Als Donald J. Trump zum 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt wurde, jubelten seine Anhänger und die Finanzmärkte erwarteten ein Wiedererstarken des «US-Exceptionalism». Dieser basiert auf einer stabilen Demokratie, verlässlichen Institutionen, dem Anspruch, internationale Regeln zu setzen, und nicht zuletzt auf wirtschaftlicher Überlegenheit. Die Weltaktienmärkte werden dominiert von amerikanischen Unternehmen, und nicht wenige Anleger fragten sich, ob es sich überhaupt lohnt, ausserhalb der USA anzulegen.
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Doch bereits seit 2010 verliert die unipolare Vormachtstellung der USA an Gewicht. Chinas wirtschaftlicher und technologischer Aufstieg, Russlands geopolitische Machtpolitik, Indiens wachsende Rolle als Wirtschaftspartner, regionale Bündnisse wie Brics+ sowie Europas erzwungene Eigenständigkeit markieren diese Verschiebung. Globale Handelskonflikte, Sanktionen und neue Allianzen verdeutlichen die multipolare Entwicklung. Trumps Politik des Protektionismus, der willkürlichen Zölle und des Rückzugs aus multilateralen Abkommen schwächt nun das Vertrauen in die USA als Führungsmacht und beschleunigt den Trend zur Multipolarität und hegemonialer Instabilität. Damit dürfte auch das hohe Gewicht des amerikanischen Aktienmarkts im Weltaktienindex von rund 70 Prozent zunehmend in Frage gestellt sein.
Der Dollar zeigt die Richtung an
Seit 1995 galt die US-Politik des «starken Dollars» als Dogma und blieb über Jahrzehnte Leitprinzip der US-Wirtschaftspolitik. Dieses Dogma gilt unter Trump nicht mehr. Ein schwächerer Dollar soll Exporte ankurbeln und die Wettbewerbsfähigkeit der USA erhöhen. Gleichzeitig untergräbt die erratische Politik mit abrupten Kurswechseln und handelspolitischen Drohungen das Vertrauen in den Dollar weiter. Noch sind der Euro aufgrund des fragmentierten Kapitalmarkts in Europa, der chinesische RMB wegen eingeschränkter Konvertibilität und der japanische Yen wegen zu geringer Stabilität keine echten Alternativen als Weltreservewährungen, aber die Dominanz des Dollars bröckelt. Für die USA bedeutet dies auch vermehrt Inflationsdruck, Anstieg der Finanzierungskosten, Kapitalabflüsse und sinkende Attraktivität von amerikanischen Anlagen.
Staatsanleihen als Risikofaktor
Amerikanische Staatsanleihen entwickeln sich zunehmend zum Risikofaktor: Die massive Verschuldung und fehlende fiskalische Disziplin untergraben das Vertrauen in die Schuldentragfähigkeit der USA. Mit der Schwächung des Dollars verlieren diese zusätzlich an Attraktivität für ausländische Investoren. Zentralbanken diversifizieren ihre Reserven, reduzieren den Dollar-Anteil und weichen vermehrt auf Gold, Euro oder andere Währungen aus. Dass die Währungsreserven der russischen Zentralbank in der Folge der Ukraine-Invasion 2022 in westlichen Jurisdiktionen zu grossen Teilen eingefroren wurden, hat die Bedenken der asiatischen Zentralbanken gegenüber US-Treasuries noch einmal verstärkt. Der Preisanstieg bei Edelmetallen und einigen Kryptowährungen zeigt, dass die Nachfrage nach sicheren Häfen hoch ist und es kaum Alternativen gibt. Entsprechend sind die Aussichten für diese alternativen Währungen weiterhin gut.
Militärische Konflikte nehmen zu
In den letzten zehn Jahren haben regionale Konflikte zugenommen: Ukraine, Nahost, Südkaukasus, Indien/Pakistan sind einige Beispiele. Trumps Politik des Rückzugs aus Allianzen und seine unberechenbaren Kurswechsel schwächen multilaterale Strukturen. Das erzeugt Machtvakua und Instabilität.
Die Zunahme regionaler Konflikte und geopolitischer Spannungen führt zu höheren Investitionen in Verteidigung (Rüstung, Cybersecurity), Infrastruktur (Resilienz, Energie, Transportkorridore) und diversifizierte Handelsrouten. Staaten und Unternehmen richten Kapital zunehmend auf Sicherheit, Unabhängigkeit und strategische Versorgungsketten aus. Als Anleger sollte man jedoch berücksichtigen, dass lokale Konflikte kurzfristig für Volatilität sorgen, aber meist keine nachhaltigen Spuren an den Finanzmärkten hinterlassen.
Konsequenzen für den Anleger
Zukünftiger Anlageerfolg hängt nun davon ab, vor dem Hintergrund der Verschiebungen in der Weltordnung «Risiken ohne Chancen» von «Chancen mit Risiken» zu trennen und gezielt in die neuen Trends zu investieren. Die Welt ist in Bewegung, und dies eröffnet viele Chancen. Diese Chancen unterscheiden sich in den verschiedenen Weltregionen aber deutlich. Deshalb gilt es, differenziert zu handeln.
