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Leuchtendes Vorbild

Leuchtendes Vorbild

In Flagstaff im Norden von Arizona wurde eine Bewegung zum Schutz des Nachthimmels vor Lichtverschmutzung ins Leben gerufen. Ein Blick in den Himmel über «Skylight City».

 

Flagstaff (USA)

Bei Sonnenuntergang tauchen im Buffalo Park im Zentrum von Flagstaff die ersten Silhouetten auf, die den -Horizont nach den ersten Farbtupfern der herannahenden Nacht absuchen. «Schauen Sie sich das Rot dort an!», ruft -Danielle Adams, eine 49-jährige Kulturastronomin, während sie aufgeregt auf und ab geht, den Himmel beobachtet und Fragen von neugierigen Passanten beantwortet. «Wenn es dunkler wird, tanzen diese Farbsäulen überall herum.» 

Matilde Gattoni
Selten und wunderschön: Im Himmel über Flagstaff vermischen sich die roten Lichter der Aurora mit dem weissen Schein des ersten Mondviertels.
Matilde Gattoni

Ein paar Stunden später erstrahlt der normalerweise dunkle Himmel über dieser Stadt im -Norden Arizonas in einem majestätischen Pastellrosa, als sich die roten Lichter der -Aurora – das Ergebnis der Kollision geladener Teilchen von der Sonne mit der Erdatmosphäre – mit dem weissen Schein des zunehmenden Halbmonds vermischen. Wenn die Nacht fortschreitet und der Mond untergeht, verwandelt sich das Polarlicht in ein sattes Purpurrot an einem schwarzen Himmel mit Tausenden von Sternen, die das Himmelsgewölbe unterbrechen und die Bäume in ein weiches, diffuses Licht hüllen. «Im Mai hatten wir einen Sonnensturm, wie er nur alle zwanzig Jahre vorkommt, und jetzt das», sagt Adams. Es sei selten, wunderschön und unglaublich, dass dies in diesen Breitengraden -passiere. «Für mich ist das ein Teil des Wunders des Himmels.» In Flagstaff könne man Feinheiten sehen, die man unter dem lichtverschmutzten Himmel anderswo nicht sehen würde. 

Flagstaffs einzigartige Beziehung zum Nachthimmel geht auf das Ende des 19. Jahrhunderts zurück, als die Stadt aufgrund der klaren -Atmosphäre und des wolkenlosen Himmels, der immer mehr Astronomen anlockte, den Beinamen «Skylight City» erhielt. Von den majestätischen Teleskopen des Lowell-Observatoriums aus, das immer noch inmitten der bewaldeten Hügel rund um das Stadtzentrum thront, entdeckten Astronomen 1930 den Pluto und kartierten Anfang der sechziger Jahre den Mond für das Apollo-Programm. «Das Observatorium wurde achtzehn Jahre vor der Gründung des Staates Arizona gegründet», erklärt Kevin Schindler, der Historiker des Observatoriums, stolz.

 

Orte des dunklen Himmels

Diese reiche Geschichte der Entdeckungen und Erkundungen führte dazu, dass sich die örtlichen Astronomen der Gefahr bewusst wurden, die von der Ausbreitung künstlicher Lichter ausgeht, und eine Bewegung zum Schutz des Nachthimmels vor Lichtverschmutzung ins Leben riefen, die allmählich auf die Gesellschaft übergriff. Im Jahr 2001 wurde Flagstaff dank der aussergewöhnlichen Qualität seiner sternenklaren Nächte, seiner hochmodernen, den dunklen Himmel respektierenden öffentlichen Beleuchtung und seinen Bemühungen, die Öffentlichkeit über die Bedeutung der Verringerung der Lichtverschmutzung aufzuklären, zur weltweit ersten internationalen «Stadt des dunklen Himmels» ernannt. «Dafür, dass wir mitten in einer 75 000-Einwohner-Stadt leben, kann man hier eine Menge Sterne sehen», erklärt Adams, die Interimsgeschäftsführerin der Flagstaff Dark Skies Coalition (FDSC). «Jetzt wollen wir anderen Menschen dabei helfen, die Milchstrasse nach Hause zu holen, so, wie wir es hier getan haben.»

