Kartoffel oder Käfer
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Kartoffel oder Käfer

Kartoffel oder Käfer

Das Schweizer Kulturland wird immer weniger, nicht nur wegen der Ausdehnung des Siedlungsgebiets. Auf den grauen folgt der grüne Landfrass durch Renaturierungen.

Es herrscht emsiges Treiben auf der Baustelle. Hier werden nicht Unterkünfte für Menschen gebaut, sondern für Frösche, Libellen und Wasserkäfer. Unlängst gediehen hier noch Kartoffeln und Getreide. Baumaschinen tragen den Oberboden ab, ersetzen ihn durch lehmiges Material. Fruchtbarkeit und schonende Bewirtschaftung sind passé, nun folgen Nährstoffarmut und Bodenverdichtung.

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Resilient und effizient: Autor Züger.
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Ackerböden sind das Rückgrat der Lebensmittelversorgung. Für jeden Schweizer steht im Inland eine Ackerfläche von gut 400 Quadratmetern zur Verfügung. In Deutschland sind es rund 1400, in Österreich 1500 und in Frankreich 2800 Quadratmeter. Im weltweiten Vergleich liegt die Schweiz an 154. Stelle, gleichauf mit Jamaika. Danach kommen fast nur noch Wüstenstaaten und tropische Inseln.

Im Jahr 1980 war die Ackerfläche pro Einwohner fast doppelt so gross. Seither wuchs die Bevölkerung von 6,3 auf 9,1 Millionen Einwohner. Davon 2,5 Millionen Ausländer, 1,2 Millionen Personen wurden in dieser Periode eingebürgert.

 

Auf Kosten des Kulturlandes

Das Mehr an Menschen braucht nicht nur mehr Wohnraum, sondern auch Verkehrswege und Arbeitsplätze. Überproportional gestiegen ist der Bedarf an Erholungsfläche in Form aller Arten von Indoor-Aktivitäten mit den entsprechenden Gebäulichkeiten und der Verkehrsinfrastruktur sowie Sportplätze vom Fussballstadion über den Bikepark bis zum Golfplatz.

Wald, Gewässer und seltene Lebensräume sind streng geschützt. Gebaut wird deshalb zumeist auf Kulturland. Ist dennoch Wald betroffen, zum Beispiel für Strassenbau, muss die gerodete Fläche wieder angepflanzt werden. Auf Kulturland. Werden geschützte Lebensräume oder andere Naturwerte tangiert, muss Ersatz geschaffen werden. Meist auf Kulturland.

Verlierer ist fast stets die Landwirtschaft. Seit 1980 gingen 1170 Quadratkilometer Landwirtschaftsfläche verloren. Ein Drittel ging in Wald oder Naturschutzgebiet über, 800 Quadratkilometer wurden überbaut.

Die neuen Teiche werden zweifelsohne umgehend von Tieren und Pflanzen besiedelt. Mancherlei Rarität ist sicherlich auch dabei. Ein Spazierweg mit Ruhebänklein wird zum Verweilen einladen. Mit gestiegenem Umweltbewusstsein nahm auch die Nachfrage nach Naturschutzgebieten zu. Diese werden längst nicht nur zum Schutz von Flora und Fauna eingerichtet, sondern auch zu Erholungszwecken.

Treiber ist auch die innere Verdichtung. Wer sich nicht das verkehrsberuhigte Wohnstrassen-Naturgarten-Familienquartier leisten kann, braucht einen Ausgleich zum sardinengleichen Stadt- und ameisenhaften Agglo-Leben. Den «ökologisch politisierten» Privilegierten wird die Haltung von Stadthühnern und -bienen auf Dauer zu öde. Wie jede Elite pflegen sie ihre Statussymbole.

Andere zeichnen sich aus mit dicker Zigarre, Segeltrip auf dem Mittelmeer und moderner Kunst an der Wand. Bei ihnen sind es Chai Latte, ökoveganer Wochenendausflug ins hintere Maderanertal und vom Aussterben bedrohte Tiere und Pflanzen. Was für die anderen der Kunstkatalog ist, sind für sie die Roten Listen der gefährdeten Arten. Hauptsache selten und exklusiv. Einen wesentlichen Unterschied gibt es. Während Erstere sich den Luxus selbst erwirtschaften mussten oder das Geld der Eltern verprassen, haben sich Letztere den Staat als Sugardaddy gekrallt.

Zum grauen kommt immer häufiger der grüne Landfrass hinzu. Das sei nicht dasselbe, Biodiversität sei wichtig für einen funktionierenden Naturhaushalt, betonen die Umweltbewegten. Die Landwirtschaft sei darauf angewiesen, zum Beispiel auf die Bestäuberleistung der Insekten. Es stimmt, in China gibt es Regionen, wo Obstbäume von Hand bestäubt werden, in Amerika werden Honigbienen mit grossen Trucks herumgefahren. Hierzulande sind Hinweise auf eine Dysfunktionalität schlicht inexistent. Die Schweizer Landwirtschaft ist ertragreich, resilient und effizient, im internationalen Vergleich kleinflächig und strukturreich. Nicht Sorgenkind, sondern Klassenprimus.

 

Zerstörung des Tafelsilbers

En vogue ist die Schaffung von grossflächigen Feuchtgebieten. Im Zeitraum von 1800 bis 1950 wurden um die 90 Prozent der Moore trockengelegt. Aus Niemandsland entstanden Äcker allerbester Güte, die Malaria wurde ausgerottet. Nun sollen die Uhren zurückgedreht werden.

