Nestlé und die Papageien
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Nestlé und die Papageien

Nestlé und die Papageien

Ein neuer, allseits gefeierter Film wirft dem Schweizer Nahrungsmittelkonzern Nestlé vor, armen Bauern das Grundwasser wegzupumpen, um sich daran zu bereichern. Die Vorwü¨rfe sind falsch, aber sie frischen Uralt-Klischees auf, die immer noch gut ankommen.

Das Trinkwasser geht uns aus, die Menschheit steht vor einer globalen Schlacht um die ­letzten Quellen. Das ist nicht etwa das Szenarium eines billigen Science-Fiction-Thrillers, sondern die Grundlage eines Films, der ernst genommen werden will und an den Solo­thurner Filmtagen mit stehenden Ovationen gefeiert wurde: «Bottled Life» von Urs Schnell und Res Gehriger. Der Streifen mit dem Untertitel «Die Wahrheit über Nestlés Geschäfte mit dem Wasser» geht aber noch ­einen Schritt weiter. Der Lebensmittel-Konzern aus dem malerischen Vevey, so die Kernaussage, nimmt den Ärmsten der Armen das Wasser weg, um es teuer an die Reichen zu ­verkaufen.

Das wäre tatsächlich ein Skandal. Wenn es denn so wäre. Doch wirklich erschütternd an diesem Film, so viel vorweg, ist einzig die andächtige Kritiklosigkeit, mit der sämtliche Rezensenten den Film als unbequeme Wahrheit zelebrieren. Von der Woz («Wie Wasser zur ­Ware wird») über den Sonntag («Wie Nestlé das Wasser abgräbt») bis zur BaZ («Sehenswerte Dokumentation»), vom Staatssender DRS («Ein gut recherchierter wake-up call») bis zum Monopolfernsehen SF («Kein einseitiger Film») sind sich alle einig: Die raren letzten Wasserquellen sind die Schlachtfelder der ­Zukunft, und der Nahrungsmittelmulti ­Nestlé hat sich mit menschenverachtenden Methoden den eigenen Anteil schon gesichert.

Die Irrtümer betreffen bereits das Grundsätzliche: Es ist, zunächst, mehr als fraglich, ob das Wasser weltweit tatsächlich knapp wird. Immerhin ist Wasserstoff (H) das Element, das auf der Erde am meisten vorkommt, und auch Sauerstoff (O) gibt es in Fülle. Die Verbindung der beiden Elemente, H2O, Wasser eben, bedeckt 71 Prozent unseres Planeten. Gewiss, 97 Prozent des Wassers sind versalzt, und der Rest ist zu zwei Dritteln in Eis gebunden. Doch es bleiben immer noch über 23 Millionen Kubikkilometer Süsswasser, die zu über 99 Prozent als Grundwasser unter der Erdoberfläche liegen. Was wir als Seen und Flüsse wahrnehmen, entspricht nicht einmal der Spitze des Eisbergs. Wohl sind viele Gewässer verschmutzt, doch kann das Wasser heutzu­tage notfalls gereinigt oder sogar entsalzt ­werden.

Die hohe Kunst der Manipulation

Wenn Schweizer Filmemacher den grossen Durst prophezeien, wäre Misstrauen also angesagt. Das ist etwa so, als würden die Tuareg ­fürchten, der Menschheit könne der Sand ausgehen. ­Jedenfalls sind Überschwemmungen in unseren Breiten eine ungleich grössere Bedrohung als Dürren. Zweifellos gibt es Länder, in denen es umgekehrt ist. Doch kurioserweise kommen die Kassandrarufe, die über den Film «Bottled Life» verbreitet werden, fast ausschliesslich aus Europa und Nordamerika, wo die ­Menschen im Trinkwasser schwimmen.

Aus mitteleuropäischer Perspektive mag man sich wundern, wie es möglich ist, etwa in der pakistanischen Metropole Lahore über acht Millionen Menschen mit Wasser zu versorgen. Lahore liegt in der sogenannt semi­ariden Klimazone, wo ohne Bewässerung fast nichts wächst. Der einzige Fluss, der Ravi, kommt ausserhalb der Monsunzeit als kümmerliches Rinnsal daher. Die Bevölkerung ist deshalb auf Grundwasser angewiesen. Doch eben dieses Wasser soll, will man dem Film glauben, zusehends zum Luxus werden. Und daran soll Nestlé mitschuldig sein.

In Sheikhupura, 50 Kilometer von Lahore entfernt, füllt Nestlé Grundwasser in Flaschen ab, um es unter der Marke «Pure Life», so erfahren wir, teuer «an die Oberschicht» zu verkaufen. Die armen Nachbarn sitzen derweil auf dem Trockenen, weil Nestlé ihnen das Wasser buchstäblich unter den Füssen absauge. Diesen Eindruck vermittelt «Bottled ­Life» zumindest.

