Der Kernphysiker Walter Rüegg ist überzeugt, dass die Gefahren von Radioaktivität bei weitem überschätzt sind. In seinem Buch «Zeitalter der Ängste» vergleicht er verschiedene Lebensrisiken und legt dar, warum der Kernenergie wohl eine grosse Zukunft bevorsteht. Welche Argumente bringt er vor, wenn es um Diskussionen geht, die für die Öffentlichkeit derart brisant sind?
Linda Pollari Fotografie
Weltwoche: Herr Rüegg, der Untertitel Ihres Buches lautet: «Fürchten wir uns vor dem Richtigen?» Ich bin 57 Jahre alt, lebe in Baden und habe eine Familie mit zwei Kindern. Gibt es etwas, wovor ich mich fürchten muss?
Walter Rüegg: Nicht vieles. Es gibt natürlich Lebensrisiken wie Krebs oder Herzschlag, die durch ungesundes Verhalten vergrössert werden. Betrachtet man externe Risiken, ist die Luftverschmutzung klar die Nummer eins.
Weltwoche: Wirklich? Wir leben in der Nähe des Waldes. Mir scheint, die Luft sei wunderbar.
Rüegg: Sicher spielt die Lage eine Rolle. Aber selbst an günstigen Orten ist die Belastung beachtlich, auch wenn die Luftverschmutzung in den letzten Jahrzehnten klar abgenommen hat. Im Schnitt verlieren wir wegen schlechter Luft noch immer ein halbes Jahr an Lebenszeit. Das bedeutet in der Schweiz jährlich etwa 2000 vorzeitige Todesfälle.
Weltwoche: Was Sie nicht erwähnen: Mein Wohnort Baden ist nur wenige Kilometer vom Kernkraftwerk Beznau entfernt. Wenn dort etwas passiert, muss ich mit meiner Familie mein Zuhause verlassen.
Rüegg: Nehmen wir einmal an, dass bei einem Unfall in Beznau gleich viel Radioaktivität in die Umwelt gelangt wie 2011 beim Atomunglück im japanischen Fukushima. Dann müsste man ohne Evakuation der Bevölkerung im schlimmsten Fall mit total etwa 3000 Todesfällen rechnen, verteilt über viele Jahrzehnte. Das macht etwa fünfzig Todesfälle pro Jahr. In der Schweiz kommen aber jährlich meh-rere tausend Menschen gewaltsam ums Leben – ich denke an Unfälle, Suizide oder Mord. Dazu gibt es 2000 grundsätzlich vermeidbare Todesfälle in Spitälern. Und wie erwähnt sterben etwa 2000 Menschen wegen der Luftverschmutzung. Ein Atomunfall ist von den Auswirkungen her also ein untergeordnetes Risiko.
Weltwoche: Trotzdem wurden in -Fukushima über 100 000 Menschen weggebracht. Eine -solche Evakuation möchte ich nicht erleben.
Rüegg: Ich wohne noch näher bei -Beznau und würde mich bei einem Zwischenfall schlicht weigern, wegzugehen. Das gesundheitliche Risiko wäre mir zu gering.
Weltwoche: Sie beschreiben in Ihrem Buch den Effekt der sogenannten Hormesis, gemäss derer ein gewisses Mass an Radioaktivität gesund sein könnte. Das ist schwer zu glauben.
Rüegg: Hormesis bezeichnet allgemein den biologischen Effekt, dass geringe Mengen an toxischen Substanzen gesundheitsfördernd wirken. Neue Forschungsresultate zeigen, dass diese Wirkung auch bei tiefen Dosen an Radioaktivität vorhanden sein könnte.
Weltwoche: Das lässt sich wissenschaftlich belegen?
Rüegg: Ja. Es gibt einerseits Orte, an denen die natürliche Strahlung, die aus dem Boden stammt, ungewöhnlich hoch ist. Die Bevöl-kerung an solchen Orten ist aber im Schnitt sehr gesund. Es gibt Hinweise, dass sie sogar weniger oft an bestimmten Krebsarten leidet als Menschen an einem Ort mit tieferer Strahlung. Andererseits kann man den Gesundheitszustand der Bevölkerung in verschiedenen Teilen eines Landes vergleichen mit der natürlichen Untergrundstrahlung, der sie ausgesetzt ist. Das wurde vor kurzem in den USA mit ihren mehreren hundert Millionen Einwohnern gemacht. Das Resultat war eindeutig: Menschen an Orten mit viel Radioaktivität leben länger und haben weniger oft Krebs.
