Wir leben in einer Kultur der Offenlegung. Gefühle sollen benannt, Zweifel kommuniziert, Chats geteilt, Gedanken erklärt werden. Wer etwas für sich behält, gilt schnell als verdächtig. Schweigen wird moralisch aufgeladen, Transparenz hingegen als eine neue Tugend gefeiert. In Beziehungen ebenso wie im öffentlichen Raum scheint zu gelten: Wer nichts zu verbergen hat, hat auch nichts zu befürchten. Das klingt nach Offenheit, Nahbarkeit, Intimität. In Wahrheit ist es ein schwerer Angriff auf das Subjekt. Denn ein Mensch ohne Geheimnisse ist kein besonders ehrlicher Mensch, sondern ein Mensch ohne Innenraum. Das liberale Individuum, auf dem unsere westlichen Gesellschaften beruhen, ...