«Ich habe dann schnell gemerkt, dass ich kein Naturtalent bin»
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Die Weltwoche

«Ich habe dann schnell gemerkt, dass ich kein Naturtalent bin»

«Ich habe dann schnell gemerkt, dass ich kein Naturtalent bin»

Benedikt Weibel, ehemaliger Chef der SBB und seitdem erfolgreicher Buchautor, hat auf dem Golfplatz sein Erfolgsrezept gefunden: Er will kein Tausendfüssler sein.
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Weltwoche: Am Anfang steht ja immer dieselbe Frage. Welcher Unfall hat dazu geführt, dass man mit diesem verflixten Golfspiel angefangen hat, von dem man nie mehr wegkommt?

Benedikt Weibel: Sie werden lachen, bei mir war das tatsächlich ein Unfall. Wir waren immer eine Skifamilie. Unser jüngerer Sohn war zudem ein begeisterter Zehnkämpfer. Dann hat er sich beim Skifahren die Hand gebrochen und hat darum beschlossen, mit Schneesport aufzuhören. Die Familie brauchte also einen neuen, gemeinsamen Sport. Wir sind zusammen nach Tunesien gefahren und haben einen Golfkurs gemacht.

www.casparmartig.ch
«Was ist meine grösste Schwäche?»: Weibel auf der Anlage des Golfklubs Interlaken.
www.casparmartig.ch

 

Weltwoche: Und wie lange ist das her?

Weibel: Dreissig Jahre werden es wohl sein. Aber ich habe schnell gemerkt, dass ich beim Golfspielen kein Naturtalent bin. Im Gegensatz zum Felsklettern, Volleyball, Radfahren oder Marathon, wo ich recht passabel war, war ich beim Golf eher eine Pfeife. Ich war das Gegenteil meiner Frau, die im Golf nun von Beginn an wirklich eines dieser Naturtalente war. Ihr Handicap ist bis heute beeindruckend. Sie war die treibende Kraft, dass Golf seitdem stets ein Teil des Familienlebens ist.

 

Weltwoche: Nun ist Golf ja kein Familiensport, sondern eher ein Gruppensport.

Weibel: Genau. Unsere besten Freunde haben dann auch angefangen, Golf zu spielen. Seitdem gehört es zum Ritual, dass wir an Feiertagen wie Ostern, Pfingsten und Auffahrt immer zusammen und mindestens zu viert irgendwo Golf spielen gehen. Natürlich geht es dabei immer um die üblichen Wett-Challenges.

 

Weltwoche: Golf ohne Wetten ist kein Golf, sagen ja auch die Briten.

Weibel: Das ist bei uns genauso. Man muss zahlen für jeden Ball, den man verliert, man zahlt für jeden leichten Putt, den man verschiebt, jedes Birdie kostet zwanzig Franken, jedes Par kostet zehn Franken. Wir glauben oft selber nicht, wie viel Geld da zusammenkommt. Damit finanzieren wir unsere Reisen.

 

Weltwoche: Und wo finden diese Events statt?

Weibel: Diese Ostern fahren wir nach Evian. Später folgt der «Öschberghof» in Donaueschingen.

 

Weltwoche: Und mit welchem Handicap trumpfen Sie dort auf?

Weibel: Mit Sicherheit ist es zu tief, weil ich kaum mehr Turniere spiele und auch sonst die frühere Leistung nicht mehr bringe. Aber ich kann es Ihnen genau sagen, weil gerade gestern meine neue Golfkarte in der Post war. Ich schaue nach: 28.0.

 

Weltwoche: Damit lässt sich’s leben.

Weibel: Inzwischen schon. Aber wissen Sie, jahrelang habe ich Pech gehabt, 2011 sind meine Frau und ich mit zwei Velos nach Istanbul geflogen, und wir sind danach mit dem Rad in die Schweiz zurückgefahren. Das dauerte 36 Tage. Zu Hause haben wir uns gesagt, jetzt müssen wir uns etwas erholen, und haben darum auf der Riederalp Golf gespielt. Und Sie glauben es nicht, nach dieser Velopause haben wir beide dort das Golfturnier mit grossem Vorsprung gewonnen. Beide in ihrer Kategorie. Mein Handicap sank wie ein Stein.

