Asher Edelman, geboren 1939 in New York, hat den Handel im Blut, die Familie investierte in Grundstücke und Liegenschaften. Mit 24 wurde er von der New York Stock Exchange als Office-Manager anerkannt, der bisher jüngste. Fünf Jahre später gründete er seine eigene Investmentfirma und fiel bald als Corporate Raider, ein Geschäftemacher, der Firmen übernimmt und dafür mit Geld der Firmen bezahlt, auch Oliver Stone auf – der Regisseur stützte die Figur des Gordon Gekko (gespielt von Michael Douglas) in seinem Film «Wall Street» teilweise auf Edelman ab.
Sein anderes Betätigungsfeld ist Kunst: Edelman kaufte ab den frühen 1960er Jahren Werke von damals aufstrebenden Künstlern, darunter Lichtenstein, Warhol, Rauschenberg oder Twombly, und er war Basquiats erster Sammler. Nach dem Börsenkrach von 1987 verliess er die Wall Street und Amerika, um sich in Lausanne niederzulassen. Ab 1990 machte er die Werke seiner Fondation Asher Edelmann (FAE) in Pully dem breiten Publikum zugänglich; die FAE darf als erstes Museum für zeitgenössische Kunst der Westschweiz beschrieben werden (1995 schloss es, da die Gemeinde die Kosten von rund einer Million Franken jährlich nicht übernehmen konnte und er die Tagesgeschäfte nicht weiter besorgen wollte). Edelman, inzwischen Schweizer Bürger, war viermal verheiratet und hat vier Kinder (aus zwei Ehen); die vierte Ehefrau Michelle ist auch seine Geschäftspartnerin sowie die Mutter seines jüngsten Sohns Christopher, geboren 1998, ein Musikproduzent mit Künstlernamen ProdbyGekko.
Weltwoche: Mister Edelman, Sie leben ein bewegtes Leben, das Leben eines Händlers . . .
Asher Edelman: Einen Augenblick, bitte, ich sehe mich nicht als Händler, sondern als Investor.
Weltwoche: . . . und dann haben Sie diversifiziert und begonnen, mit Kunst zu handeln oder, wenn Sie so wollen, in Kunst zu investieren.
Edelman: Ich habe schon in Kunst investiert, bevor ich meinen ersten Job an der Wall Street bekam.
Weltwoche: Waren Ihre Eltern kunstinteressiert?
Edelman: Nein, in meinem Elternhaus hingen schreckliche Bilder. Ich kaufte als Zwölfjähriger erste Kunstbücher im New Yorker Metropolitan Museum of Art, weil ich mir noch keine Kunstwerke leisten konnte. Mit siebzehn oder achtzehn kaufte ich erste Zeichnungen. Und mit 21 wurde ich ernsthafter – ich leistete mir meinen ersten Jasper Johns, für 800 Dollar. Von da an kaufte ich fleissig weiter – Lichtenstein, Warhol, Ryman, Rauschenberg, Twombly.
Weltwoche: Sie investierten in Start-ups, sozusagen.
Edelman: Richtig, das waren damals aufstrebende Künstler. Von Basquiat war ich sogar der erste Sammler. Thomas Ammann . . .
Weltwoche: . . . der grosse, frühverstorbene Schweizer Kunsthändler . . .
Edelman: . . . bezeichnete meine Bilder seinerzeit als beste Sammlung zeitgenössischer Kunst der Welt. Er hatte wahrscheinlich recht.
Weltwoche: 800 Dollar für einen Jasper Johns waren im Jahr 1961 eine stattliche Summe, nicht wahr?
Edelman: Einverstanden. Vor allem aber gab es keinen Markt für diese Art von Kunst.
Weltwoche: Ein Schuss ins Blaue also, der ins Schwarze traf.
Edelman: Das sehe ich nicht so; das tönt, als hätte sich ein unbedeutendes Werk mysteriöserweise in ein bedeutendes verwandelt. Meine Entscheide hatten aber nichts mit Magie oder so zu tun. Ich entschied mich dafür, weil ich die Bilder als gute Kunst erkannte.
Weltwoche: Einverstanden, doch als Investition war’s ein Schuss ins Blaue, es gab keinen Markt, wie Sie selbst sagten.
Edelman: Ich betrachte Kunst nicht als Investition, und das habe ich auch nie getan. Was ich dagegen getan habe: New Yorker Galeristen finanziert, Leo Castelli oder Mary Boone. Und später für mein Museum in Pully bezahlt [Fondation Asher Edelman, 1991 bis 1996; die Red.]. Davon abgesehen ging es mir um die Kunst, nur darum. Nicht ums Geld, nicht mal um die Künstler. So soll es sein. Ich habe nie um Preise gefeilscht. Sondern den Händlern gesagt: «Geben Sie mir den Preis, den Sie guten Kunden geben.» Was wohl einer der Gründe war, weshalb ich die besten Werke bekam.
