Grossinquisitor auf dem Prüfstand
Helmut Lethen: Der Sommer des Grossinquisitors. Über die Faszination des Bösen. Rowohlt Berlin. 240 S., Fr. 37.90
Dostojewskis Erzählung vom Grossinquisitor gehört zu den ikonischen Texten des 20. Jahrhunderts. Von ihrem eigentlichen Ursprungsort, Dostojewskis 1878–1880 erschienenem letztem Roman, «Die Brüder Karamasow», hat sich die Erzählung weitgehend emanzipiert; sie wurde auch schon sehr früh separat veröffentlicht. Die äusserst dynamische Wirkungsgeschichte hat die vielfältig ausdeutbare Erzählung auf einen harten Kern reduziert: Die Geschichte vom Grossinquisitor erzählt, so lautet das etablierte Deutungsmuster, von der institutionellen Verhärtung der Lehre Jesu, die von ihrem spirituellen Gehalt losgelöst und in die dogmatisch erstarrten Kältezonen der katholischen ...