 

Weltwoche: Ja, das kennen wir. Dann haben Sie jahrelang darunter gelitten, dass Sie mal einen enorm guten Tag hatten und Ihr Handicap viel zu tief war für Ihre wahren Fähigkeiten.

Weibel: Ja, der Sieg auf der Riederalp war der absolute Ausreisser meiner ganzen Golfkarriere. Das hat sogar dazu geführt, dass ich in der Bilanz in deren Golf-Ranking erschienen bin, gerühmt als jener Manager, der in diesem Jahr sein Handicap am meisten heruntergespielt hat.

 

Weltwoche: Ja, wir fühlen mit Ihnen.

Weibel: Und wissen Sie was? Der einzige Trost war, dass es meiner Frau noch schlimmer erging. Sie hat an jenem Tag sogar ein Hole-in-one geschossen und ist seitdem auf der Ehrentafel des Klubs verewigt.

 

Weltwoche: Sie haben ja immer viel Sport gemacht, Sie haben ein Bergführerpatent, Sie fahren mit dem Rad von Istanbul in die Schweiz. Wie ist Golf in diesem Spektrum einzustufen?

Weibel: Je älter ich werde, umso klarer sehe ich die Vorteile von Golf. Du bist draussen, du bist immer an schönen Destinationen, du bewegst dich vier bis fünf Stunden, und du kannst mit Spielern ganz unterschiedlicher Spielstärke um die Wette spielen. Ich bin nun nicht der Typ, der jeden Tag Golf spielen möchte. Aber je älter ich werde, umso attraktiver wird dieser Sport.

 

Weltwoche: Wie häufig spielen Sie?

Weibel: So einmal pro Woche. Wenn ich in unserer Ferienwohnung in Saanenmöser bin, spiele ich alle zwei, drei Tage. Ich bin Mitglied hier im Klub von Gstaad-Saanenland. Wenn ich hinterher auf der Terrasse des Klubhauses sitze, mit dieser grandiosen Aussicht in die Berge, dann stimme ich jenem Engländer zu, mit dem ich hier einmal gespielt habe. Er sagte: «You know, this is the best place in the world.»

 

Weltwoche: Jetzt werden wir etwas grundsätzlich. Sie haben ja rund ein Dutzend erfolgreiche Managementbücher geschrieben über Themen wie Motivation oder über Reduktion von Komplexität. Lässt sich davon etwas auf den Golfplatz übertragen?

Weibel: Ich denke schon. Mein Buch über Komplexitätsreduktion heisst «Simplicity». Das gilt auch beim Golf. Man muss sich auf die ganz wenigen, entscheidenden Faktoren beschränken. Simpel muss es sein. Es macht keinen Sinn, beim Abschlag an vier verschiedene Dinge zu denken. Ein Gedanke genügt. Ich glaube, noch besser zu Golf passt mein Buch «Endlich beginnen die Schwierigkeiten».

 

Weltwoche: Auf dem Golfplatz beginnen die Schwierigkeiten allerdings nicht endlich, sondern unendlich.

Weibel: Schwierigkeiten sind erwünscht und unvermeidlich. Es geht nun aber darum, was sich im Kopf abspielt. Die Kunst ist es, die Gedanken im Kopf wegzudrücken. Wenn ich beim Aufteen denke, ich würde diesen Abschlag verhauen, dann verhaue ich ihn mit Sicherheit. Das ist der wichtigste Faktor im Sport, dass du das Denken wegbringst, das Denken darüber, was du tust.

 

Weltwoche: Und wie ist das im Management?

Weibel: Es ist vergleichbar. «Endlich beginnen die Schwierigkeiten» ist ein Satz, der nicht mir eingefallen ist. Er stammt von Niccolò Machiavelli. Der Satz hat mich geprägt. Ich durfte als junger Manager mit Pierre Arnold zusammenarbeiten, dem damaligen Migros-Chef. Arnold war enorm unter Druck. Doch je grösser die Widerstände wurden, desto besser wurde er. Das war mir eine Lektion fürs Leben. Kraft durch Widerstand. «Mentale Stärke ist lernbar», schreibe ich in einem anderen Buch von mir. Das gilt im Büro wie auf dem Golfplatz.

