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Die Weltwoche

O du fröhliches O

Weihnachten

O du fröhliches O

Ode an einen faszinierenden Buchstaben.

Das O ist einer von fünf Vokalen. Und der 15. Buchstabe des lateinischen Alphabets. Es hat in deutschen Texten ein durchschnittliches Vorkommen von 2,5 Prozent und ist damit der fünfzehnthäufigste Buchstabe. Was aber geschieht, wenn wir das O isolieren, es also herausnehmen aus einem Wortzusammenhang?

© KEYSTONE / TI-PRESS / PABLO GIANINAZZI
Und dann, endlich: Tränen der Freude.
© KEYSTONE / TI-PRESS / PABLO GIANINAZZI

Das singuläre O findet sich gleich zu Beginn des Vers-Epos «Ilias», in dem der griechische Dichter Homer den 51-tägigen Handlungsverlauf des Trojanischen Krieges schildert. Der erste Gesang hebt mit «Singe den Zorn, o Göttin» zu einer Anrufung an. Das O wirkt dabei wie ein Verstärker, die Bitte ist nicht irgendeine, sondern eine aus voller Inbrunst. Es ist also dringend. Kein Aufschub mehr. So ist auch die Gebets- und Liedzeile «Bleibe bei uns, o Herr» zu verstehen. Man hört förmlich das Flehen heraus.

Staunen über die Welt

Doch es braucht keine Exkurse in die Mythologie oder in die Religion: Mehr als jeder andere Buchstabe ist das O allgegenwärtig, ein steter Begleiter im Alltag. Wenn wir uns etwas sehnlich wünschen, sagen wir «O»: «O wäre er doch schon hier.» Oder wenn wir einer Sache Nachdruck verleihen wollen. Ein «O ja» meint mehr als ein Ja, ein «O nein» mehr als ein Nein. Ein O dringt durch die Oberfläche, führt in die Tiefe. Es weist uns als emotionale Wesen aus. Und als solche, die viel weniger Kontrolle über die Geschehnisse haben, als sie glauben. Das zeigt sich besonders, wenn wir überrascht, empört oder erschrocken sind. Und da wir auch oft mit einem «O» staunen, ist es naheliegend, das O an den Ausgangspunkt von Philosophie zu setzen. Denn um die Welt zu befragen, müssen wir zuallererst über sie staunen können.

Irdisches Leben ist ohne O wie Sauerstoff nicht zu denken.

Das Staunen mag zwar mitunter im Statischen verharren, weil man diesen Zustand ausdehnen und geniessen will; dann freilich ist es mit dem Erkenntnisgewinn nicht weit her. Aber es verleitet auch dazu, den Sachen näher auf den Grund gehen zu wollen. «In dieser Weise wird das Staunen auch für die Philosophie insgesamt relevant, weil es als Brücke fungiert zwischen der aisthesis, also der sinnlichen Wahrnehmung, und der cognitio, also unserem Denkvermögen», schreibt Nicola Gess in ihrem Buch «Staunen – Eine Poetik». Dass es sogar revolutionäres Potenzial hat, davon waren Kulturkritiker wie Walter Benjamin oder Ernst Bloch überzeugt. «Und das hat damit zu tun, dass das Staunen auch Irritation bedeutet», so Gess. Dass man «plötzlich rausgerissen wird, nicht nur aus dem Alltagstrott, sondern auch aus der Art und Weise, wie man normalerweise über die Dinge nachdenkt».

Albert Schweitzer fasste seine Lebenshaltung in einen prägnanten Satz: «Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will.» Auch wenn darin das O nicht explizit vorkommt, so darf man es implizit darin lesen. Irdisches Leben ist ohne O wie Sauerstoff nun mal nicht zu denken. Es ist das häufigste und am weitesten verbreitete Element auf der Erde. Fast jedes Lebewesen und die meisten Pflanzen sind existenziell darauf angewiesen.

Im griechischen Alphabet bildet das A mit dem O, das Alpha mit dem Omega, den Anfang und das Ende. In der Offenbarung des Johannes soll damit auch Gott selbst ausgedrückt werden, als Ursprung und Ziel aller Dinge: «Ich bin das A und das O, spricht Gott der Herr, der da ist und der da war und der da kommt, der Allmächtige.» Indem er Anfang und Ende ist, ist er auch alles, was dazwischenliegt. Aus christlicher Sicht betrachtet: Ohne Gott geht nichts, aber auch gar nichts.

In der letzten Woche vor Weihnachten, beginnend mit dem 17. Dezember, gibt es nach altem Brauch in der katholischen Kirche für jeden Tag ein besonderes Gebet. In den sogenannten sieben O-Antiphonen bereiten sich Christen spirituell auf Weihnachten vor. Mit diesem adventlichen Urerbe, dessen erste schriftliche Zeugnisse auf das 7. Jahrhundert zurückgehen, greift die christliche Liturgie griechisch-römisches Brauchtum auf. Mit einem O rief man einst Götter herbei, später auch Kaiser. Die sechsstrophigen Anrufungen stammen aus dem Alten Testament, aus Jesaja, Exodus und den weisheitlichen Büchern. Einleitend heisst es: «O Sapientia – O Weisheit, komm uns zu lehren.» Und am 20. Dezember: «O Clavis David – O Schlüssel Davids, komm uns den Kerker aufzusperren.» Abschliessend: O Immanuel – O Gott mit uns: Komm uns deine bleibende Gegenwart zu schenken.»

Dreissig Lieder im «Gotteslob»

Und dann: endlich Weihnachten. Von den mehr als dreissig Liedern im «Gotteslob», die mit dem O-Ruf beginnen, hat «O du fröhliche» im Weihnachtsgottesdienst seinen ganz besonderen Platz. Das war übrigens nicht immer so. Vor noch hundert Jahren hatte das erstmals 1816 veröffentlichte Lied einen schweren Stand: bloss keine emotionale Weihnachtsliturgie. Heute dürfte sich kaum jemand schämen, wenn einem die Textzeile «Freue dich, o Christenheit» Tränen in die Augen treibt. Tränen der Freude.

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