Weltwoche: Bei Tieren ist dieser Hormesis-Effekt offenbar sehr gut belegt.
Rüegg: Genau. Bei Tieren kann man spezifische Experimente durchführen, die bei Menschen aus ethischen Gründen nicht zulässig sind. Bei Mäusen zeigt sich, dass radioaktiv bestrahlte Tiere im Durchschnitt ein längeres Leben haben. Die Resultate sind eindeutig.
Weltwoche: Dann hätten die Menschen um Fukushima gesundheitlich sogar profitiert, wenn sie nicht evakuiert worden wären?
Rüegg: Dieser Schluss liegt tatsächlich nahe. Denn vorher, bei der Abschätzung der Todeszahl nach einem Atomunglück, ging ich davon aus, dass auch kleinste Dosen schädlich sind. Diese Annahme ist zwar wissenschaftlich umstritten, wird jedoch im Strahlenschutz noch immer benutzt. Aber unter Berücksichtigung des Hormesis-Effekts wäre sogar das Gegenteil wahr.
Weltwoche: Sie haben mit der natürlich auftretenden Radioaktivität argumentiert. Aber bei einem Atomunfall trifft uns ja künstlich erzeugte Strahlung.
Rüegg: Die Wissenschaft ist sich einig, dass es keinen Unterschied gibt. Strahlung ist Strahlung. Sollte jemand das Gegenteil beweisen, hätte er den Nobelpreis wohl auf sicher.
Weltwoche: Aber im Strahlenschutz gilt für die breite Bevölkerung ein Grenzwert für künstliche Radioaktivität von einem Millisievert pro Jahr. Das liegt an den meisten Orten unterhalb der natürlich vorkommenden Strahlung.
Rüegg: Die heutigen Grenzwerte sind eine Reaktion auf die extrem übertriebenen -Ängste vor radioaktiven Strahlen. Doch mit solchen Vorgaben müsste man sogar Teile der Alpen evakuieren.
Weltwoche: Sie führen im Buch aus, dass diese strengen Strahlungsgrenzwerte absurde Folgen haben.
Rüegg: Ja, die Strahlenschutzbehörden müssen zum Beispiel Produkte beschlagnahmen, die aus leicht strahlenden Materialien bestehen. Das ist in vielen Fällen völlig unsinnig.
Weltwoche: Aber bei diesen Behörden arbeiten Fachleute. Haben die alle keine Ahnung?
Rüegg: Doch, aber sie neigen zur Übervorsicht. Sie wollen sicher sein, dass man ihnen nie den Vorwurf machen kann, Gefahren vernachlässigt zu haben. Sie halten sich darum streng an das Gesetz. Denn die Ängste der Bevölkerung vor Radioaktivität sind riesig.
Weltwoche: Sie sprechen im Buch in diesem Zusammenhang von «Radiophobie».
Rüegg: Ja. Das kam so, dass im Kalten Krieg zu Recht Ängste vor einem nuklearen Weltkrieg aufkamen. Diese Ängste hatten den Vorteil, dass die Machthaber davor zurückschreckten, Atombomben einzusetzen. Die Atomängste wurden aber unsinnigerweise auf die friedliche Nutzung der Kernenergie übertragen. Heute zeigt sich, dass die Bevölkerung die Risiken der Radioaktivität zum Teil millionen- bis milliardenfach überschätzt. Darum macht man auch so viel Aufsehen um den -strahlenden Abfall aus Atomkraftwerken.
Weltwoche: In der Schweiz ist man hier immerhin einen Schritt weitergekommen. Die Nationale Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle (Nagra) hat vor -kurzem ein Gesuch für ein Tiefenlager für radioaktive Abfälle im Raum Nördlich Lägern im Kanton Zürich eingereicht. Müssen sich die Anwohner des künftigen Standorts vor diesem Atommüll fürchten?