Laut dem «World Atlas of Artificial Night Sky Brightness» lebten 2016 mehr als 80 Prozent der Weltbevölkerung – und mehr als 99 Prozent der Menschen im Westen – unter einem lichtverschmutzten Himmel. Die weltweite Lichtverschmutzung hat in den 25 Jahren bis 2017 um mindestens 49 Prozent zugenommen, und es wird geschätzt, dass sie jedes Jahr um 2 bis 10 Prozent zunimmt, was eine wachsende Zahl von Städten, Dörfern und Naturschutzgebieten dazu veranlasst, dem Beispiel von Flagstaff zu folgen. Heute gibt es über 200 Orte des dunklen Himmels in 22 Ländern auf fünf Kontinenten – darunter die Region Val d’Orcia in der Toskana, die Oase al-Ula in Saudi--Arabien, das kalifornische Death Valley und verschiedene Orte im australischen Outback. Sie -weisen alle eine aussergewöhnlich geringe Licht-verschmutzung auf und sind daher ideal für die Sternenbeobachtung. Ihr Ziel ist es, den Nachthimmel für künftige Generationen zu bewahren. 

Während Arizona der Geburtsort der Dark-Sky-Bewegung war und nach wie vor deren Fundament bildet, weist der Nachbarstaat Utah die grösste Konzentration von Dark-Sky-Orten in der Welt auf, darunter fünf National und zehn State Parks, die jedes Jahr von Millionen von Menschen besucht werden. «Bei einer kürzlich im Capitol Reef National Park durchgeführten Umfrage gaben 64 Prozent der Besucher an, wegen des dunklen Himmels gekommen zu sein», erklärt Mickey Wright, der Bürgermeister von Torrey, einer 250-Seelen-Stadt am Rand des Parks und Utahs erster ausgewiesener «Dark Sky Community» im Jahr 2018. «Die Menschen beginnen, den Wert der Erfahrung zu erkennen, an einem Ort wie diesem dem Licht und dem Lärm der Städte zu entfliehen.» ›››

Seit mehr als 300 000 Jahren ermöglicht uns die Symbiose mit dem Nachthimmel, uns an Land und auf dem Meer zurechtzufinden, den Kreislauf der Jahreszeiten zu erkennen und den Lauf der Zeit zu verfolgen. Doch seit der industriellen Revolution und dem Aufkommen der Elektrizität haben wir nach und nach den Kontakt zur Nacht und ihren Lehren verloren. Wirtschaftliche Entwicklung, billigerer Strom und leistungsfähigere Glühbirnen haben zu einer Ausbreitung des künstlichen Lichts geführt und den einstigen Sternenhimmel in ein trübes, lebloses, graues Tuch verwandelt, das über unseren Städten hängt.

 

Kontakt zur Nacht verloren

Da immer mehr Generationen ohne Zugang zu den Sternen aufwachsen, befürchtet die Dark-Sky-Bewegung, dass die Verbindung der Menschheit mit dem Universum in wenigen Jahrzehnten unwiderruflich verlorengehen könnte. «Was mit dem Nachthimmel geschieht, ist wie ein langsames Sieden von Wasser», sagt Chris Luginbuhl, ein 69-jähriger Astronom im Ruhestand und Präsident des FDSC. «Je -heller der Himmel wird, desto -weniger weiss man über ihn, desto unwichtiger wird er für einen, desto weniger schützt man ihn und desto mehr verschlechtert er sich.»

Übermässiges künstliches Licht verdeckt nicht nur unsere Sicht auf die Sterne, sondern stört auch die Ökosysteme, beeinträchtigt die menschliche Gesundheit und trägt zum Klimawandel bei. Nach Angaben von Dark Sky International (DSI) – einer 1988 in -Arizona gegründeten Vereinigung, die als einer der Bezugspunkte für die Dark-Sky--Bewegung gilt – werden 35 Prozent der gesamten Aussenbeleuchtungen durch übermässige Beleuchtung und nicht abgeschirmtes Licht, das in den Weltraum entweicht, verschwendet, was zu einer Energieverschwendung von mehr als 3,3 ​Milliarden Dollar und der Freisetzung von 21 ​Millionen Tonnen Kohlendioxid pro Jahr führt. 

Lichtverschmutzung stört den natürlichen Tag-Nacht-Zyklus von Flora und Fauna mit langfristigen Auswirkungen auf Pflanzen, Bestäuber und unzählige andere Tiere von Schildkröten bis zu Zugvögeln. Sie beeinträchtigt auch unseren zirkadianen Rhythmus und unser Schlafverhalten und trägt so zu Schlafstörungen und damit verbundenen Gesundheitsproblemen wie Stress, Angstzuständen, Depressionen, Fettleibigkeit und Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs bei.

