Eine Besiedlung des Unterengadins ist seit der Bronzezeit (ca. 2200–800 v. Chr.) nachgewiesen. Ab 800 n. Chr. setzte eine starke Kolonisierung ein, zwischen 1000 und 1400 gab es ein markantes Bevölkerungswachstum. Förderlich war das mittelalterliche Klimaoptimum im Zeitraum von etwa 900 bis 1500. Der Biologe und Umweltforscher Josef Reichholf beschreibt, dass in Süddeutschland im Januar 1171 die Obstbäume blühten und im März 1241 auf den Märkten bereits frische Kirschen angeboten wurden.
Amt für Wald und Naturgefahren Graubünden
Es wurde getriftet und geflösst
Ums Jahr 1300 lag die Bevölkerungsdichte im Schweizer Alpenraum bei -sieben bis zehn Einwohnern pro Quadratkilometer. Um das in -Relation zu heute zu setzen: Ohne die Agglomeration Chur-Landquart hat der Kanton Graubünden aktuell eine Dichte von rund zwanzig Einwohnern pro Quadratkilometer. Die Bewohner waren pure Selbstversorger, die Nutzung weit intensiver und -weitreichender als heute. Vor 500 Jahren hatte das Unterengadin etwa die gleiche Bevölkerungszahl wie heute. Für das Jahr 1580 wird sie auf mindestens 7400 Einwohnern geschätzt, im 2023 waren 7717 Personen registriert.
Der Wald wurde von vielen -Seiten in die Mangel genommen. Die -lokale Bevölkerung brauchte Lebensmittel, Feuermaterial und Baustoff. Wald wurde gerodet und in Wiesen, Weiden oder Äcker umgewandelt. Es gab viele lokale Brennöfen und Bergwerke für Kalk und Eisenerze, die mit Brenn- und Baumaterial versorgt werden mussten. In Konkurrenz dazu standen Exporte in entlegenere Werke und Städte, die gute Preise zahlten. Holz aus dem Unterengadin ging ab dem Jahr 1420 bis in die fast 200 Kilometer entfernte Saline Hall im Tirol, zeitweise wurde es bis nach Wien geliefert.
Der Wald wuchs nicht so schnell nach, wie das Holz verbraucht wurde. Der Holzeinschlag drang bis in die hintersten Winkel der Alpentäler vor. Herausfordernd war der Transport. Pferde, Schlitten, Wasser und Holzkanäle halfen. Und auch jede Menge Speuz und Muskelschmalz.
In den Wildbächen wurde getriftet. Das heisst, die Stämme wurden ins Wasser befördert und weiter unten wieder herausgeholt. Am besten geeignet waren Frühlingshochwasser während der Schneeschmelze. Wo es zu wenig Wasser gab, wurde der Bach aufgestaut und eine Flutwelle ausgelöst. Am Bestimmungsort standen -grosse Holzrechen im Bach, um die Stämme -anzulanden. Wenn sich Stämme unterwegs verkeilten, waren gefährliche Manöver nötig. Meist waren es junge, unverheiratete Männer, die an Seilen hängend die Blöcke aus den tobenden Fluten lösten. Nicht jeder kehrte von der Arbeit heim.
In grösseren Flüssen wurde geflösst. Die Stämme wurden zusammengebunden und kontrolliert an Kiesinseln und anderen Hindernissen vorbeigeführt. Die Flussläufe wurden hierfür so weit wie möglich und nötig angepasst, stellenweise auch spezielle Bauwerke angelegt.
Um das Holz aus den allerhintersten Winkeln herauszubringen, wo das Wasser für die Bringung nicht ausreichte, wurden sogenannte Riese gebaut (Singular: Ries). Das waren gezimmerte Kanäle, in denen die entrindeten Nutzhölzer abwärtsglitten. Mit Schnee oder Eis liefen die Transporte noch einfacher. Manchmal wurde Wasser zugeleitet, um die Stämme rutschiger zu machen. Die Riese überbrückten oft nur kurze Passagen, konnten aber auch mehrere Kilometer lang sein.
Intensiv genutzt
Die verbliebenen Wälder waren mit den heutigen nicht vergleichbar. Fast überall lief Weidevieh. Junge Tännchen, die besonders zäh und -flexibel sind, wurden zum Binden benutzt. Es wurde Harz gewonnen, getrocknetes Laub als Einstreu für den Stall gesammelt oder als Dünger auf Wiesen und Felder gebracht. Selbst Fichtenzapfen dienten als Feuermaterial. Es blieb kaum ein Zweig im Wald.
Nicht nur die Engadiner waren fleissig. Im ganzen Alpenraum war die Nutzung ebenso intensiv. Beispielsweise schrieb der Förster Karl Kasthofer aus dem Berner Oberland 1828, er kenne keinen einzigen zugänglichen Buchenwald, «der nicht vor seinem obersten Anfange bis an sein -unterstes Ende ganz rein von Buchenlaub gewischt worden wäre».

