Nachhaltiges Anlegen nach dem ESG-Muster, also die Verfolgung eines dreifachen Ziels mit Blick auf E: Environment (Umwelt), S: Soziales, G: Governance (verantwortungsvolle Unternehmensführung), befindet sich in der Finanzbranche seit vielen Jahren in Ausbreitung. Kürzlich meldete sich der Fondsmanager Morningstar mit Superlativen: Auf den Rekordwert von 644 Milliarden Dollar weltweit seien die Vermögenswerte offener Fonds und ETFs mit klimabezogenem Mandat Mitte 2025 gestiegen. Laut dem Report «Investing in Times of Climate Change» entsprach dies einem Plus von 8,5 Prozent gegenüber Ende 2024, getrieben vor allem durch Europa, auf das 86 Prozent der Vermögenswerte entfielen. Trotz «starkem Gegenwind, etwa durch die Gegenreaktion auf ESG oder klimapolitische Kehrtwenden» wachse, so die Autoren, das Universum klimafokussierter Fonds weiter.
Das Publikum macht ein Stück weit mit
Gleichzeitig gibt es aber für ESG-Investitionen Gegenwind aus mehreren Richtungen. Die Energieversorgung ist in vielen Ländern zur wichtigen Sorge und Priorität geworden, die Kritik an schwachen ESG-Renditen wächst, und US-Präsident Donald Trump hat – jüngst mit dem Bericht seines Umweltdepartements – den ganzen Rahmen für die Klimapolitik verändert. Ins Bild passt Bill Gates’ öffentliche Relativierung der Klimaziele: Es gebe dringlichere Probleme als die Erderwärmung.
In der Firmenwelt haben in jüngerer Zeit fast 900 Unternehmen der auf Klimaziele ausgerichteten «Science Based Targets Initiative» ihre Klimaverpflichtungen zurückgezogen, also 7 Prozent der Mitglieder – in der Schweiz etwa Swiss Re, Zurich oder Sulzer. Und kürzlich kam die Meldung, die Uno-basierte «Net Zero Banking Alliance», die im Finanzsektor die Dekarbonisierung voranbringen sollte, stelle ihre Tätigkeit ein. Namhafte Banken, vor allem auch die grossen amerikanischen Finanzkonzerne sowie der Vermögensverwaltungsriese Blackrock stiegen aus. Des Weiteren verabschiedete sich die US-Notenbank Fed aus dem einschlägigen Netzwerk zum Koordinieren von Klimathemen («Network for Greening the Financial System»).
Erfährt die ESG-Bewegung jetzt eine Abschwächung? Wir fragen Thorsten Hens, Professor für Wirtschaft, insbesondere Verhaltensökonomie, am Department of Finance der Universität Zürich, nach der Entwicklung und Stimmung an den Märkten. «Der Wind weht tatsächlich in die andere Richtung als noch vor einem Jahr», sagt Hens. «Am meisten Wind wird in Amerika gemacht, dies auf breiter Front überhaupt gegen das Thema ‹globale Erwärmung› sowie gegen nachhaltiges Investieren und damit verbundene Fragen.» In gewissem Sinne sei diese Entwicklung auch gut, nachdem es bei diesem Thema Übertreibungen und eine riesige Bürokratie gegeben habe. «Aber das Pendel wird wahrscheinlich auch wieder in die andere Richtung zurückschwingen, denn es ist ja nicht zu leugnen, dass wir ein Umweltproblem haben», fügt Hens an.
Wie lautet der Rat aus Sicht der Ökonomie, ist sogenannt grünes Investieren sinnvoll? Hens: «Wir sind als Ökonomen nicht politisch ausgerichtet. Wir können nur sagen, auf welche Art man es richtig und auf welche Art man es falsch macht.» Wie machen es die Anleger in der Praxis? Man müsse unterscheiden zwischen den Typen von Investoren, erklärt Hens: «Privatanleger sagen sich grossmehrheitlich: Wir machen grünes Investieren mit, sofern es uns keine Rendite kostet.» Er verweist in diesem Zusammenhang auf die lange Zeit der von Anbietern gehörten Versprechungen, die für grüne Anlagen sogar eine Überrendite, eine Art doppelte Dividende, in Aussicht stellten. Seit dem Ukraine-Krieg sei aber klar, dass dem nicht so sei. Deshalb mache das breite Publikum Nachhaltigkeitsbestrebungen zwar ein Stück weit mit, aber wenn die Rendite darunter leide, rücke es davon ab.
Geht Nachhaltigkeit auf Rendite?
Stärker auf Nachhaltigkeit fixiert zeigten sich in der Schweiz viele institutionelle Investoren, Pensionskassen, vor allem von Städten, Bund und anderen meist öffentlichen Institutionen. «Diese stehen politisch unter Druck, ESG-Anlagestrategien zu verfolgen.» Und schliesslich gebe es Institutionen wie Kirchen und andere Einrichtungen, die aus Überzeugung grün investierten, so mit dem Argument, der Schöpfung Sorge zu tragen.
Liegen die Normalanleger mit ihrem Gespür richtig, geht Nachhaltigkeit nach ESG gerne auf Kosten der Rendite? «Es ist oft so», meint Hens. «Es war eine Illusion, zu glauben, dass man durch solche Anlagen eine Überrendite erzielt.» Aber das Anlegen nach ESG werde dennoch nicht ganz zum Erliegen kommen, denn, so Hens: «Im Mittelalter gab es Ablassscheine, heute gibt es ESG-Ratings.»
