, wo bereits skaliert und in grossen Stückzahlen produziert wurde.

 

Unberechenbare Geopolitik

Oder Stellantis. Der französisch-italienisch-amerikanische Autokonzern mit Marken wie Peugeot, Fiat, Chrysler und Opel gründete mit Leapmotor ein Joint Venture, um chinesische Elektroautos über ein europäisches Vertriebsnetz zu verkaufen und Produktionsoptionen zu prüfen. Kooperation in Reinform: Chinesische Kosten- und Produktlogik trifft auf europäische Marktpräsenz. Dass solche Pläne politisch und zolltechnisch jederzeit ins Wanken geraten können, zeigte sich, als die Fertigung des Leapmotor T03 in Polen zeitweise stockte. Geopolitik als Dauergewitter.

Und dennoch machen all diese Beispiele eines deutlich: Europa tut nicht mehr so, als könne es die Welt wegregulieren und gleichzeitig die Industrie zurücksubventionieren, bis sie von allein wieder läuft. Europa versucht – zögerlich, manchmal widersprüchlich – eine Industrie aufzubauen, die auch ohne Ideologie funktioniert. Genau das ist die Pointe von Hambach: nicht gegen China, sondern mit China. Ob das klug ist? Wahrscheinlich. Ob es bequem ist? Nein. Bequem wäre, weiter zu importieren und sich dabei für moralisch überlegen zu halten. Aber Bequemlichkeit ist keine Industriepolitik. Sie ist nur eine andere Form von Kapitulation.

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