Weltwoche: Frau Vilar, vor einem halben Jahrhundert sind Sie angetreten mit der Forderung nach einer radikalen Emanzipation, sowohl der Männer als auch der Frauen. Sind die Menschen heute freier, als sie es damals waren?
Esther Vilar: Objektiv sind sie freier. Die Kirchen sind liberaler geworden, die Scheidungen leichter, die Diktaturen seltener, die Gerichte humaner. Die Frage ist eine andere: Wollen wir überhaupt frei sein? Wir fordern unsere Freiheit, wir schwärmen von ihr, wir töten für sie, wir lassen uns für sie töten – doch mit der Freiheit zu leben, von Tag zu Tag selbst zu entscheiden, was mit uns geschehen soll, das ertragen wir in der Regel ...