Die künstliche Intelligenz (KI oder AI) ist seit Monaten das dominierende Anlagethema. Sie gilt als Meilenstein der Menschheit wie die Erfindung der Dampfmaschine, der Elektrizität, des Internets oder der Mobiltelefonie. Die KI beschäftigt sich mit der Entwicklung von Systemen und Maschinen mit menschenähnlicher Intelligenz. Gemeint sind Fähigkeiten wie Lernen, Problemlösen, Planen, Mustererkennung, Sprachverarbeitung oder Entscheidungsfindung. Sie wird in fast alle Gebiete der Wirtschaft und Gesellschaft vordringen und die Berufswelt grundlegend verändern. Experten erwarten bis 2030 einen Beitrag der KI von 10 Prozent zum Welt-BIP. Bis 2035 soll die Produktivität der Wirtschaft dank der KI um 40 Prozent zulegen. Über 90 Prozent der Unternehmen und Institutionen werden bis dann KI anwenden.
Erste Schreckensmomente mussten die Investoren von Februar bis April 2025 überstehen.
Der MSCI-Welt-Aktienindex erreichte Ende September 2025 eine Börsenkapitalisierung von 81 Billionen Dollar. Die grössten neun Einzelgesellschaften können allesamt dem KI-Universum zugeordnet werden. Nebst den «Glorreichen Sieben» zählt auch Broadcom dazu, ein Telekommunikationskonzern, der Clouds, Datenzentren und Netzwerksysteme für die KI-Industrie betreibt. Diese IT-Giganten bringen es zusammen auf einen Marktwert von 21 Billionen Dollar oder 26 Prozent der Indexgewichtung. Darin nicht enthalten ist OpenAI (ChatGPT), die am schnellsten wachsende Softwarefirma der Geschichte. Sie untersteht einer gemeinnützigen Organisation. Die Gewinne für Investoren und Mitarbeiter sind gedeckelt, und überschüssige Erträge gehen an die OpenAI Nonprofit.
Übertriebene Ängste
Einiges erinnert an die Dotcom-Blase in den späten neunziger Jahren. Der Reifezyklus der KI-Industrie wird wohl ähnlich verlaufen. Nach der Begeisterung werden eine gewisse Ernüchterung und Ungeduld einkehren. Dann wird sich die Industrie konsolidieren. Es kommt zu Übernahmen und Liquidationen. Später kommt die neue Technologie dann jedoch zur vollen Entfaltung. Dieses Erfahrungsmuster sollten sich Anleger in Erinnerung rufen, wenn es früher oder später auch bei KI-Kapitalanlagen zu Rückschlägen kommt. Erste Schreckmomente mussten die Investoren von Februar bis April 2025 überstehen, als die Kurse der Tech-Giganten um 36 Prozent korrigierten. Seither haben sie sich kursmässig wieder erholt. Der Nasdaq, der Nasdaq AI und Robotics und der Nasdaq-Internet-Index verzeichneten Anfang Oktober neue Allzeithöchststände.
Es gibt eindeutig bedeutende Unterschiede zum Dotcom-Boom und -Crash.
Es gibt aber auch bedeutende Unterschiede zum Dotcom-Boom und -Crash. Die Lancierung des Internets, des Mobiltelefons sowie die Entwicklung von Handheld-Computern führten ab 1995 zu einer Vielzahl von Unternehmensgründungen und Börsengängen. Viele der Newcomer erreichten enorme Börsenbewertungen, obwohl sie damals kaum Gewinne, sondern happige Verluste erwirtschafteten. Zweifel kamen auf, als einige der vermeintlichen Superstars Insolvenz anmelden mussten.
Ab März 2000 setzte der Crash der New Economy ein. Der amerikanische Nasdaq-Aktienindex, der stark von Technologie- und Internetunternehmen geprägt war, fiel von seinem Höchststand im März 2000 bis Oktober 2002 um 78 Prozent. Selbst heute etablierte Tech-Unternehmen wie Cisco (minus 89 Prozent) oder Amazon (minus 90 Prozent) verloren damals massiv an Wert, nachdem Cisco Systems mit einem Börsenwert von rund 555 Milliarden kurz zuvor zum teuersten Unternehmen der Welt aufgestiegen war. Weltweit gingen damals etwa fünf Billionen Dollar an Marktkapitalisierung verloren. Zum Vergleich: Heute ist Nvidia mit einem Börsenwert von 4550 Milliarden Dollar das wertvollste Unternehmen der Welt.
