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Die Weltwoche

Papst des Friedens

«Die Globalisierung der Gleichgültigkeit hat uns die Fähigkeit genommen zu weinen.»

Papst Franziskus über die Flüchtlingskrise

 

Der Papst ist tot. Die Kirche lebt. Stellt man ab auf die seitenlangen Würdigungen, die echt wirkende Begeisterung und den augenscheinlich tiefen Eindruck, den Franziskus I. nach seinem am Ende doch überraschenden Tod hinterliess, kann keine Rede davon sein, dass sich die im Vatikan verkörperte Institution über eine irgendwie nachlassende Bedeutung Sorgen machen müsste. Ganz im Gegenteil. Gemessen am weltumspannenden Interesse, das sich nun der Suche nach einem Papstnachfolger zuwendet, muss davon ausgegangen werden, dass auf der Welt eine grosse Sehnsucht besteht nach einer Kirche, die in stürmischen Zeiten offensichtlicher Orientierungslosigkeit Halt gibt mit weit in die Geschichte ausgreifenden Wurzeln.

ALEX WONG / KEYSTONE
Pope Francis greets attendees from the pope mobile during a parade as he visits the Festival of Families in Philadelphia on Sept
ALEX WONG / KEYSTONE

Auch für Nichtkatholiken ist dieser Vorgang äusserst faszinierend. Mehr noch: Er rührt ans Gefühl, ans Herz. Das hat wohl auch mit dem – man verzeihe den Ausdruck – fulminanten Abgang dieses Pontifex zu tun. Gesundheitlich schon länger angeschlagen, schwebte Franziskus in den letzten Wochen zwischen Leben und Tod. Seine medizinischen Bulletins waren sogar in säkularen Kreisen Tagesgespräch. Dann erholte sich der Papst. An Ostern kam es zu einer wundersamen Auferstehung. Von seiner Krankheit gezeichnet, geschwächt, predigte das Kirchenoberhaupt vor den Gläubigen und empfing zur Audienz und zum Verdruss von dessen zahlreichen Gegnern den zum Katholizismus (und zum Trumpismus) konvertierten US-Vizepräsidenten J. D. Vance.

Franziskus’ Tod im Gefolge eines Hirnschlags ereignete sich in den Morgenstunden des Ostermontags. Bis zuletzt erfüllte der Papst, der sich unter normalen Menschen am wohlsten fühlte, sein Amt. Unter Konservativen war er weniger geschätzt. Man warf ihm ein zu unverkrampftes Verhältnis zum Zeitgeist vor. Er stand unter Verdacht, als Südamerikaner ein halber Befreiungstheologe zu sein, ein päpstlicher Marxist. Doch die Befürchtungen der Rechten erfüllten sich nicht – in dem Mass, wie auch die Linken, die Franziskus zu vereinnahmen versuchten, von diesem eigenwilligen, eindrücklichen Argentinier enttäuscht wurden. Jorge Mario Bergoglio, wie er mit bürgerlichem Namen hiess, blieb unangepasst, ein Nonkonformist auf dem Kirchenthron.

In dem sehr lesenswerten Lebensbericht «Hoffe» beschreibt Papst Franziskus die Geschichte seiner Herkunft, seiner Familie. Die Bergoglios waren Migranten aus Italien, Flüchtlinge, die nach dem Ersten Weltkrieg aus dem Piemont nach Argentinien zu dort bereits ansässigen Verwandten übersiedelten. Ursprünglich wollten sie auf dem Unglücksdampfer «Principessa Mafalda» reisen, der italienischen «Titanic», die vor der brasilianischen Küste sinken sollte. Durch Zufall nahmen sie ein anderes Schiff und überlebten. Dieses Migrantenschicksal nahe am Tod, auch seine Erfahrungen in argentinischen Flüchtlingslagern prägten den Papst, gaben seinem späteren sozialen, humanitären Engagement eine autobiografisch beglaubigte Echtheit.

Nein, der Katholizismus geht nicht unter im Abgrund seiner vor allem von den Medien und seinen Gegnern gepushten Skandale. Der Vatikan bleibt trotz allen Irrungen eine Stätte der Hoffnung und des Friedens, ein Hauptquartier des Widerstands in kriegerischer Zeit, eine Oase der Stille auch im Gehäuse einer jahrtausendealten Architektur. Franziskus war der Oberhirte des Widerspruchs, ein Papst der Armen, der Flüchtlinge und des Umweltschutzes, Kritiker dessen, was er als Kapitalismus empfand. Als in Washington und Brüssel alle massgeblichen Politiker kriegsbetrunken in Feindbildern des angeblichen Erzbösewichts im Kreml schwelgten, hatte Franziskus den Mut, den Selbstgerechten im Westen die eigenen Fehler in der Ukraine vorzuhalten.

Dafür steckte er mächtig Prügel ein. Doch Franziskus-Bergoglio liess sich nicht beirren, äusserte sogar Verständnis für die Position Putins gegenüber dem «Bellen der Nato an den russischen Grenzen». In solchen Momenten wurden die Kraft und moralische Autorität einer Kirche spürbar, die sich nicht in Palästen versteckt, sondern gegenläufig und widerspenstig die weltlichen Kreise stört. Natürlich liegt ein schmaler Grat zwischen sinnvoller Intervention und politischer Beliebigkeit, doch mit der ihm eigenen, fast naiv wirkenden Selbstverständlichkeit schaffte es dieser Papst, glaubwürdig zu bleiben, die Kirche in Kriegszeiten zu einer Stimme des Friedens zu machen. Doch die Welt spinnt. Deshalb attackierten die Kriegsbeflissenen so heftig einen friedensbewegten Papst.

 

Was aber, wenn nicht den Frieden, sollte ein katholisches Kirchenoberhaupt predigen? Es heisst, wir leben in wurzellosen, geschichts- und traditionsvergessenen Zeiten. Vielleicht stimmt das gar nicht. Möglicherweise regt sich unter der Oberfläche eines forsch vorantaumelnden Alltags eine sehr wache, sehr lebendige Sehnsucht nach gewachsenen Institutionen, nach substanziellen Botschaften und Traditionen, die den Härtetest der Zeit bestanden haben. Das grosse Interesse an der Frage, wer auf Franziskus als Papst folgen, wie sich die Kirche künftig «positionieren» werde zwischen Herkunft und Zukunft, zwischen konservativ und progressiv, lässt an der These zweifeln, der Katholizismus sei auf einem Holzweg in die Irrelevanz.

Katholiken sagt man nach, sie hätten die Fähigkeit, alles miteinander in Einklang zu bringen, «complexio oppositorum», auch grelle Widersprüche auf eine Art und Weise zu versöhnen, wie es einem reformierten Dogmatiker der Theologie niemals möglich wäre. Darin liegt wohl auch der Zauber dieser Konfession, dass sie in Bildern, Bauwerken und Ritualen die Sinne überwältigt, wie es in den grauen Kirchen der Protestanten ganz bewusst erst gar nicht versucht wird. Beiden Glaubensrichtungen eigen aber bleibt der Anspruch, den Menschen an die für ihn unbequeme Wahrheit zu erinnern, er sei nicht das Mass aller Dinge. Allein daraus ergibt sich die oppositionelle, ja revolutionäre Kraft der Kirche, das Gegenläufige, das ihre ewige Aktualität, ihre Wahrheit ausmacht.

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