1300 Hektar sollen allein im Kanton Zürich «wiedervernässt» werden, wie es im Naturschutzjargon heisst. «Ersäuft», sagen andere; tausend Hektar sieht der Aargau vor, ein Drittel davon ausdrücklich im Landwirtschaftsgebiet. Zusätzlich werden schweizweit sogenannte Gewässerräume ausgeschieden. Das sind Freihaltezonen, deren Ausdehnung abhängig von der Gewässergrösse ist. Sie sind für eine spätere Renaturierung vorgesehen: Bodenabtrag, Verbreiterung des Bachbetts, landwirtschaftliche Nutzung ade. Die Gesamtfläche ist noch nicht abschliessend bekannt, Hochrechnungen gehen von einigen tausend Hektar aus. Obendrauf kommen Bachausdolungen. Um die Felder besser nutzen zu können, wurden Tausende kleine und grössere Bäche in Röhren gelegt. Per Gesetz werden sie nun wieder ans Tageslicht geholt. Der Flächenbedarf dürfte etliche tausend Hektar umfassen.

Alle diese Renaturierungen betreffen zum grössten Teil bestes Ackerland. Etwa 5 Prozent der heutigen Ackerfläche dürften zerstört werden, vielleicht auch mehr. Das sind rund 200 Millionen Quadratmeter. Die Schweiz hat bei den Ackerfrüchten einen Selbstversorgungsgrad von 32 Prozent. Besser sieht es bei den tierischen Nahrungsmitteln aus. 97 Prozent stammen aus dem Inland. Die Schweiz ist ein Weideland. Fast drei Viertel der Landwirtschaftsfläche ist nicht ackerbaulich nutzbar. Die Ackerflächen sind das Tafelsilber der Schweizer Agrarproduktion. Es wird zerknüllt wie eine leere Aludose. Das grüne Primat der pflanzenbasierten Ernährung scheint plötzlich vergessen.

Die Renaturierungen sind irreversibel. Das unterscheidet sie von den klassischen Biodiversitätsförderflächen wie Ackerbrachen, Blühstreifen und Blumenwiesen. Sollten wir die Anbaufläche wieder brauchen, wären Ökoflächen mit etwas Aufwand wieder kultivierbar. Bei Renaturierungen gilt: weg ist weg.

Dass es so weit kommt, ist nicht so abwegig. Die internationalen Händel und Kriege machen die Versorgungslage unsicherer. «Ohne Mampf kein Kampf»: Wer nichts zu beissen hat, kann weder Freiheit noch Neutralität verteidigen. Es wurden nicht nur Hunderte Landwirtschaftsbetriebe plattgemacht, flach heraus kommt auch die Versorgungssicherheit. Die Schweiz kann nurmehr die Hälfte der benötigten Lebensmittel selber bereitstellen. Tendenz sinkend.

In Vergessenheit geraten ist die Agenda 21: «Oberstes Ziel ist die nachhaltige Steigerung der Nahrungsmittelproduktion und die Verbesserung der Ernährungssicherung.» Vor dem Hintergrund der stark angestiegenen Bevölkerungszahlen «muss die Erhaltung und die Steigerung der Leistungsfähigkeit der ertragreicheren landwirtschaftlichen Nutzflächen Vorrang haben, denn nur so kann eine wachsende Bevölkerung ausreichend versorgt werden». Das war 1992. Dieses Uno-Programm, das von 170 Staaten inklusive der Schweiz unterzeichnet wurde, ist aktueller denn je.

Erstrebenswert ist nicht eine Maximalproduktion auf höchstmöglichem Niveau, die in der Regel nur für eine begrenzte Dauer aufrechterhalten werden kann, sondern eine auf hohem Niveau nachhaltige und damit gleichbleibende Produktion. Genau das, was die Schweiz tut. Sie hat sowohl eine höchst leistungsfähige Landwirtschaft als auch weltweit eine der umweltverträglichsten.

 

Öko-Kolonialismus

Wegen des Froschkonzerts bleibt nicht der helvetische Teller leer, sondern der afrikanische. Lebensmittel folgen dem Ruf des Geldes. Das Getreide landet nicht bei den Bedürftigen, sondern bei den Betuchten.

Die bedeutendsten europäischen Nahrungsmittelexporteure von Gemüse und Früchten sind Holland und Spanien. Die Produktion ist intensiv, hyperintensiv, mit einer Intensität, die es in der Schweiz gar nicht gibt. Ganze Landstriche sind mit Treibhäusern zugebaut. In Holland braucht es Unmengen Heizöl, um die Anlagen zu betreiben. In Spanien werden riesige Mengen Wasser aus Flüssen und Grundwasser abgezapft.

Oder die Lebensmittel kommen aus noch grösserer Distanz, sei es aus Thailand, Madagaskar oder Südamerika. Dort werden Spritzmittel eingesetzt, die bei uns längst verboten sind. Der Arbeitsschutz ist auf mittelalterlichem Niveau. Unlängst sorgte eine in der Zeitschrift Nature publizierte Untersuchung für Furore: In den Entwicklungsländern sind 90 Prozent der Umweltzerstörungen auf die Lebensmittelproduktion für den Export zurückzuführen.

Die Libellen am Tümpel und das Vogelkonzert in der neuen Flussaue sind eine Augen- und Ohrenweide, das steht ausser Frage. An sich gibt es an solchen Projekten nichts auszusetzen. Ausser, dass sie ökokolonialistisch sind.

 

Marcel Züger, Biologe ETH, ist Inhaber und Geschäftsführer der Umweltdienstleistungsfirma Pro Valladas GmbH in Salouf GR

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