Koautor Res Gehriger selber widerspricht dem vehement. Derartige Behauptungen, so erklärt er auf Anfrage leicht enerviert, habe er nie erhoben. Das stimmt. Gehriger, der in der Rolle des investigativen Journalisten durch den Film führt, sagt nirgends, Nestlé würde den Nachbarn das Wasser stehlen. Zumindest nicht er selber. Es sind die Bilder und die Zitate, welche diesen Eindruck bei sämtlichen Rezensenten entstehen liessen: abgemagerte Bauern vor einem ausgetrockneten Brunnen, alte Frauen, die über verdrecktes Wasser ­klagen, und immer wieder die Firma Nestlé, die sich in Schweigen hüllt.

Res Gehriger und Regisseur Urs Schnell sind langjährige Mitarbeiter des Schweizer Fern­sehens. Dort haben sie gelernt, wie man etwas sagt, ohne eine konkrete Aussage zu machen, auf die man behaftet werden könnte. Man kann den Autoren nicht einmal vorwerfen, sie hätten die Gegenseite nicht zu Wort ­kommen lassen. Allerdings nur in homöopathischen Dosen. So hört man, dass Nestlé Arbeitsplätze schaffe und soziale Projekte fördere. Doch ­darum geht es in diesem Film nicht. Vielmehr verstärkt die schüchterne Widerrede den Eindruck eines verlogenen, profitgierigen Multis, der sich ein karitatives Mäntelchen umwirft, um ungestört über Leichen zu gehen.

Wie so oft findet die Manipulation vor allem dort statt, wo das Wesentliche verschwiegen wird. Die Wasser-Quelle von Nestlé ist eine von Tausenden kontrollierter Grundwasserfassungen, die in der Region von Lahore angezapft ­werden, und sie ist bei weitem nicht die ­grösste. Der leere Brunnen, den die Schweizer filmten, steht am Rande eines Maisfelds, und dort dürfte auch die Erklärung zu finden sein: 90 Prozent des Wassers werden in jener Gegend von der Landwirtschaft genutzt, nicht vom Schweizer Lebensmittelkonzern. Auf Betreiben der pakistanischen Sektion des WWF musste die Firma Nestlé mit zwei Umweltverträglichkeitsprüfungen sogar nachweisen, dass sie das Grundwasser von Sheikhupura nicht übermässig nutzt.

Der Staat ist schuld, nicht der Konzern

Wenn die öffentliche Verwaltung von Sheikhupura ihren Bürgern kein sauberes Leitungswasser liefert, liegt dies nicht in der Verantwortung von Nestlé. Die im Film erhobene Anklage, die schmale pakistanische «Oberschicht» würde mithilfe des Konzerns den Armen das Wasser wegtrinken, ist geradezu absurd. Doch wenn der Name Nestlé im Zusammenhang mit der Dritten Welt fällt, ­schaltet bei vielen Zeitgenossen die kritische Vernunft aus. Dann plappern sie wie Papa­geien das gelernte Programm ab. Es kann nicht sein, dass ein Lebensmittel-Multi in der Dritten Welt mit legitimen Methoden profitabel wirtschaftet. Für die Ernährung in den Entwicklungsländern, so das gängige Klischee, sind die Hilfswerke zu­ständig.

Diese haben Nestlé bereits in den 1970er ­Jahren als Sündenbock für das Elend der Dritten Welt entdeckt. Damals ging es um Babynahrung, die der Lebensmittel­konzern in armen Ländern Spitälern kostenlos zur Verfügung stellte. Damit, so der Vorwurf, würden die Gebärenden vom Stillen abge­halten. Die Empörung war enorm, Nestlé musste Busse tun. Und keiner fragte, ob die Frauen in den Entwicklungsländern nicht freiwillig zur Babynahrung griffen. Seit der Kolonialzeit hält sich hartnäckig die Ideologie: Die Menschen in der Dritten Welt brauchen den weisen Rat des weissen Mannes, der sie unterstützt und ihnen das richtige ­Leben beibringt.

Nestlé taucht seither regelmässig in den Kampagnen der Drittwelt-Aktivisten auf: Schoggistängeli mit Milch von Kühen, die mit Gentech-Mais gefüttert wurden, Schokolade aus Kakao, der in Afrika durch Kinderhände gepflückt wurde, Nespresso-Kapseln mit Kaffee, der in Kolumbien «unfair» (will heissen: ohne den Segen der Gewerkschaften) gewonnen wurde, Kekse mit Öl von Palmen aus Indonesien, die man im gerodeten Regenwald gepflanzt hat. Wenn es darum geht, Nestlé für das Leid der Welt verantwortlich zu machen, ist die Fantasie grenzenlos. Das Grundmuster aber ist immer dasselbe: Der reiche Multi macht Profite auf Kosten der Ärmsten.

