Lieber Hund als Mann im Bett
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Die Weltwoche

Lieber Hund als Mann im Bett

Tamara Wernli

Lieber Hund als Mann im Bett

Wenn Hokuspokus-Behauptungen die Riesenrunde machen.

Das Video, in dem ein Mann mit ernster Miene behauptet, viele Frauen fühlten sich sicherer neben einem Tier als neben einem Mann, haben sich 360.000 Menschen angesehen. Und: «Frauen schlafen besser neben einem Hund als neben einem Mann. Das ist kein Witz, das ist Realität.» Ein Mann könne sich bei einer Frau entspannen, Wärme und Geborgenheit fühlen. «Eine Frau findet genau das Gegenteil bei ihm: Unruhe, Unsicherheit und das Gefühl, auch nachts nicht bei ihm sicher zu sein.» Ein Hund hingegen, so der Creator, «verrät dich nicht, während du schläfst».

MICHAEL REICHEL / KEYSTONE
Lieber Hund als Mann im Bett
MICHAEL REICHEL / KEYSTONE

Keine Frage, Pablo würde dieser Glorifizierung begeistert zustimmen, und es stimmt, Hunde sind treue Seelen. Für diesen Hokuspokus jedoch, der als allgemeingültige gesellschaftliche Wahrheit aufgetischt wird, gab’s vor allem von «Mensch*innen» viel Applaus. Gerade in sozialen Medien verbreiten sich Pauschalbehauptungen wie ein Strohfeuer, weil sie einfach und provokant sind. Neu ist, dass nun Hunde gegen Männer in Stellung gebracht werden, wenn Frauen unruhig schlafen – von Männern selbst.

Der Mann bellt bei seltsamen Geräuschen nicht, das kann ich bestätigen.

Woher der Tiktoker seine «Realität» bezieht, bleibt im Dunkeln. Vermutlich stammt sie aus jenen zugespitzten Schlagzeilen, von denen etliche kursieren: «Studie unter Frauen: lieber Hund als Mann im Bett». Als Expertin auf dem Gebiet – mit Mann (wälzt sich nachts) und Hund (Schnarch-, Schüttel- und Kratz-Konzert) – wollte ich es dann doch genauer wissen.

Alle Artikel stützen sich auf dieselbe Studie von Christy Hoffman aus dem Jahr 2018. In einer Online-Umfrage wurden 962 Frauen in den USA gefragt, ob sie ihr Bett mit einem Haustier oder einem Menschen teilten und wie sie ihre Schlafqualität und ihr Sicherheitsgefühl subjektiv einschätzten. Ergebnis: Hunde im Bett wurden als weniger störend empfunden und mit stärkerem Komfort und Sicherheitsgefühl assoziiert – im Vergleich zu menschlichen Partnern. Nur basiert die Umfrage auf rein subjektiven Wahrnehmungen: keine Schlaflabore, keine EEG-Messungen, kein objektiver Nachweis, dass diese Frauen tatsächlich besser oder ruhiger geschlafen hätten. Von «Realität» kann also keine Rede sein. Zudem sprach Hoffman neutral von «menschlichen Partnern» – nicht von Männern. Natürlich, spitzfindig betrachtet haben die meisten Frauen männliche Partner. Aber genaugenommen schlafen Frauen laut der Umfrage auch neben weiblichen Partnern schlechter als neben Hunden. Schlagzeilen, wonach Frauen «lieber einen Hund als einen Mann im Bett» haben, sind also stark verkürzt und ja, verzerrt.

 

Eine Untersuchung der Mayo Clinic von 2017 erfasste objektiv den Schlaf von Hundehaltern und ihren Vierbeinern mithilfe von Bewegungs-Trackern. Resultat: Die Schlafqualität bleibt meist in Ordnung, wenn der Hund im Schlafzimmer schläft. Liegt er jedoch im Bett, kommt es häufiger zu Unterbrechungen, und die Schlafqualität sinkt leicht. Laut einer Schlafstudie der deutschen Krankenkasse Pronova BKK von 2024 ist der häufigste Grund für nächtliches Aufwachen der Gang zur Toilette (57 Prozent), gefolgt von Sorgen und Stress (22 Prozent). 7 Prozent der Befragten wachen durch Haustiere auf (durch Bellen, Springen ins Bett).

Vielleicht sorgt der Hund subjektiv tatsächlich für ein stärkeres Gefühl von Sicherheit – der Mann bellt bei seltsamen Geräuschen nicht, das kann ich bestätigen. Befragte man Männer, würden sie das aber wohl ebenso empfinden. Vielleicht schlafen Frauen mit Hunden besser, weil regelmässige Gassi-Routinen den Tagesablauf stabilisieren. Auch frühere Aufwach- und Einschlafzeiten von Hundebesitzern haben laut Hoffman Einfluss auf den Schlaf. Die Tücken des gemeinsamen (menschlichen) Schlafens – Schnarchen, Bewegungen, Platzmangel – spielen natürlich eine Rolle. Studien, welche die «Realität» bestätigen, in der der Mann nachts als Unsicherheitsfaktor für seine Partnerin fungiert, gibt es auf diesem Planeten jedoch nicht.

Die Dynamik illustriert einmal mehr nur zu gut: Medien kreieren stark vereinfachte oder überspitzte Schlagzeilen, Social-Media-Creator multiplizieren diese Halbwahrheiten, präsentieren sie als «Realität», stauben dabei ein paar easy points bei den «Alles böse Kerle!»-Damen ab, und schon haben wir wieder das altbewährte Szenario Männer gegen Frauen. Diesmal mit Hund, der für ein völlig überzogenes Narrativ zwischen den Geschlechtern herhalten muss. Wuff!

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