 

Weltwoche: Man sieht das ja gut bei den besten Golfprofis. Technisch sind sie alle gleich gut. Aber das Turnier gewinnt der mit der mentalen Überlegenheit.

Weibel: Ich glaube, auch aus meiner Berufserfahrung, dass die Frage der mentalen Stärke in keiner Managementsituation und in keiner Sportart so wichtig ist wie im Golf. Im Grunde muss man, um Fortschritte zu machen, nur eine Frage analysieren: Was ist meine grösste Schwäche? Bei mir zum Beispiel ist die Antwort klar: Ich haue auf den Ball, statt durch ihn hindurchzuschwingen. Immer noch, auch nach Jahrzehnten. Aber ich arbeite weiterhin daran.

 

Weltwoche: Und, kommen Sie voran?

Weibel: Ich halte mich an die einfache Regel des Grenznutzens: Jedes noch so komplexe Problem hat nur ganz wenige Variablen, die wirklich ausschlaggebend sind. Das heisst, mit einem Aufwand auf 20 Prozent kann auch in sehr komplexen Problemen ein Nutzen von 80 Prozent erzielt werden. Erst dann folgt das Prinzip des abnehmenden Grenznutzens. Um 100 Prozent zu erreichen, braucht es eine gewaltige zusätzliche Anstrengung. Beim Golf muss man also versuchen, 80 Prozent der eigenen Fähigkeit zu erreichen, statt von den restlichen 20 Prozent zu träumen.

 

Weltwoche: Was wären Ihre restlichen 20 Prozent?

Weibel: Eine Charakterfrage. Ich bin vom Typ her zu impulsiv. Das war schon so, als ich SBB-Chef war. Meine Impulsivität hat zwar im Job viel Energie freigesetzt, aber ich musste mich in Diskussionen andererseits oft zurücknehmen. Auf dem Golfplatz ist es ähnlich. Ich bin zu impulsiv, spiele dadurch zu hastig und unkontrolliert, statt endlich mehr Gelassenheit zu lernen.

 

Weltwoche: Nun ist das Schöne am Golf aber auch, dass das Spiel, ob bei Erfolg oder Misserfolg, völlig folgenlos ist.

Weibel: Ja, es geht auf dem Golfplatz nicht um Tod oder Leben. Aber ein Thema, das mich immer beschäftigt hat, war der Sturz. Wie kommt es zum Sturz im Leben? Als Felskletterer wusste ich, dass ich aufgrund meiner impulsiven Art ein potenzieller Sturzpilot war. Ich musste also herausfinden, was einen Sturz auslöst. Es ist im Fels wie auf dem Golfplatz oft dasselbe Element. Es ist die Ablenkung. Auch die besten Freikletterer wie eine Lynn Hill sind abgestürzt, weil sie durch externe Einflüsse abgelenkt wurden und darum nicht richtig sicherten. Zum Glück stürzte Lynn Hill auf eine Föhre und überlebte.

 

Weltwoche: Und wie kommt es zum Sturz auf dem Golfplatz?

Weibel: Es ist dasselbe wie am Berg. Das Prinzip heisst Vermeidung von Ablenkung und Risikominimierung. Ich als eher schlechter Spieler minimiere mein Risiko. Am zweitletzten Loch in Interlaken zum Beispiel, einem Par 3, lege ich vor, weil ich mich nicht übers Wasser traue. Meine Frau lacht mich dann jeweils aus, weil sie immer Vollgas gibt. Aber mitunter schaffe ich das Par, und sie landet im Wasser.

 

Weltwoche: Und was lernen wir zum Schluss daraus?

Weibel: Konzentration auf das Wesentliche. Weg mit den Gedanken im Hirn. Wenn ich intensiv darüber nachdenke, ob ich übers Wasser komme, lande ich mit Sicherheit im Teich. Also lege ich vor. Es ist wie bei den Tausendfüsslern. Wenn ein Tausendfüssler beginnt, über seine Fortbewegung nachzudenken, kommt er keinen Schritt mehr vorwärts. Auf dem Golfplatz haben wir Erfolg, wenn wir keine Tausendfüssler sind.

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