Rüegg: Lassen Sie mich dazu einen Vergleich machen: Die Ausdehnung des Tiefenlagers wird etwa zwei Quadratkilometer sein. Es soll rund 800 Meter unter dem Boden gebaut werden. Die Erdschicht zwischen dem Lager und der Oberfläche enthält ganz natürlich bestimmte Mengen an hochgiftigen -Substanzen wie Arsen, Cadmium oder Beryllium. Man kann abschätzen, dass das toxische Potenzial dieser Substanzen in der Erdschicht über dem Lager etwa gleich gross ist wie dasjenige der radioaktiven Abfälle, die unter ihr lagern. Es stellt sich also wirklich die Frage, ob wir uns vor dem Richtigen fürchten.
Weltwoche: Wie beurteilen Sie den Plan für die Tiefenlagerung des Atommülls? Macht es Sinn, diese Abfälle zu vergraben?
Rüegg: Wir sollten auf jeden Fall noch einige Jahrzehnte mit der Entsorgung warten. Denn diese Abfälle enthalten grosse Mengen an unverbranntem Natur-Uran U-238. Dieses Natur-Uran ist zwar schwer spaltbar. Aber es werden derzeit Technologien entwickelt, um es nutzbar zu machen. Der Atommüll dürfte also bald eine beträchtliche Energieressource darstellen.
Weltwoche: Abgesehen von neuen Technologien: Das geplante Tiefenlager kostet viele Milliarden Franken. Ist das Geld gut investiert?
Rüegg: Wenn man vergleicht mit dem Umgang mit hochtoxischen Chemieabfällen, muss man von Verhältnisblödsinn sprechen. Für den chemischen Sondermüll, der insgesamt viel gefährlicher ist als unser radioaktiver Abfall, gibt es kein Tiefenlager in der Schweiz. Wir exportieren ihn darum ins Ausland. In Deutschland werden die entsprechenden Chemiefässer in unterirdische Stollen gestellt. Dann wird zugemacht. Im Prinzip könnte man den radioaktiven Abfall ebenfalls dorthin bringen. Denn dieser ist im Gegensatz zum Chemieabfall in robusten Castor-Behältern verstaut. Nüchtern betrachtet gibt es keinen Grund, für Atomabfälle einen solch irrsinnigen Aufwand zu betreiben, wie er vorgesehen ist. Und noch etwas.
Weltwoche: Bitte?
Rüegg: Es ist unsinnig, dass jedes Land ein eigenes Tiefenlager baut. Sinnvoll wäre es, wenn schon pro Kontinent eine gemeinsame Entsorgungsstätte für radioaktive Abfälle vorzusehen. Man könnte damit insgesamt zwei- bis dreistellige Milliardenbeträge sparen. Aber die Politik steht dem im Weg.
Weltwoche: Sie gehen in Ihrem Buch auch auf die Überreste bei der Herstellung von Solarpanels ein. Warum das?
Rüegg: Hier habe ich wiederum eine Rechnung vorgenommen. Bei Solarpanels sind beträchtliche Mengen an Kupfer notwendig. Weil Kupfer im entsprechenden Erzgestein in sehr geringer Konzentration vorkommt, entstehen bei dessen Gewinnung grosse Mengen an Bergbauabfällen. Das sind vor allem Schlämme mit giftigen Substanzen, etwa Arsen. Ich habe abgeschätzt, wie viele dieser toxischen Substanzen verglichen mit dem erzeugten Solarstrom anfallen. Das Resultat war, dass das -toxische Potenzial ungefähr gleich gross ist wie bei Atomstrom wegen der radioaktiven Abfälle. Denn beim Bau von Atomkraftwerken ist viel weniger Kupfer pro Stromeinheit notwendig.
Weltwoche: Dann ist Sonnenenergie gar nicht so nachhaltig wie behauptet?
Rüegg: Absolut. Und diese Bergbauabfälle für die Kupferproduktion werden auch nie mit der gleichen Sorgfalt behandelt wie Atom-abfälle. Dabei sind die entsprechenden toxischen Substanzen im Gegensatz zum radioaktiven Müll ewig giftig.
