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Die Weltwoche

Karl Barth trifft Charlie Kirk

Editorial

Karl Barth trifft Charlie Kirk

Ist die Bibel ein Rezeptbuch, eine Waffe für den politischen Kampf? Der reformierte Basler Theologe widerspricht dem evangelikalen Amerikaner mit seinem legendären Nein! Ein fiktives Gespräch über Gott und Gnade.

Stellen wir uns vor, in einer zeitlosen theologischen Arena oder hoch über dem Zürichsee, zum Beispiel im Garten des Landhauses «Bergli» im sommerlichen Oberrieden, treffen sich Karl Barth und Charlie Kirk. Es pfeifen die Vögel, die Sonne scheint, und unten glitzert etwas schläfrig der Zürichsee.

IMAGNO/Franz Hubmann
«Was verstehen Sie unter Kompass?»: Bibelforscher Barth (1886 – 1968).
IMAGNO/Franz Hubmann

Nehmen wir weiter an, die beiden hätten gleichzeitig gelebt, sich gekannt und auch voneinander gewusst, hier der weltberühmte Schweizer Theologe, der den Nazis trotzte, eine Art Kopernikus der Reformierten, dort der feurige Evangelikale aus den USA, konservativer Held der Debatten, gläubig und bibelfest mit Millionenpublikum.

Jetzt also unterhalten sich die beiden im Schatten der Bäume. Siedeln wir den Austausch in den späten sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts an. Barths Geliebte und Mitarbeiterin, so genau weiss man das nicht, Charlotte von Kirschbaum, tischt Tee auf und Gebäck. Barths reguläre Gattin Nelly weilt zu Hause in Basel, um sich von der anstrengenden Dreiecksbeziehung ihres Mannes mit den zwei Frauen zu erholen.

 

Szenerie in magischen Nebel

«Lieber Herr Kirk», beginnt der grosse Denker und Forscher, mittlerweile über siebzig, einen abgewetzten Wollpullover über den Schultern, «auf Youtube habe ich mir Ihre brillanten Diskussionen mit britischen Studenten in Oxford angesehen, Kompliment. Am interessantesten fand ich Ihre Ausführungen zur Bibel als Richtschnur der Moral.»

Charlie Kirk, einunddreissigjährig, in T-Shirt und Jeans, schaut bewundernd durch dessen dicke Brillengläser in die Augen des Mannes, der sein Grossvater sein könnte. «Danke, Professor, das freut mich sehr. Es ist wahr. Ich finde Halt im Glauben. Die Bibel ist mein Kompass in der Wirklichkeit. Dafür versuche ich die Jungen zu begeistern.»

«Was verstehen Sie unter Kompass?», fragt der alte Mann.

«Das Krebsübel unserer Zeit ist der Verlust der Werte, der Relativismus. Unsere Gesellschaften verfallen. Die Menschen glauben nicht mehr an Gott, dafür an alles Mögliche. Dabei liegt die Antwort in der Bibel. Wer sie liest, findet zeitlose moralische Wahrheiten, Leitlinien für die Politik sogar, ja ein objektives System, einen universellen Kodex an konservativen Werten und Regeln.»

Der Professor lehnt sich nach vorne. Seine Augen funkeln in jener Mischung aus Ernst und Ironie, die auch sein Monumentalwerk «Die Kirchliche Dogmatik» durchzieht. Er nimmt einen tiefen Zug aus seiner Pfeife und stösst den Rauch aus, als ob er die unwirkliche Szenerie in magischen Nebel hüllen wollte. Karl Barth beginnt zu reden in dem tiefen, entspannten, fast prophetischen Ton seiner sagenhaften Vorlesungen.

«Darf ich Ihnen Ihren Irrtum anhand des Römerbriefs von Paulus deutlich machen?»

«Lieber Herr Kirk, darf ich Charlie sagen? Ich sehe in Ihnen einen Mann, der die Bibel nicht nur liebt, sondern sie auch ernst nimmt. Das ist gut. Ja, das ist notwendig. Aber bitte seien Sie mir nicht böse, wenn ich Ihnen widerspreche, wenn ich mir herausnehme, Ihnen einen Rat zu geben, oder besser, Sie zu bitten: Sehen Sie in der Bibel keinen Kodex aus Stein, den uns Gott wie vom Berg Sinai hinab in die Hand gegeben hat, damit er unsere Schlafzimmer und unsere Parlamente regiert.»

 

«Gut gekontert, Charlie»

«Die Bibel», fährt der Alte fort, «ist kein Orakel, eben keine Gesetzestafel, kein Rezeptbuch, und sie ist auch kein Leitartikel aus der Feder des Allmächtigen. Wer die Bibel als Waffe, als Instrument der Politik einsetzt, hat sie nicht verstanden.»

«Aber Sie selber, Professor», sagt Kirk lächelnd, «haben sich auf die Bibel berufen, als Sie in Göttingen 1934 den Eid auf Nazi-Diktator Hitler verweigerten, mit der biblischen Begründung interessanterweise, sinngemäss, dass es Ihnen als Diener Gottes unmöglich sei, einem anderen Herrn zu dienen, der sich auf dessen Thron zu setzen trachte.»

«Gut gekontert, Charlie», erwidert Barth, «aber nicht auf die Bibel berief ich mich gegen den Diktator, sondern auf mein Gewissen als gläubiger Christ. Darf ich Ihnen Ihren Irrtum anhand des Römerbriefs von Paulus deutlich machen?»