Die heutige Ausgangslage präsentiert sich weit günstiger, weshalb die Ängste vor einem erneuten Technologie-Crash übertrieben erscheinen. Selbstverständlich sind immer wieder zweistellige Kurskorrekturen möglich, denn auch qualitativ erstklassige Gesellschaften können temporär überbewertet erscheinen und Gewinnmitnahmen auslösen. Die führenden Grosskonzerne erzielen heute jedoch Milliardengewinne und verfügen über derart hohe Eigenmittel und Cash-Bestände, dass Pleiten nur in Extrem- und Einzelfällen wahrscheinlich sind. Seit 2015 und bis zum Geschäftsjahr 2024 haben die «Magnificent Seven» (Microsoft, Apple, Alphabet, Nvidia, Tesla, Meta Platforms und Amazon) ihre Umsätze pro Jahr um 16 Prozent, ihre operativen Erträge um 19 Prozent und ihre Gewinne um 21 Prozent gesteigert. Letztere nahmen von 86 Milliarden auf 484 Milliarden Dollar zu. Der Börsenwert stieg um jährlich 25 Prozent. Die Eigenmittel blieben in diesen neun Jahren im Vergleich zur Bilanzsumme konstant bei etwas mehr als 50 Prozent. Sie stiegen von 359 auf 1190 Milliarden an. Die «Glorreichen Sieben» gehören auch zu den bedeutendsten Steuerzahlern, denn 2024 lieferten sie knapp 100 Milliarden ab, dreimal so viel wie 2015. Für Forschung und Entwicklung wurden 2024 rund 260 Milliarden investiert, mehr als sechsmal so viel wie vor neun Jahren. Die Eigenmittelrendite stieg von 22 auf 38 Prozent.
Die USA bekommen Konkurrenz
Die Finanzstärke der Giganten bietet auch Aktionären kleinerer, spezialisierter Unternehmen die Chance, dank Übernahmen und Fusionen mit den Marktführern oder als Zulieferer viel Geld zu verdienen. Dabei geht es oft um gigantische Summen. Unlängst wurde eine Zusammenarbeit von Nvidia und OpenAI angekündigt, die ihre Datenzentren massiv ausbauen und etwa 100 Milliarden Dollar in das KI-Start-up investieren wollen. Damit soll die nächste Generation von KI-Modellen trainiert und betrieben werden. Die benötigte Strommenge entspricht etwa dem Verbrauch von acht Millionen Haushalten. Chat GPT hat sich verpflichtet, in den kommenden fünf Jahren AMD-Chips von mehreren zehn Milliarden Dollar zu kaufen. Allerdings mehren sich die Stimmen, die befürchten, dass die geschätzten Investitionen der KI-Branche von gegen sieben Billionen Dollar bis 2030 eine zu geringe Rendite abwerfen und von neuen Technologien überholt werden könnten.
Auch ausserhalb der USA sind Tech-Giganten entstanden, wie die Halbleiterhersteller in Taiwan (TSM) und Südkorea (Samsung), aber auch der niederländische ASML-Konzern, der Maschinen zur Fabrikation von Hochleistungschips herstellt. In China stehen mit Tencent und Alibaba ebenfalls zwei KI- beziehungsweise Internetgiganten an der Spitze der höchstkapitalisierten Börsenwerte. Deepseek, die chinesische Konkurrenz zu den etablierten KI-Systemen wird ausschliesslich vom chinesischen Hedgefonds High-Flyer finanziert. Die KI-Industrie benötigt viel Energie zum Betrieb ihrer Datenzentren sowie spezielle Rohstoffe (Silber, Lithium, Kupfer und so weiter), die nicht unbeschränkt erhältlich sind, zumal einige der Vorkommen in politisch kontroversen Ländern liegen. Zusammen mit dem Bedarf solcher commodities für die Solar- und Windenergieanlagen können sich durchaus Engpässe ergeben, die auch Anlagechancen eröffnen.
Auch die Politik beschäftigt sich zunehmend mit der Digitalisierung und der KI.
Auch die Politik beschäftigt sich zusehends mit der Digitalisierung und der KI. Im Rampenlicht steht der Kampf der USA gegen China um die technologische Weltführerschaft. Es geht um Lieferungen von elektronischen Hochleistungschips und Software, die auch für militärische Zwecke und Spionage missbraucht werden könnten. Die Politik versucht krampfhaft, die Macht der globalen Digitalunternehmen mit Regulierungen zu brechen. Mit Zensur unter dem Deckmantel der Fake-News-Bekämpfung wollen Regierungen die Informationshoheit zurückgewinnen. Sie sehen die Medienvielfalt bedroht, weil die Werbeeinnahmen zu den grossen sozialen Medien wie Facebook, X und dergleichen abwandern und die KI auf Originalartikel zurückgreift, ohne finanzielle Abgeltungen zu leisten. Mit einer Zerschlagung der IT-Giganten soll deren Monopolstellung auf vielen Gebieten bekämpft werden. Das Sammeln und das Auswerten von Nutzerdaten für kommerzielle Zwecke sollen unterbunden werden. Dass Digitalsteuern vielerorts noch nicht eingeführt wurden, hat auch mit der Regierung Trump zu tun, die Länder, die solche Steuern für amerikanischen IT-Konzerne einzuführen gedenken, mit zusätzlichen Zöllen bedroht. Diese politischen Risiken gilt es bei Investitionen in KI-Unternehmen zu beachten.