Weltwoche: In der Schweiz wird derzeit darüber gestritten, ob man neue Kernkraftwerke bauen soll. Was ist Ihre Meinung?
Rüegg: Atomkraftwerke haben zwar den Ruf, sehr teuer zu sein. Richtig ist, dass ihr Bau ein grosses und langwieriges Unterfangen ist. Es dauert Jahrzehnte, bis Atomstrom fliesst und Einnahmen anfallen. Wenn man nun die übliche Diskontierungsmethode (LCOE) anwendet, die den Wert von finanziellen Gewinnen in ferner Zukunft stark herabsetzt, erscheint das Ganze tatsächlich wenig lohnend. Ich plädiere darum dafür, die Kosten von Atomstrom mit und ohne Diskontierung auszuweisen. Denn ohne Diskontierung ist dieser Strom sehr günstig.
Weltwoche: Wenn das zutreffen würde, müssten die Investoren Schlange stehen für den Bau neuer Kernkraftwerke. Doch das Gegenteil ist der Fall. Selbst die Energiekonzerne zeigen kein Interesse an neuen Meilern.
Rüegg: Diese Zurückhaltung ist erklärbar. Denn bis ein neues Atomkraftwerk Gewinn abwirft, vergehen unter Umständen -mehrere Jahrzehnte. Die Aktionäre drängen aber auf kurzfristige Dividenden. Diese Aktionäre sind übrigens zu einem grossen Teil öffent-liche Körperschaften wie Kantone, Gemeinden oder der AHV-Fonds. Wir alle stehen dahinter. Darum wird es schwierig mit dem privatwirtschaftlichen Bau von Atomkraftwerken.
Weltwoche: Dann muss der Staat einspringen?
Rüegg: Ja, es gibt wohl keine andere -Lösung. Vielleicht ändert sich das jedoch bald, wenn -sogenannte kleine, modulare Reaktoren (SMR) auf den Markt kommen, bei denen die Investitionsrisiken kleiner sind.
Weltwoche: Aber das ist Zukunftsmusik.
Rüegg: Nein, ich bin überzeugt, dass diese kleinen Typen in fünf bis zehn Jahren verfügbar sein werden.
Weltwoche: Fakt ist, dass es einen riesigen politischen Widerstand gegen neue Kernkraftwerke gibt. Ist es unter diesem Aspekt sinnvoll, weiterhin auf diese Technologie zu setzen?
Rüegg: Ja. Denn langfristig wird die Atomkraft dominieren, auch in der Schweiz. Der Grund dafür ist ihre ausserordentlich hohe Energiedichte. Bei keiner anderen Energieform braucht es so wenig Material, um eine Kilowattstunde Strom zu erzeugen. Wenn wir die Welt mit nachhaltiger Elektrizität versorgen -wollen, kommen wir zumindest in den nördlichen Breiten nicht darum herum, auf die Kernkraft zu setzen. Im Süden hingegen macht Solarstrom durchaus Sinn, zumindest bis zu einem gewissen Anteil.
Weltwoche: Ihr Buch heisst «Zeitalter der Ängste». Sind wir heute wirklich von besonders grossen Ängsten geplagt? Die Menschen haben sich doch schon immer gefürchtet, etwa vor dem Teufel.
Rüegg: Das stimmt, aber die Höllenangst ist schon sehr lange her. Vor etwa 200 Jahren kam hingegen eine grosse Begeisterung für Innovationen auf. Die Erfolge punkto Wohlstand waren durchschlagend. Dann aber, etwa in den 1960er Jahren, begann man, bei neuen Technologien vor allem Gefahren und Risiken zu betonen. Heute sind die entsprechenden Ängste fast omnipräsent. Der Fortschritt ist deswegen in Frage gestellt.
Weltwoche: Was wollen Sie mit Ihrem Buch erreichen?
Rüegg: Es soll ein Ansporn sein, Risiken zu vergleichen und Gefahren abzuschätzen. Denn ohne solche Vergleiche macht eine Diskussion über Risiken keinen Sinn.
Von Walter Rüegg erschien kürzlich das Buch: «Zeitalter der Ängste – Aber fürchten wir uns vor dem Richtigen?» Edition Königstuhl.