 

Kriminalitätsprävention

Im Gegensatz zu anderen Formen der Umweltzerstörung ist es relativ einfach, Lichtverschmutzung zu bekämpfen. DSI empfiehlt die Installation von abgeschirmten Aussenbeleuchtungssystemen, die das Licht nach unten lenken, und von Glühbirnen mit niedriger Farbtemperatur – weiches, warmweisses Licht, das weniger blendet und -weniger störend auf nächtliche Ökosysteme und die natürliche Dunkelheit wirkt. Die Beleuchtungsvorschriften von Flagstaff sind strenger und schreiben für viele Anwendungen die Verwendung von bernsteinfarbenem Licht vor, das einen tieferen, gelben Schein erzeugt, der natürlichem Feuerlicht sehr nahe kommt und die Emission von -blauem und grünem Licht sowie deren -störende Auswirkungen auf den zirkadianen Rhythmus von Menschen und Tieren minimiert. 

Ein Grossteil des Widerstands gegen das Dimmen der Beleuchtung in den Städten dreht sich um das Thema Kriminalitätsprävention. Doch eine zu helle, schlecht konzipierte Beleuchtung führt in der Regel zu Blendung und Schatten, die -unsere Nachtsicht beeinträchtigen und uns mehr gefährden als ein gedämpftes, besser durchdachtes System. «Wir haben in Flagstaff nichts aufgegeben», sagt Luginbuhl. «Die Stadt ist nicht gefährlicher oder unsicherer geworden. Die Wirtschaft ist nicht zusammengebrochen.»

 

Kriminalitätsprävention

Auch wenn es utopisch erscheint, Grossstädte in Orte mit dunklem Himmel zu verwandeln, unternehmen mehrere Städte bedeutende Schritte, um die Lichtverschmutzung zu reduzieren. Fountain Hills, eine Dark-Sky-Gemeinde mit 24 000 Einwohnern am Stadtrand von -Phoenix, liegt neben dem fünftgrössten Ballungsraum der USA, umgeben von hellerleuchteten Vorstädten, in denen mehr als sechs Millionen Menschen leben. Dennoch ist die Qualität des Himmels in Anbetracht der Lage erstaunlich gut. Die Stadt baut ausserdem ein International Dark Sky Discovery Center, das dieses Jahr eröffnet werden soll. «So etwas hat noch niemand gebaut, um über den Schutz des Nachthimmels aufzuklären», erklärt Vicky -Derksen, 51, eine in Fountain Hills -lebende Fremdenführerin, Podcasterin und Autorin, die den Nachthimmel erforscht. «Man wird dort das grösste öffentliche Teleskop in ganz -Phoenix finden, einen Saal für eine Planeta-riumsshow und eine -Ausstellungshalle.»

Sich den Nachthimmel zu eigen zu -machen bedeutet auch, dass wir unsere Instinkte überwinden müssen, die sich im Laufe unserer Evolution als tagaktive Lebewesen herausgebildet haben, zum Beispiel dass wir Dunkelheit mit Gefahr assoziieren. Die Befürworter der Nacht glauben jedoch, dass die Verbindung zum -Himmel jenseits unseres kulturellen Rahmens vitaler und unentwirrbarer ist. «Wenn Besucher durch unsere Teleskope schauen, sind sie verblüfft, dass sie diese Verbindung zum Universum wiederfinden. Ich habe schon Leute weinen sehen», sagt Kevin Schindler vom -Lowell-Observatorium. «Wir werden daran erinnert, dass das Leben mehr ist als ein -ewiges Treten im Hamsterrad. Wir sind alle Erdbewohner und Teil von etwas Grösserem.»

Das Bedürfnis, sich wieder mit etwas Grösserem zu verbinden, zeigte sich auch, als kürzlich Hunderte von Familien, Paaren und Astronomiebegeisterten an einer Sternebeobachtungsparty im Grand Canyon National Park im Norden von Arizona teilnahmen. Die Leute standen geduldig Schlange, um Nebel oder die Andromeda-Galaxie durch die auf dem Parkplatz aufgereihten Teleskope zu bewundern, oder legten sich auf den Rücken, um die Milchstrasse zu bewundern. Jedes Mal wenn eine Sternschnuppe den Himmel erhellte oder ein Neuling zum ersten Mal die Ringe des Saturns sah, wurden Aufschreie der Begeisterung laut. 

Nur ein schwacher, aber anhaltender Lichtschein am Horizont störte das spektakuläre Bild des Nachthimmels. «Das ist Las Vegas, mehr als 150 Meilen von hier entfernt», erklärte ein Parkführer zum Erstaunen aller, und die aufgeregten Rufe wichen einem gedämpften Gemurmel. 

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