Moment, ist das denn vergleichbar? «Ja, die Leute wissen, dass mit dem Klimawandel ein Problem im Raum steht. Im Mittelalter bestand das grosse Problem in der Frage: Komme ich in den Himmel, ja oder nein? Heute lautet die Frage: Zerstöre ich die Umwelt, trage ich dazu bei, ja oder nein?» Und in dieser Lage kaufe man sich eben einen Ablassschein, damals wie heute: Mit einer Anlage mit ESG-Rating könne man sich sagen, damit bezahle man seine Verantwortung ab. «Der Index MSCI World ist der dominante Anbieter von Produkten für ESG-Investitionen, und die Anleger sagen sich, dessen Experten würden es schon richtigmachen.»
Aber könnten die Leute denn nicht genauer hinschauen, nach dem Motto, wenn man schon Geld für grüne Ziele investiert, dann doch möglichst effizient und zielgerichtet? «Stimmt, das würde sich lohnen», bestätigt Hens. «Die Ergebnisse wissenschaftlicher Untersuchungen zeigen nämlich, dass diese ESG-Ratings auch kontraproduktiv sein können, weil sie meist in die Vergangenheit gerichtet sind, sich also an historischen Daten zu CO2-Ausstoss und auch anderen Umweltwirkungen des Unternehmens orientieren.»
Hens hat zusammen mit den Wirtschaftswissenschaftlern Malte Schlosser und Ester Trutwin 2024 in einem Forschungspapier dargelegt, dass grüne Innovationen in einem Unternehmen nicht automatisch eine Minderung beim CO2-Ausstoss bedeuten. Sie gingen der Frage nach, wie die grüne Innovationskraft eines Unternehmens mit dessen Umweltauswirkungen zusammenhängt. Erster Befund: Eine höhere Anzahl grüner Patente der Firma geht nicht mit geringeren CO2-Emissionen einher. Wie Hens und Trutwin schon in vorherigen Arbeiten gezeigt hatten, sollten Investitionen nicht in Unternehmen getätigt werden, die schon auf hohem Patentniveau sind, sondern in solche, die durch Investitionen neuer Mittel grüner werden. Wichtig sind also junge grüne Patente: Ein Anstieg des Anteils grüner Patente in jüngster Vergangenheit um einen Prozentpunkt geht demnach mit einer Verringerung der gesamten CO2-Emissionen der Firma um 0,7 Prozent einher.
Hens betont zudem, dass die in gängigen ESG-Ratings herangezogenen Indikatoren für Nachhaltigkeit oft widersprüchlich und unzuverlässig und die von seinem Team verwendeten Patentdaten viel verlässlicher seien. «Patentdaten gibt es seit vielen Jahrzehnten. Die sind offiziell registriert und werden von den Firmen erarbeitet, da kann man nicht einfach einen Fragebogen ausfüllen und erhält dafür ein Patent», fügt er an. Diese Daten unterlägen somit strikten Prüfungen, und die Unterscheidung zwischen grünen Patenten und nichtgrünen Patenten sei besonders nützlich.
Den Regulatoren gefallen
«Wenn man nach diesen Indikatoren investiert, tut man tatsächlich etwas für die Umwelt. Dann reduziert man wirklich den CO2-Ausstoss», meint Hens, während man nach gängigen ESG-Kriterien den CO2-Ausstoss oft eher in die Höhe treibe, weil auch andere Teilziele hineinfunkten. Kurz gesagt: Es ergibt wenig Sinn, ein Unternehmen, das schon grün ist, noch grüner machen zu wollen. Vielmehr soll man das Geld in Firmen lenken, die im Prozess des «Grünerwerdens» vielversprechend sind.
Jetzt aber der Clou: «Mein Kollege, der Mathematiker und Fondsmanager Dr. Andreas Beck, hat mit diesen Vorgaben einen massgeschneiderten Fonds etabliert – und keiner will ihn kaufen», erklärt Hens (der daran geschäftlich nicht beteiligt ist). Warum findet der Fonds (GTI World Small Cap) trotz guter Performance keinen Anklang? Weil die Marktregulatoren, so Hens, nur Produkte nach gängigem ESG-Schema anerkennen würden. Aus dieser Sicht müsse ein Anbieter von nachhaltigen Anlagen das formale ESG-Muster befolgen, wenn er entsprechend lizenziert werden wolle. Hens: «Das ist so, als wäre im Mittelalter ein alternativer Anbieter neben der katholischen Kirche auf den Plan getreten und hätte seinen eigenen Ablassschein angeboten, wäre aber gegen die dominante katholische Kirche chancenlos geblieben.»
Ist es also für effizientere Ansätze schwierig, sich im Markt durchzusetzen? «Ja, eben weil die Leute primär auf den Kauf dieser Ablassscheine erpicht sind.» Zwar habe die Finanzaufsicht Finma festgehalten, Anleger sollten sich nicht einfach auf die formalen ESG-Ratings konzentrieren, sondern sich eigene Gedanken machen, aber die meisten Investoren wählten den bequemeren Weg, kauften ein MSCI-Rating und zeigten sich damit zufrieden. Und was tun die Banken? Da gebe es Ausnahmen, die nicht einfach nur auf Ratings schauten, sondern sondierten, wo sich sinnvolle Innovation zeigten. Aber viele in der Bankenbranche hätten dringendere Prioritäten, müssten ihre Administration voranbringen, Renditen produzieren und nun auch Wege suchen, wie sie mit der KI-Blase umgehen wollten.

