An einem der letzten Oktobertage steige ich von Klosters im Prättigau 800 Meter hoch zur Alp Madrisa. Erst am Vortag habe ich realisiert, dass die Bergbahn ihren Betrieb saisonbedingt bereits eingestellt hat. Doch ich möchte noch dieses Jahr dokumentieren, wie eine real existierende alpine Solaranlage aussieht.
«Madrisa Solar» war im September die erste freistehende alpine Fotovoltaikanlage, die in der Schweiz ans Netz ging. Im Endausbau soll die Anlage eine Fläche von 22 Fussballfeldern bedecken. Bisher konnten rund 20 Prozent fertiggestellt werden. Das sind etwa 30 000 Quadratmeter.
Unterschätzter Aufwand
Ich befinde mich inmitten der sogenannten Solartische. Das sind bis zu sieben Meter hohe, imposante Stahlkonstruktionen, die die Solarpanels tragen. Die Gebilde sind robust, denn auf 2000 Metern über Meer sind die Verhältnisse besonders im Winter garstig. Die Solartische müssen heftigen Stürmen standhalten.
Vor drei Jahren startete das Parlament den «Solarexpress». Beeindruckt von der Energiekrise infolge des Ukraine-Kriegs, war die Politik überzeugt, dass alpine Solaranlagen einen wesentlichen Beitrag leisten können, um das immer grösser werdende Stromloch der Schweiz im Winter zu stopfen.
Die Räte legten darum fest, dass der Bund bis zu 60 Prozent der Investitionskosten für alpine Solaranlagen übernimmt. Im Gegenzug forderten sie Tempo ein: Bis Ende 2025 sollten die Projekte zu 10 Prozent, verglichen mit ihrem Endausbau, am Netz sein, um Subventionen zu erhalten.
Es ist, als ob ich mitten in einem Dschungel stehe. Ich erblicke Solartische, so weit das Auge reicht. So etwas habe ich noch nicht gesehen.
Mit dem «Solarexpress» kam es anders als gedacht. Zwar schossen die Projekte, angelockt vom Subventionsmanna, anfänglich wie Pilze aus dem Boden. Weit über fünfzig zum Teil riesige alpine Anlagen wurden angekündigt.
Doch die Euphorie verflog schnell. Mancherorts lief die Bergbevölkerung Sturm gegen die Pläne und lehnte sie an Gemeindeversammlungen ab. Andernorts erhoben Umweltorganisationen Einsprache gegen Anlagen, was meist zu grossen Verzögerungen führte.
An vielen Orten aber machte die Wirtschaftlichkeit einen Strich durch die Rechnung: Die Planer hatten unterschätzt, wie aufwendig der Bau von Solaranlagen in den Bergen ist, und erkannten, dass diese trotz üppigen Fördermitteln nicht rentabel zu betreiben sind. Also gaben sie ihre Pläne auf.
Der «Solarexpress» sollte der Schweiz jährlich 2000 Gigawattstunden zusätzlichen Strom bringen – rund ein Viertel der Produktion des AKW Gösgen. Doch heute sind nur noch etwa dreissig Projekte übrig. Diese würden zusammen etwas mehr als 700 Gigawattstunden erzeugen – also nur ein Drittel so viel wie erwartet. Aber auch das ist unsicher. Denn das Projektsterben wird weitergehen. Der Berg hat also eine Maus geboren.
«Madrisa Solar» ist eine von nur vier alpinen Solaranlagen, die jetzt, kurz vor Ende 2025, im Bau sind. Der Bund musste angesichts der grossen Verzögerungen bei vielen Projekten schon die Bedingungen lockern. Um Beihilfen zu bekommen, genügt es für ein Projekt nun, dass bis Ende dieses Jahres zumindest das Baugesuch öffentlich aufgelegt ist. Auch der «Solarexpress» hat sich – wie ich auf Madrisa – in einem Solardschungel verloren.
Ich fotografiere und filme die Szenerie. Die Schweiz muss wissen, was hier oben auf Madrisa abgeht. Ich kann nur hoffen, dass der «Solarexpress» auch künftig nicht in Fahrt kommt. Denn so viel Landschaftszerstörung für ein bisschen unzuverlässig anfallenden Strom ist nicht zu verantworten.
Alex Reichmuth ist Redaktor beim Nebelspalter.

