Frau Mitscherlich, Sie sind 93 Jahre alt. Gibt es etwas, das Sie sich bis heute nicht verzeihen können?
Nein. Es ist schandbar, aber der Mensch kennt keine Grenzen der Nachsicht mit sich selbst. Alles, was wir tun, verzeihen wir uns. Ich hatte quälende Schuldgefühle, als ich meinen zweijährigen Sohn für drei Jahre in die Obhut meiner Mutter gab, um mich zur Psychoanalytikerin ausbilden zu lassen. Das war der schrecklichste Moment meines Lebens, denn ich wusste natürlich, wie hilflos und abhängig ein Kind in diesem Alter ist. Heute kann ich mir meinen Entschluss mit Blick auf die damaligen Umstände verzeihen. Meine Mutter sah wieder einen Sinn des Lebens, und dem Sohn ging es sehr gu ...