Die Halbjahresbilanzen 2025 zeigen, dass sich die Tech-Giganten weiterhin auf Wachstumskurs befinden. Sie steigerten ihre Umsätze bis Juni im Vergleich zum Vorjahr um 14 Prozent, ihre Gewinne sogar um 27 Prozent. Die Eigenmittel erreichten 1479 Milliarden, die liquiden Mittel 479 Milliarden. Dennoch fragen sich Anleger, ob derartige Zuwachsraten angesichts der bereits erreichten Grösse auch in Zukunft zu realisieren sind, denn ohne hohe Wachstumsraten erscheint die Bewertung basierend auf den in den letzten zwölf Monaten erzielten Gewinnen mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von rund 35 teuer. Sollten die Gewinne allerdings in den nächsten vier Jahren um je weitere 20 Prozent ansteigen, würde sich das KGV auf 17 halbieren. Der Börsenwert der «Magnificent Seven» ist dreizehnmal so hoch wie das ausgewiesene Eigenkapital. Es ist vor allem diese hohe Bewertung, die böse Erinnerungen an das Platzen der Dotcom-Blase weckt.
Vorteile der Anlagefonds
Vergleichbar mit damals ist auch das breite Universum von Unternehmen. Wer nicht über detaillierte technologische Fachkenntnisse verfügt, wird seine Anlagebedürfnisse wohl am klügsten mit börsenkotierten Anlagefonds (ETF) abdecken, die sich auf KI-Gesellschaften konzentrieren. Wer auf Einzelunternehmen setzen will, könnte die von vielen Analysten verwendete Kategorisierung der KI-Unternehmen als Leitfaden nutzen.
KI-Hardware und Chips: In diese Unternehmen fliesst momentan das meiste Geld.
1. KI-Hardware und Chips: In diese Unternehmen fliesst das meiste Geld, denn sie profitieren vom Boom bei GPUs (Graphics Processing Units), Custom-Chips und der Fertigung, da KI-Modelle enorme Rechnerkapazitäten benötigen. Nvidia gilt als Marktführer bei KI-GPUs (95 Prozent Marktanteil). Taiwan Semiconductor (TSM), die 60 Prozent der globalen Chips für Nvidia, AMD und so weiter erstellen, Marvell Technology und ASML gelten ebenfalls als Hardware-Spezialisten. Auch Broadcom und AMD gehören teils in dieses Anlagesegment.
2. KI-Software und Cloud-Plattformen: Unternehmen, die Cloud- und andere Dienste anbieten, die Unternehmen KI nutzen lassen, profitieren von stabilen Einnahmen und hohen Margen. Als Spitzenvertreter dieses Segments gelten Microsoft (23 Prozent Cloud-Markt), Amazon (32 Prozent Cloud-Markt), Alphabet (Google) und teilweise Oracle.
3. KI-Anwendungen und Nischen. Unternehmen, die sich auf den Einsatz von KI in bestimmten Branchen oder spezifischen Anwendungen konzentrieren, sind zwar von den Unternehmen der ersten zwei Kategorien abhängig, aber sie wachsen oft weit stärker, weil sie noch näher an der Kundenfront agieren. Palantir, Soundhound AI oder Quantum Computing Inc., aber auch Tesla (autonomes Fahren) setzen auf spezifische KI-Anwendungen.
4. Unternehmen aus allen anderen Branchen. Wer den Einstieg in KI-Kapitalanlagen verpasst und heute Bedenken wegen deren hoher Bewertung hat, kann indirekt dennoch daran teilhaben. Viele Dienstleister wie Banken, Versicherungen, aber auch staatliche Stellen und die Industrie werden damit weit grössere Produktivitätsfortschritte erzielen als in der Vergangenheit, was zu erheblichen Kosteneinsparungen und höheren Erträgen führen wird.
Hans Kaufmann ist ehemaliger Chefökonom der Bank Julius Bär und alt Nationalrat der SVP.