Weltwoche: In welcher Preislage kaufen oder kauften Sie?
Edelman: Mein teuerstes Werk war wohl ein schwarzer Stella, ich bezahlte 1,2 Millionen Dollar dafür im Jahr 1979. Doch es gibt bloss zwölf grosse solche Bilder, und sie gelten als Meisterwerke. Später habe ich noch ein paar Mal in dieser Preislage eingekauft, die Werke legten über die Jahre um ein Vielfaches zu.
Weltwoche: Kauften Sie bloss, oder verkauften Sie auch?
Edelman: Ich habe viel verkauft, vor allem ab Mitte der 1990er Jahre. Ich hatte 1500 Werke, als ich aufhörte zu sammeln, heute habe ich noch zirka 400. Weshalb? Einfach, ich brauchte Geld. Ich bin 1988 an der Wall Street ausgestiegen, nach dem Börsenkrach [vom Herbst 1987; d. Red.] und weil die Arbeitsbedingungen sich verschlechtert hatten. Die Wall Street hatte sich zu einem Sammelbecken von Halsabschneidern oder Betrügern entwickelt. Und ich hatte hohe Kosten, meine Lebensart verschlang Unsummen.
Weltwoche: Zum Glück konnten Sie die Bilder verkaufen, hatten also «Investment Grade»-Kunst, sozusagen.
Edelman: Stimmt. Doch das war nicht der Plan.
Weltwoche: Was war der Plan?
Edelman: Ich wollte weg von der Wall Street, weil mir das Geschäft keinen Spass mehr machte. Und ich wollte nicht mehr in New York leben. So kam ich nach Lausanne, und ich mochte die Stadt, die Gegend und das Land, die Schweiz.
Weltwoche: Sie hatten keinen sorgfältig ausgearbeiteten Plan, wie ihn erfolgreiche Unternehmer oder Manager oft präsentieren? ›››
Edelman: Nein, hatte ich nicht. Und ich bezweifle, dass die Mehrheit der erwähnten Unternehmer und Manager einen solchen haben, es ist meistens Bullshit, wenn sie das erzählen.
Weltwoche: Es klingt besser.
Edelman: Finde ich nicht. Ich finde, es klingt, als wären sie Schwächlinge, die einen angeblichen Plan brauchen, an dem sie sich festhalten können. Ich bin das, was man outspoken nennt, bitte entschuldigen Sie.
Weltwoche: Ich weiss das zu schätzen, leider sind heute nicht mehr viele Leute offenherzig. Aber Sie sind wirtschaftlich unabhängig, können also sagen, was Sie wollen, ohne die Konsequenzen fürchten zu müssen.
Edelman: Nun, ich fürchte schon bestimmte Konsequenzen. Deshalb reise ich zum Beispiel nicht nach Amerika zurück. Donald Trump und ich sind Feinde. Ich kenne ihn seit vierzig Jahren, ich halte nichts von ihm, habe ihn öffentlich verrissen; darum, und weil er Vergeltung ausübt, getraue ich mich nicht mehr nach New York.
Weltwoche: Sie haben den demokratischen Sozialisten Bernie Sanders zur Wahl empfohlen. War das gescheit?
Edelman: Ich habe ihn empfohlen, weil er ein anständiger Mensch ist, für mich die wichtigste Eigenschaft eines Politikers. Und damit Trump Stimmen verliert.
Weltwoche: Dennoch unterstützen Investoren wie Sie meistens nicht Politiker, die die Wirtschaft regulieren und die Steuern erhöhen wollen.
Edelman: Ich bin ein Liberaler im europäischen Wortsinn, für freie Märkte. Aber ich bin auch das, was man in Amerika unter einem liberal versteht – ich finde, man muss die Schwachen unterstützen, das kostet halt was.
Weltwoche: Sie verstehen was von Wirtschaft und sind Kunstkenner, das ist nicht die übliche Übungsanlage.
Edelman: Ich bin mathematisch begabt, habe aber auch ein gutes Auge. Ich bewohne, wenn man so will, beide Welten: Ich habe mit dreizehn als runner, Laufbursche, an der Wall Street angefangen und später dann am Bard College studiert.
Weltwoche: Eine private linke Hochschule mit hervorragendem Ruf.
