Christian Ulmen, den seine Ex-Frau wegen mutmasslicher digitaler sexualisierter Gewalt angezeigt hat, soll nun also für alle Männer stehen. «Wir Männer sind alle das Problem» (Stern). Auch im Fall Epstein heisst es: «Dieser verdammte Epstein in uns allen» (Spiegel). Solche Sätze sind populär im gegenwärtigen feministischen Diskurs. «All men» meint dabei nicht zwingend, dass jeder Mann selbst Täter ist. Gemeint ist, dass Männer – bewusst oder unbewusst – Täterstrukturen stützen. Gewalt ist dann nicht mehr das Handeln einzelner Täter, sondern ein pauschales Männerproblem.
Illustration: Fernando Vicente
Zum Ulmen-Fall war in den sozialen Medien vielfach zu lesen: «Solange Männer so etwas tun, solange geschwiegen und verharmlost wird, sind es eben alle Männer.» Nur: Ich habe keine Massen männlichen Schweigens oder Verharmlosens gesehen. Im Gegenteil, die allermeisten Männer, die sich öffentlich äusserten, reagierten erwartbar und vernünftig: Wenn die Vorwürfe stimmten, sei das schrecklich und gehöre bestraft. Viele verwiesen zusätzlich auf die Unschuldsvermutung – was kein Verrat an den Frauen ist, sondern ein rechtsstaatlicher Mindeststandard.
Wenn alle Männer Teil des Problems sind, werden die tatsächlichen Täter normalisiert.
Trotzdem wird heute oft so getan, als wären die Männer automatisch Teil des Problems – ganz gleich, wie sie sich tatsächlich verhalten. Ob korrekt, reflektiert oder respektvoll: Das Y-Chromosom reicht, um moralisch mitverantwortlich gemacht zu werden. Männer sind schuld, auch wenn sie nicht schuld sind.
Als Frau kann ich verstehen, woher diese Wut kommt. Ja, es gibt zu viele Männer, die Frauen schaden. Ja, Frauen haben Grund zu Angst und Frustration. Und die körperliche Asymmetrie zwischen den Geschlechtern verschärft all das zusätzlich. Aber «zu viele» ist nicht dasselbe wie «alle». Gerade ein Milieu, das sonst mit Hingabe auf sprachliche Genauigkeit und Differenzierung pocht, sollte ausgerechnet dort nicht mit dem Vorschlaghammer arbeiten, wo es um Schuld, Verantwortung und Gewalt geht.
Auch die Statistik spricht gegen Verallgemeinerungen. Nehmen wir die digitale Gewalt gegen Frauen. Laut deutscher Kriminalstatistik (Bundeskriminalamt) gab es 2024 etwas mehr als 14.000 Tatverdächtige; die meisten davon waren männlich. «Tatverdächtig» heisst nicht automatisch «schuldig», gleichzeitig werden aber längst nicht alle Taten angezeigt, und nicht jeder Täter wird verurteilt. Ich runde darum grob auf 20.000 Tatverdächtige auf. In Deutschland leben rund 35 Millionen Männer über sechzehn Jahre. Das heisst: 0,06 Prozent der Gruppe der Männer sind in diesem Bereich tatverdächtig. Das sind viele einzelne Menschen, statistisch aber bleibt es eine kleine, hochproblematische Gruppe, oft mit Wiederholungstätern, die sehr viel Schaden anrichtet; bestimmte Männer, nicht «die Männer» pauschal. Gerade im Fall Epstein ist die Behauptung eines «Epstein in jedem Mann» absurd. Dort ging es nicht um Männlichkeit an sich, sondern um einen kleinen, elitären Zirkel aus Tätern, Mitwissern und Ermöglichern – ausgestattet mit enormer Macht, Geld und krimineller Energie.
Mit diesen Beispielen möchte ich keinen einzigen Fall relativieren oder das Leid der Frauen kleinreden. Die Statistik erlaubt jedoch die Feststellung: Nein, nicht in jedem Mann steckt ein Aggressor oder Krimineller. Dem üblichen Einwand – «nicht alle Männer sind Täter, aber Täter eben fast immer Männer» – entgegne ich: Aus einer statistischen Häufung folgt noch keine Mitschuld, auch keine moralische. Und aus der Existenz männlicher Täterstrukturen folgt nicht, dass jeder Mann sie stützt, schützt oder mitverursacht.
Diese Pauschalisierung «all men» ist kontraproduktiv, weil sie den Falschen nützt. Wenn alle Männer Teil des Problems sind, werden die tatsächlichen Täter normalisiert. Sie stechen nicht mehr heraus, sondern verschwimmen in der Masse jener, die sich nichts zuschulden kommen lassen und solches Verhalten selbst verurteilen. Die kollektive Schuldzuweisung vermischt die entscheidenden Unterschiede. Wenn am Ende immer alle auf irgendeine Art mitgemeint sind, verliert der berechtigte Vorwurf an Schärfe. Dann verwässert sich die Sprache – und damit auch die Aufmerksamkeit. Dem berechtigten Anliegen, Frauen zu schützen, hilft das nicht. Wer jeden Mann zum Problem erklärt, entlastet am Ende jene Männer, die tatsächlich eines sind.

