Es hält sich hartnäckig die Vorstellung, auffallend schöne Frauen führten ein beneidenswert leichtes Leben. Also die Art Wesen, die von der Gesellschaft als eine Zehn wahrgenommen werden, bei deren Anblick Männer mit den Ohren schlackern und Frauen schlechte Laune kriegen. Diesen Geschöpfen begegnet man selten, aber wenn, dann erstarre auch ich einen Moment lang — die Vollkommenheit muss man einfach bewundern. Jedem, der einer glatten Zehn begegnet, ist auch klar, dass das ganze Gefasel von «Es gibt keine objektive Schönheit» Mumpitz ist. Selbstverständlich gibt es sie; Menschen, die in den Augen der allermeisten Betrachter als einzigartig gelten.
Illustration: Fernando Vicente
Bleiben wir bei den Damen. Das perfekte Aussehen gilt als Generalschlüssel zu Bewunderung, Aufmerksamkeit, Erfolg; man spricht von «pretty privilege». Alle mögen sie, jeder will sie, sie kann jeden haben. In gewisser Weise stimmt das: Attraktivität ist Kapital, im Job wie im Privaten. Doch mein Eindruck ist, dass es ab einem bestimmten Grad an Schönheit kippt – gerade jene, die mit perfekten Zügen erschaffen wurden, erleben oft das Gegenteil von allgemeiner Sympathie und stossen vielmehr auf Ressentiments.
Wer glaubt, bei einer extrem schönen Frau keine Chancen zu haben, schützt sein Ego bisweilen durch Ablehnung.
Simone de Beauvoir meinte einst: «Man wird nicht als Frau geboren, man wird dazu gemacht.» Nun gut, mit hohen Wangenknochen wird man sehr wohl geboren. Doch im Fall der umwerfend Schönen stimmt es auf eine Art: Sie werden nicht als gewöhnlicher Mensch wahrgenommen, sondern von ihrer Umgebung zur Ikone erhoben – mit all den Projektionen und Missverständnissen, die damit einhergehen. Von Frauen ernten sie nicht selten Reserviertheit, ausgelöst durch Neid und Vergleichsangst. Bei Männern beobachte ich manchmal ein Schwanken zwischen Anbetung und Abwehr. Es funktioniert wie ein Schutzmechanismus: Wer glaubt, bei einer extrem schönen Frau keine Chancen zu haben, schützt sein Ego durch Ablehnung. Noch bevor ein Wort gewechselt wird, haben manche Herren das Drehbuch bereits im Kopf: Sie ist traumhaft schön, also unerreichbar; unerreichbar, also arrogant. Andere setzen diesen Kurzschluss gleich in die Tat um, indem sie sich von Anfang an höchst merkwürdig verhalten. Neulich auf einem Gartenfest unterhielt ich mich mit einer Gruppe von Leuten, als eine auffallend schöne Frau hinzustiess. Zu meiner Verblüffung reagierte ein Kollege im Gespräch mit ihr mit erstaunlich schnippischen Bemerkungen, fast feindselig. Dieser Typ Mann bedient sich dieser vorschulhaften Verhaltensmuster nicht, weil die Frau überheblich wäre, das war sie nicht, sondern weil ihre blosse Präsenz etwas in ihm triggert, das er wohl selbst nicht verarbeitet hat. Er ist ein unsicherer Mann.
Dann gibt es jene, die sich genau umgekehrt aufführen. Sie schleimen oder quasseln die Traumfrau ins Koma; ihre Gesamtperformance gleicht der eines überhitzten Computers kurz vor dem Absturz. Andere wiederum, die bei einer Sechs selbstbewusst auftreten, weil sie darin die vermeintlich sichere Option sehen, verhalten sich bei einer Zehn unnatürlich gehemmt oder verlieren komplett die Sprache. Je mehr Granate die Frau, desto stärker geraten sie ins Trudeln – und desto weniger trauen sie sich, ihr auf Augenhöhe zu begegnen. Psychologisch betrachtet, mag Attraktivität bestehende Unsicherheiten noch verstärken, doch sexy ist das alles jedenfalls nicht anzusehen. Dazu passt die verbreitete Annahme, eine Zehn suche etwas ganz anderes in einem Mann als eine Sechs. Das stimmt nicht; beide Frauen wünschen sich im Kern dasselbe – kleine Unterschiede ausgenommen. Künstliche Zurückhaltung ist daher unbegründet – man verbaut sich damit nur die eigenen Chancen.
Natürlich gibt es Frauen, denen das ständige Umworbenwerden zu Kopf gestiegen ist. Aber ebenso gibt es jene, die erkannt haben: Ihr Kapital ist brüchig. Ist sie als Person interessant oder nur der Status, den ihre Schönheit verleiht? Die Idee von ihr? Für viele ist das eine ambivalente Erfahrung: Die einen idealisieren sie, die anderen lehnen sie innerlich ab – ein Grund, warum so manche Top-Beauty fragil und unsicher ist, ein niedriges Selbstwertgefühl besitzt. Und darin liegt die Ironie: Eine Zehn zu sein, bedeutet nicht, dass ihr alles immer zufällt. Manchmal heisst es stattdessen: im Weg zu stehen – den Illusionen anderer.
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