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Narrative der Spaltung

Tamara Wernli

Narrative der Spaltung

Wie Medien das frustrierte Klima mitprägen.
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Wir haben uns so sehr an die gesellschaftliche Spaltung gewöhnt, dass wir kaum noch merken, wie stark unsere Wahrnehmung gelenkt wird. Ein grosser Teil der Medienbranche beansprucht für sich, ausgewogen und neutral zu berichten. Man inszeniert sich als verantwortungsbewusster Einordner der Wirklichkeit. Tatsächlich aber wird oft einseitig, verzerrt und entlang jener Narrative berichtet, die ins eigene Weltbild passen. Medien prägen die gesellschaftliche Atmosphäre entscheidend mit, und damit verstärken sie die Spaltung; der Ton wird deutlich rauer, gehässige Diskussionen nehmen zu, die zerstrittenen Milieus sind weiter entfernt voneinander als je zuvor, so scheint’s – in den sozialen Medien, in Podcasts, an den Stammtischen.

Illustration: Fernando Vicente
Narrative der Spaltung
Illustration: Fernando Vicente

Ein besonders beliebtes Sujet der Spaltung ist: Männer gegen Frauen. «Wer die Unterdrückung der Frauen beenden will, sollte nicht heiraten» (Spiegel), «Ist es peinlich geworden, einen Freund zu haben?» (Spiegel). Beim Klima ist es oft Jung gegen Alt. «Oma ist ’ne alte Umweltsau» (WDR), «Die Älteren sollen ihre Schuld eingestehen» (Deutschlandfunk, DLF), «Boomer sind die ärgsten Klimasünder» (Die Presse). Hauptsache, jemand wird schuldig gesprochen und wir empören uns. Empörung bringt Klicks, Klicks bringen Relevanz und, ja, auch ökonomisches Überleben.

Wer Menschen täglich in Lager sortiert, darf sich über gesellschaftliche Verhärtung nicht wundern.

Die Schieflage wird daran erkennbar, welche Themen voluminös aufgeblasen werden. «Darum braucht es den Feminismus» (SRF), «Feminismus bleibt notwendig» (DLF), «Die Zukunft ist weiblich oder es gibt sie nicht» (Süddeutsche Zeitung, SZ). Oder welche Stimmen sichtbar sind, welche kaum vorkommen, welche gesellschaftliche Perspektive dominiert: «Frauen leiden stärker unter Zeitumstellung» (Spiegel), «Frauen leiden unter jahrtausendealten Zwängen» (Zeit), «Frauen leiden unter öffentlichem Druck» (Frankfurter Rundschau), «Frauen leiden häufiger unter Sommerhitze» (Tagesspiegel), «Frauen leiden darunter, die engsten Vertrauten ihrer Partner zu sein» (Zeit). Wer unablässig zum Problem erklärt wird: «Problem Männer» (ARD), «Echte Männer richten die Welt zugrunde» (SZ), «Wie schafft man es, dass aus Söhnen keine schlechten Männer werden?» (Zeit), «Der deutsche Vater ist ein Versager!» (Frankfurter Rundschau).

Interessant ist auch, welche Gruppen gegeneinander in Stellung gebracht werden: «Oma soll umziehen» (SZ), «Senioren sollen Wohnungen für Familien räumen» (FAZ), «Ist die Herrschaft der Alten ein Schreckgespenst oder längst Realität?» (Tagesspiegel). Daran lässt sich auch ablesen, welche Gruppe in den Medien eine Lobby hat und welche nicht. Oder man denke an die Corona-Pandemie: «Wir Geiseln der Ungeimpften» (Spiegel), «Pandemie der Ungeimpften» (SZ), «Corona-Skeptiker: die Verschwörer unter uns» (SRF). Auch hier funktionierte das Muster zuverlässig: zuspitzen, moralisieren, Fronten verhärten. Und schliesslich zeigen neukonstruierte Begriffe wie «Femonationalismus» (SRF), «Rechte Wanderlust» (Zeit) oder «Neo-Pronomen wie they, dey oder xier» («Quarks», WDR), wie Medien Debatten framen.

 

Macht beginnt nicht erst bei Gesetzen oder in Institutionen, sondern viel früher – bei der Frage, welche Wirklichkeit den Menschen präsentiert wird. Wenn bestimmte Themen ständig überhöht und andere ausgeblendet werden, wenn Empörung selektiv verteilt wird, dann beeinflusst das, was Menschen für wichtig, gefährlich oder moralisch halten.

Und nein: Das ist keine Verschwörung der Medien. Oft ist es nicht einmal böse Absicht – dieses System funktioniert auch ohne bewusste Steuerung ganz gut. Natürlich gibt es viele gute, redliche Journalisten. Und selbstverständlich ist Einseitigkeit auch bei diversen alternativen Medien und Podcasts zu beobachten – oft als Reaktion auf die empfundene Schlagseite der etablierten Häuser. Auch dort wird zugespitzt, verkürzt und verzerrt. Der Unterschied ist: Viele dieser Formate geben nicht vor, über den Dingen zu stehen. Sie schmücken sich nicht mit Etiketten wie «Qualitätsjournalismus» oder «ausgewogen». Das macht ihre Parteilichkeit nicht besser, aber es macht sie in ihrer Subjektivität oft ehrlicher.

Wer Menschen täglich in Lager sortiert, darf sich über gesellschaftliche Verhärtung nicht wundern. Spaltung fällt nicht einfach vom Himmel. Sie wird sprachlich vorbereitet, publizistisch zugespitzt und emotional aufgeladen.

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