Edelman: Ja, so kann man es sagen. Oder eine Hochschule, die ein breit angelegtes interdisziplinäres wissenschaftliches Grundlagenwissen vermittelt, vielleicht die beste Amerikas. Ich habe dort ein Studium der Renaissance absolviert, aber auch der Volkswirtschaftslehre.
Weltwoche: Und danach haben Sie Ihre eigene Handelsfirma gegründet.
Edelman: Ja, mit 29, ein gutes Alter. Leider fand ein paar Jahre später die Ölkrise statt, und es gab eine Rezession.
Weltwoche: Sind die Finanzmärkte vergleichbar mit dem Kunstmarkt?
Edelman: Ich würde nicht von einem Kunstmarkt sprechen, eher von marktähnlichen Merkmalen. Im Handel mit Kunstwerken fehlt mehrheitlich die Transparenz. Andererseits sind Finanzmärkte schwerer zu verstehen.
Weltwoche: Was halten Sie von Zöllen?
Edelman: Eine völlige falsche Massnahme, die allen Beteiligten schadet. Diesbezüglich bin ich libertär: Keine Zölle, keine Handelshemmnisse und auch keine Einschränkungen von Migration, jeder sollte sich überall auf der Welt niederlassen und eine Firma gründen oder arbeiten dürfen, falls er einen Job findet.
Weltwoche: Sie sind seit über 25 Jahren in der Westschweiz zu Hause, haben aber vor einigen Jahren im Kanton Zug eine Firma gegründet, weshalb?
Edelman: Aus dem einfachen Grund, dass ich Geld brauchte. Und da ich was von Kunst verstehe, gründete ich eine Kunst-Leasing-Firma, eine Tochterfirma meines New Yorker Unternehmens.
Weltwoche: Kunst-Leasing?
Edelman: Es ist im Grunde ein Finanzgeschäft, deshalb ist Kunstfinanzierungsfirma zutreffender. Das Geschäftsmodell ist Kauf und Lease-Back von Kunst. Eine Firma oder Privatperson, die ein wertvolles Werk besitzt, verkauft es uns – und mietet es zurück. So wird Kapital freigesetzt. Ein Rückkauf ist jederzeit möglich. Im Kern ist es ein gesicherter Bankkredit.
Weltwoche: Tönt anspruchsvoll, es gibt dabei wenigstens zwei Unbekannte: die Entwicklung der Zinsen und die Preisentwicklung der Werke.
Edelman: Was die Zinsen betrifft, stimmt das. Was die Kunst angeht – ich kenne mich aus, wie schon gesagt. Wir hatten bis jetzt keinen Fall, in dem wir mit einem Werk beziehungsweise einem gewährten Darlehen Geld verloren haben. Und ich mache diese Art Geschäfte in der einen oder anderen Form seit den 1970er Jahren.
Weltwoche: Und haben Sie Erfolg damit?
Edelman: Ja. Ich denke aber, es gibt heute erfolgversprechendere Möglichkeit der Kunstfinanzierung, und sie machen auch mehr Spass.
Weltwoche: Nämlich?
Edelman: Sogenannte Fraktionalisierung oder Tokenisierung von Werken. Mit anderen Worten: Man ermöglicht Anlegern, Anteile an Meisterwerken oder ganzen Sammlungen zu kaufen. Die Blockchain [ein dezentrales, digitales, öffentlich einsehbares Register; die Red.] macht’s möglich.
Weltwoche: Der Teufel beziehungsweise die rechtlichen Herausforderungen stecken im Detail, hört man.
Edelman: Natürlich muss man die Ausgangslage genau prüfen, doch das ist normal und machbar. Wir arbeiten mit einer Schweizer Bank an einer Art Fonds, den wir auflegen werden. Wer Anteile kauft, kauft sich in Werke ein von Pablo Picasso, Günther Förg oder Hernan Bas. Das ist Fun, nicht wahr?
Weltwoche: Longevity, Langlebigkeit, ist ein Anlagegebiet sowie ein Lebensentwurf vieler Investoren. Sie sind 85, sharp, fit und voll von Lebensfreude, scheint’s – was ist Ihr Geheimnis oder Rezept?
Edelman: Sie übertreiben, ich vergesse zum Beispiel viele Namen. Aber ich bin noch immer neugierig, das hilft. Und ich nehme Nahrungsergänzungsmittel, Vitamine hauptsächlich, seit ich dreissig bin; so viel zum neuen Longevity-Trend. Weiter bewege ich mich, fahre Ski, wandere und achte einigermassen auf die Ernährung, doch ich trinke gelegentlich auch Wein. Mein Rezept? Es ist banal im Grunde: «Was auch immer du gerne tust, tu es. Hör nicht auf damit, bloss weil du älter wirst.»