 

«Ich bitte darum.»

«Wenn Sie die Bibel, das von fehlbaren Menschen aufgezeichnete, offenbarte Gotteswort, zur Richtschnur unseres Verhaltens nehmen, dann zerren Sie Gott in Ihre Nähe, holen Sie ihn vom Himmel auf die Erde. Sie weisen ihm zwar den höchsten Posten zu, aber eben nicht in seiner, sondern in Ihrer, in unserer Welt. Sie erlauben sich, mit ihm zu rechnen, sich als sein Vertrauter, Gönner, Sachwalter und Unterhändler auszugeben …»

«Aber …»

«Warten Sie, Charlie. Indem Sie Gott auf den Weltenthron setzen als obersten Lotsen der Politik, der Ehe, der sexuellen Beziehungen, was weiss ich, bis hin zur Organisation unseres Staates, wie Sie es vor den Studenten in Cambridge so eloquent und fast schon wieder überzeugend getan haben, dann ziehen Sie ihn aus der Ewigkeit in unsere Zeit hinein. Das nenne ich die grosse Ehrfurchtslosigkeit der Menschen.»

Barth zieht an seiner Pfeife.

«Sie sind ein ernsthafter, kluger junger Mann, der für das Richtige und Wahre kämpfen will. Das lobe ich. Aber ich warne auch: Indem Sie Gott zu Ihrem Komplizen machen und die Bibel zu Ihrem Kursbuch, erniedrigen Sie den Allmächtigen, Schöpfer des Lebens und des Universums, zum Erfüllungsgehilfen Ihrer Wünsche und Interessen. Sie reden von Gott, aber, es tut mir leid, Sie meinen sich selbst. Aus dem, was Gott heisst, machen Sie einen Menschen.»

Charlie Kirk sitzt jetzt kerzengerade auf seinem Stuhl. Er nimmt einen Schluck vom Tee, der kalt geworden ist. «Beantworten Sie mir eine Frage, Professor: Wo, wenn nicht in der Bibel, finden Sie das unerschütterliche Fundament unserer Werte und unserer Moral? Nur dank dem Christentum haben wir die Menschenrechte. Ohne Gott verfallen wir dem Bösen und der Barbarei. Der Beweis sind die gottlosen Ideologien des 20. Jahrhunderts, der Nazis und der Kommunisten. Nur Gott kann die Menschen vor sich selber retten.»

«Da haben Sie recht, Charlie, aber anders, als Sie meinen. Gott ermahnt uns, das ist richtig, aber der Ort, von dem aus diese Ermahnung stattfindet, ist keine jener flachen Anhöhen, von denen wohlmeinende Schulmeister herunterpredigen. Wer Gott zum Moralisten macht, zwängt ihn in sein Schema. Christliche Moral, sofern wir dieses Wort riskieren wollen, ist ein Widerspruch in sich. Die Moral des Christen ist, wenn schon, die Moralkritik, Zurückhaltung in der moralischen Bewertung menschlichen Wollens und Handelns.» – «Sie weichen meiner Frage aus, Professor. Woher nehmen unsere Werte und moralischen Regeln die Kraft, die Geltung, wenn nicht von Gott?»

«Ich frage zurück, lieber Charlie: Wie himmeltraurig müsste es um unsere Werte, um unsere Moral bestellt sein, wenn sie nur dank dem Beistand Gottes gelten? Nein, wir Menschen sind gerufen, selber die Verantwortung zu tragen für die Regeln und Werte, die ein gutes Leben möglich machen. Ob wir damit Gott gefallen, können wir nicht wissen. Gottes Pläne bleiben uns auf ewig rätselhaft, nur etwas wissen wir: Er hat uns gern.»

«Trinken wir auf uns, auf das unbegreifliche Geschenk der Gnade, das wir beide nicht verdient haben.»

«Kommen Mörder in die Hölle, Herr Professor?»

«Wie kommen Sie darauf?» Barth lacht. «Die Bibel lehrt, dass auch der Sünder einbezogen ist in den Heilsplan Gottes. Jedes moralische Ressentiment verbietet sich, denn noch in der Sündhaftigkeit des schlimmsten Sünders spiegelt sich nur meine eigene Sünde, wenn auch in anderer Vergrösserung.»

 

Was Kirk wohl erwidert hätte?

Kirk lehnt sich zurück, die Stirn in Falten. Barth lächelt: «Herr Kirk, Ihre Leidenschaft ehrt Sie. Aber wahre Treue zur Schrift beginnt mit Demut. Die Bibel ist nicht unser Besitz, sie ist keine fertige Programmschrift für die Politik.»

Barth lässt sich von Charlotte einen französischen Rotwein und zwei Gläser bringen.

«Trinken wir auf uns, auf die Kinder Gottes und auf das unbegreifliche Geschenk der Gnade, das wir beide nicht verdient haben. Wir alle sind geliebt von Gott, auch Sie, aber nicht, weil Sie sein Anwalt, sein Durchschauer sein wollen und ruhelosen Einsatz leisten, sondern weil er Sie, wie andere, die Sie gar nicht kennen, ohne ersichtlichen Grund als Vollmitglied in seinen Heilsplan einbezieht.»

Hier endet unsere Geschichte über Bibel, Moral und Politik. Was Charlie Kirk erwidert hätte, werden wir leider nie erfahren.

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