Er war ein Freigeist und ein kluger Aktivist ohne Scheu vor heiklen Themen. Das Wichtigste in seinem Leben war die Durchsetzung der in der Europäischen Menschenrechtskonvention verbürgten Grundrechte. Dazu gehört das Recht des Menschen, seinem Leben selbstbestimmt ein Ende zu setzen.
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Seine KV-Lehre machte der Sohn einer wohlhabenden Handwerksfamilie von der Goldküste beim Migros-Genossenschaftsbund. Als Berichterstatter aus dem Kantonsrat entdeckte er das journalistische Berufsfeld und wurde einer der Gründungsredaktoren des Blicks. Von 1964 bis 1974 war er aktiver und aufsässiger Schweizer Korrespondent des Spiegels.
Dann ging «Vico», wie ihn alle nannten, aufs Ganze und studierte die Rechte. Mit 54 Jahren bestand er die Anwaltsprüfung. Er gründete die «Schweizerische Gesellschaft für die Europäische Menschenrechtskonvention» und machte sich einen Namen in vielen, auch internationalen Verfahren als unbeirrbarer Anwalt und Ratgeber.
Einer seiner Klienten war der auf langwierige Kriminalfälle spezialisierte Journalist Peter Holen-stein, der 1997 die Geschäftsführung der rasch wachsenden, aber innerlich zerstrittenen Sterbehilfeorganisation Exit übernahm. An einzelnen Vorstandssitzungen brachten die Würdenträger gleich ihre Anwälte mit. Im Mai 1998 kam es an der Generalversammlung zum Tumult. Holenstein wurde abgewählt.
Dieweil zählte Exit 70 000 Mitglieder; heute sind es über 190 000. Überdeutlich waren die Wachstumsstörungen. Wichtige Geschäfte wie die Patientenverfügung blieben liegen, dafür bekämpften sich die Verantwortungsträger. Bis zur Peinlichkeit deutlich war die Scheu der Parteien von links bis rechts vor dem offenkundig populären, mehrheitsfähigen Thema der Selbstbestimmung am Lebensende. Alle Fraktionen waren ob dieser Frage zerstritten, wichen ihr aus und liessen Aktivisten wie Minelli freien Raum.
Noch am gleichen Maiensamstag gründeten Minelli, Holenstein und der Anwalt und Politiker Manfred Kuhn die Organisation Dignitas, die im Gegensatz zu Exit auch die Suizidprävention als Vereinszweck proklamierte und auch sterbewillige Personen aus dem Ausland empfing und betreute. Minelli wurde mehrmals wegen des Verdachts der Bereicherung an der Suizid-Assistenz vor Gericht gebracht, aber immer freigesprochen.
Während der abgewählte Zürcher Stadtrat Hans Wehrli die Organisation des stark gewachsenen Vereins vom Kopf auf die Füsse stellte, bestätigten alle kantonalen und kommunalen Urnengänge, selbst im Wallis, die hohe Akzeptanz der Selbstbestimmung am Lebensende. Während der zurückhaltende Wehrli im Stillen arbeitete, wirkte Minelli als Öffentlichkeitsarbeiter wie ein Brandbeschleuniger. Die Rivalität zwischen Exit und Dignitas ist längst beigelegt, das Thema ist in allen Landesteilen der Schweiz definitiv mehrheitsfähig.