USA: Deregulierung und AI-Boom
Die Vereinigten Staaten sind konfrontiert mit einer bröckelnden Vormachtstellung, haben jedoch noch verschiedene Trumpfkarten auszuspielen. Nach wie vor verfügen sie über den wichtigsten Kapitalmarkt der Welt, der innovative Unternehmen und neue Geschäftsmodelle hervorbringt. Hauptwachstumstreiber wird in den nächsten Jahren der Ausbau der Fähigkeiten in der künstlichen Intelligenz sein. Die Investitionen der grossen Technologieunternehmen in Datencenter und Cloud-Infrastruktur füllen die Auftragsbücher der Zulieferer auf Jahre hinaus. Auch sind amerikanische Unternehmen weltweit führend in der Anwendung von künstlicher Intelligenz, beispielsweise in der Softwareentwicklung oder bei Finanzdienstleistern. Finanzdienstleister sind auch Profiteure der angebotsorientierten Deregulierung der Trump-Administration. In diesen Bereichen sehen wir die Hauptchancen bei Aktienanlagen. Nominalwertanlagen wie Obligationen gilt es dagegen zu meiden und Dollar-Risiken abzusichern.
Europa: Capex-Boom
Europa erlebt einen Investitionsboom. Milliarden fliessen in Infrastrukturmodernisierung sowie in Verteidigung. Dieser Boom wird noch einmal verstärkt, wenn der Wiederaufbau in der Ukraine beginnt. Davon profitieren Industrieunternehmen, Banken und Nebenwerte. Auch aufgrund der im Vergleich zu amerikanischen Aktien günstigen Bewertungen entstehen so attraktive Anlagemöglichkeiten. Langfristig jedoch reicht das nicht. Nur wenn die Empfehlungen des Draghi-Reports konsequent umgesetzt werden – also mehr Investitionen in Innovation, Kapitalmarktintegration und strategische Autonomie fliessen –, kann Europa dauerhaft wettbewerbsfähig bleiben und für Anleger Wert schaffen. Ohne diese Reformen bleibt Europa anfällig.
Frankreich ist exemplarisch eines der grossen Sorgenkinder. Während sich Unternehmen schnell an neue Rahmenbedingungen anpassen können, bleiben die Staaten politisch weitgehend blockiert und klare Mehrheiten fehlen. Mit der expansiven Fiskalpolitik und fehlendem Mut für politische Reformen in Europa gilt es auch hier, Aktien gegenüber Anleihen vorzuziehen.
Asien: Handelsmodelle und Wachstum
Die asiatischen Märkte profitieren von Kapitalflüssen, ausgelöst durch die Dollar-Schwäche und günstige Bewertungen. China erzielt trotz Nachteilen bei Hochleistungs-Chips Fortschritte in der AI-Anwendung. In vielen Bereichen ist China zum Innovationsführer aufgestiegen. Gerade in industriellen Anwendungen, erneuerbaren Energien und Elektromobilität ist China aktuell führend und produziert zudem deutlich günstiger als der Westen. Zudem entstehen neue Handelsmodelle durch regionale Integration und Partnerschaften. Zusammen mit strukturellem Wachstum eröffnet dies Investoren langfristiges Potenzial.
Schweiz: Stabilität und sicherer Hafen
Der Schweizer Aktienmarkt überzeugt durch Stabilität, solide Unternehmensbilanzen und hohe Visibilität der Gewinne. Besonders attraktiv sind die überdurchschnittlichen Dividendenrenditen, die bei weiterhin tiefen Zinsen eine verlässliche Ertragsquelle darstellen. Hinzu kommt die defensive Qualität vieler Sektoren – etwa Gesundheit, Nahrungsmittel und Basiskonsum –, die in unsicheren Zeiten Schutz bieten. Damit bleibt die Schweiz der wichtigste Kernbaustein eines zukunftsgerichteten Portfolios.
Worauf gilt es zu achten?
In einer multipolaren Welt steigen Unsicherheit und geopolitische Risiken, zugleich eröffnen sich neue Chancen. Anleger sollten breiter diversifizieren, regionale Schwerpunkte bewusst setzen und von Investitionen in Infrastruktur, Energie, Verteidigung und Technologie profitieren. Wichtig bleibt es, den Anteil an Schweizer Franken hochzuhalten, Nominalwertanlagen nur in Starkwährungen zu tätigen und robuste Qualitätswerte zu bevorzugen. Langfristiger Erfolg erfordert Flexibilität, Risikobewusstsein und die Fähigkeit, Chancen in verschiedenen Machtzentren zu nutzen.
Dr. Matthias Ramser ist Chief Investment Officer (CIO) bei Reichmuth & Co Privatbankiers.