Nestlé dient wie keine andere Firma als Feindbild, mit dem Hilfswerke das (schlechte) Gewissen ihrer Spender gewinnbringend bewirtschaften: Sie sind so arm, weil wir so reich sind. Nach diesem ­Muster, das einer nüchternen Analyse snicht standhält, politisiert und polemisiert auch die kanadische Aktivistin Maude Barlow seit vielen ­Jahren gegen den Lebensmittelkonzern und gegen dessen Flaschenwasser im Besonderen.

Maude Barlow, eine Art Sarah Palin der amerikanischen Linken, bekannt geworden als Mitstreiterin des Agitprop-Filmers Michael Moore, führt als zweite Leitfigur durch «Bottled Life». Im Film wird die Aktivistin allerdings als angebliche Vertreterin der Uno präsentiert. Man muss schon sehr genau hinschauen, um zu erkennen, dass Barlow bei der Uno lediglich ein kurzes Beratermandat innehatte, vor ein paar Jahren.

Der Kampf ums Wasser ist ein altes An­liegen der Hilfswerke. Tatsächlich ist der ­Zugang zu sauberem Trinkwasser in Entwicklungs­ländern seit je ein gravierendes Problem, das mutmasslich mehr Opfer fordert als der Hunger. Allerdings nicht, weil es zu wenig Wasser gäbe. «Bottled Life» zeigt dies eindrücklich am Beispiel der ehemaligen ­nigerianischen Hauptstadt Lagos. Die Acht-Millionen-Stadt liegt in der subtropischen Klimazone und ist von Seen umringt. Dank seiner Erdölvorräte ist Nigeria für afrikanische Verhältnisse relativ reich. An der Armut allein kann es also nicht liegen.

Obwohl dies technisch ohne weiteres möglich wäre, ist der nigerianische Staat offenbar nicht in der Lage, seine Bürger mit Trinkwasser zu versorgen. Doch wenn der Staat versagt, dann fordern die Aktivisten noch mehr Staat. Das entspricht einer Forderung der Hilfswerke, die sich wie ein ­roter Faden durch «Bottled Life» zieht: Das Gut Wasser gehört der Allgemeinheit, ergo muss der Zugang zu den Quellen vom Staat monopolisiert, kontrolliert und besteuert werden.

Klare weltanschauliche Gesetze

Bis in die 1990er Jahre gehörte die Verstaatlichung und Umverteilung des Kulturlandes zu den Hauptforderungen der Hilfswerke. Nachdem alle Agrarreformen in der Dritten Welt mit oft verheerenden Folgen gescheitert waren, verlagerten die Helfer den Fokus aufs Wasser. Die Auswirkungen sind identisch: Anstatt Reichtum zu schaffen, erreicht man mit der Verstaatlichung der Ressourcen, von der in ­erster Linie Funktionäre profitieren, höchstens eine gleichmässigere Verteilung des Elends. Der Boom von Flaschenwasser in Entwicklungsländern ist nicht die Ursache, sondern die Folge staatlichen Versagens.

Nestlé hat sich dem Film «Bottled Life» verweigert und jede Kooperation mit den Produzenten abgelehnt. Man kann der Firma ihr Schweigen nicht einmal verübeln. Selbst wenn Nestlé die besten Argumente präsentiert und nachgewiesen hätte, dass das Problem nicht bei Nestlé liegt, sondern bei den korrupten und unfähigen Regierungen, wäre der Film kaum vorteilhafter für die Firma ­herausgekommen. Man stelle sich vor, Schnell und Gehriger hätten einen Film über die haltlosen und oft erpresserischen Attacken von «Drittweltisten» gegen Nestlé gedreht. Ein solcher Film wäre von keiner staatlichen ­Institution gesponsert, von keiner Jury ­prämiert worden. Das subventionierte Dokumentarfilmschaffen folgt klaren weltanschaulichen Gesetzen.

Brabecks schlaues Marketing

Abgesehen davon liegt «Bottled Life» im Grunde unfreiwillig auf der Linie von Nestlé. Der Konzern hat mittlerweile gelernt, die Kritik gewinnbringend in seine Strategie einzubauen. Wasser ist ein leuchtendes Beispiel dafür. Schon vor fünf Jahren erklärte Peter Brabeck, der ehemalige CEO und langjährige VR-Präsident von Nestlé, anlässlich des Word Economic Forum in Davos das Trinkwasser zum wichtigsten Thema der Zukunft. Brabeck hat seither keine Gelegenheit ausgelassen, um den Wert von Wasser ­anzupreisen. Wir müssten uns daran gewöhnen, predigte er auch heuer am WEF, dass gesundes Wasser nicht vom Himmel falle und einen Preis habe. Aus der Sicht des weltweit grössten Anbieters von Flaschenwasser ergibt das Sinn. Solange der Zugang zum Wasser kontrolliert, besteuert und damit für alle verteuert wird, hat Nestlé florierende Absatzmärkte.

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