Psychopathologie auf dem Platz
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Psychopathologie auf dem Platz

Psychopathologie auf dem Platz

Sucht kommt von suchen, sagt ein Sprichwort.Niemand versteht das besser als die Golfer. Die Sucht der Suche nach dem perfekten Schlag.

Besonders gut beschrieben hat dieses Phänomen der Hardrock-Musiker Alice Cooper in seiner Biografie «Golf Monster». Er beschreibt im Buch, wie Golf ihm das Leben rettete.

Am Ende seiner Concert Tour von 1975 war Cooper völlig dem Alkohol verfallen. Wenn er am Morgen aufwachte, war sein erster Griff nach einer Flasche, die in einem Eiskübel auf seinem Nachttisch stand. «Ich trank ohne Unterlass», schreibt er, «ich zitterte. Ich war deprimiert. Ich erbrach jeden Morgen Blut. Ich wusste, dass ich starb.»

Credit: Abaca Press / Alamy Stock Photo
«Ich erbrach jeden Morgen Blut»: Rockmusiker Alice Cooper.
Credit: Abaca Press / Alamy Stock Photo

Dann entdeckte Alice Cooper das Golfspiel. Er hörte auf zu saufen und spielte sich schnell auf das Niveau eines Spitzenamateurs. Auch mit inzwischen 75 Jahren liegt sein Handicap immer noch bei 5. Cooper hat seinen Wechsel von der Flasche zum Schläger sehr treffend beschrieben: «Ich ersetzte bloss eine ungesunde Sucht durch eine gesunde Sucht.»

 

Parallelen zum Casino-Spieler

Golf ist eine Sucht. Das sagen Hardrock-Musiker, aber auch golfspielende Primarlehrer und Zahnärztinnen. Nur, stimmt das auch?

Luke Clark ist Psychologieprofessor an der University of British Columbia in Kanada. Er ist weltweit einer der führenden Experten auf dem Gebiet der Spielsucht, dem «pathologischen Spielen», wie es die Wissenschaft nennt.

In seinen Studien vergleicht Professor Clark Spielsüchtige mit Golfspielern. Golfer wie Casino-Spieler, sagt Clark, haben ein paar auffällige Parallelen. Zuerst einmal investieren beide einen grossen Teil ihrer Zeit in ihr Spiel, oft Dutzende von Stunden pro Woche.

Dann geben beide viel Geld für ihr Spiel aus. Im Casino fliesst das Geld direkt auf den Roulette- oder Blackjack-Filz, bei den Golfern geht das Geld in Ausrüstung, Mitgliedschaft, Reisen und Green Fees.

Beide Gruppen haben Entzugserscheinungen, wenn sie länger als ein bis zwei Wochen nicht zum Spielen kommen. Aus wissenschaftlicher Sicht sei es «vernünftig und angemessen», sagt der Psychopathologe Clark, die Golfer wie die pathologischen Spieler als «Süchtige» zu bezeichnen.

Doch dann nennt Clark den entscheidenden Unterschied: «Golfer brauchen sehr selten eine Behandlung ihres Problems. Golfer sind darum klinisch irrelevant.»

 

Belohnungssystem für das Gehirn

Golfer sind klinisch irrelevant. Sie sind die einzigen Süchtigen dieser Welt, die nicht unter ihrer Sucht leiden. Im Gegenteil, sie haben Freude daran. Golf ist die einzige Sucht dieser Welt, die keinen Schaden anrichtet. Das unterscheidet Golf von Alkoholismus, Drogenmissbrauch, Bulimie, Tablettensucht und Spielsucht.

All diese Süchte zerstören Existenzen. Golf hat noch niemals eine Existenz zerstört. Das Einzige, was an Golf zerbrochen ist, sind ein paar Ehen, weil der Gatte sich dauernd auf dem Platz herumtrieb. Aber die Liaison wäre vermutlich noch schneller zerbrochen, wäre er zu Hause dauernd mit Kartoffelchips und Weizenbier vor dem Fernseher gesessen.

Weil die Golfsucht kein Leid und keinen Schaden hinterlässt, wollen sich die Golfer auch nicht davon kurieren lassen. Es gibt darum jede Menge Drogenentzugskliniken und Alkoholentzugskliniken, aber es gibt keine Golfentzugskliniken.

Golfer sind die einzigen Süchtigen dieser Welt, die nicht unter ihrer Sucht leiden.Medizinisch allerdings müssen die Golfspieler sich keine Illusionen machen. Ihre Sucht verläuft neurologisch nach den gleichen Mustern wie bei Drogenkranken und bei Spielsüchtigen.

Um das kurz medizinisch darzustellen, ein kleiner Exkurs: Golf, wie andere Abhängigkeiten auch, ist ein Belohnungssystem für das Gehirn. Dopamin- und Opioid-Rezeptoren in den Nervenzellen werden stimuliert und leiten während der Golfrunde ein Glücksgefühl an die Hirnrinde weiter. Dieser angenehme Reiz ruft schon nach kurzer Zeit nach dringlicher Wiederholung.

An Geldspielautomaten beobachtet man den zusätzlichen Effekt. Es ist der Faktor der stimulierenden Erwartungshaltung. Der Spieler weiss im Casino nie, wann es wieder klingeln wird und ein grossartiger Geldstrom aus der Slot-Maschine klappert. Er weiss, es wird irgendwann passieren, aber er weiss nicht, wann. Darum sei es so hart, sagt die Wissenschaft, den Spielautomaten zu verlassen.

Bei Golfern ist dies vergleichbar. Auch für sie ist es hart, sagt die Wissenschaft, den Golfplatz zu verlassen. Auch sie wissen, dass ihnen irgendwann wieder ein grossartiger Schlag gelingen wird, aber sie wissen nicht, wann. Auch sie hören darum nie auf.

Der grandiose Schlag, der perfekte Schuss. Es ist das Stimulans der Golfgemeinde. Jede Sucht ist eine Sehnsucht, in diesem Fall die Sehnsucht nach dem schönen Schlag.

Der schöne Schlag, auf den wir warten und von dem wir wissen, dass er irgendwann wieder einmal kommt. Dann ist er da, der Flash.

Die menschliche Natur funktioniert ja in der Regel nach dem Prinzip von Aufwand und Ertrag. Wenn der Aufwand für eine Tätigkeit riesig und der Ertrag minimal ist, dann hört die menschliche Natur mit dieser Tätigkeit auf. Wer kaum je ein Kreuzworträtsel lösen kann, hört irgendwann damit auf. Wer beim Pilzsammeln kaum je einen Pilz findet, hört irgendwann damit auf.

In anderen Sportarten gelingt einem durchschnittlichen Spieler nie eine Weltklasseleistung.Golfer hören nie auf, auch wenn sie kaum je eine gute Runde zustande bringen. Warum hören Golfer trotz Misserfolgen nie auf? Selbst dem lausigsten Golfer gelingt von Zeit zu Zeit ein Wunderschlag. Da stehen der Paul und die Lisa vor dem Green, holen ein Eisen aus der Tasche – und schwupp, hauen sie die Kugel mit ballistischer Perfektion 30 Zentimeter neben die Fahne. Es passiert vielleicht einmal pro Runde, aber die anderen 99 Schläge sind in diesem Moment vergessen.

 

Absolute Weltklasse

Wir kennen das alle, wie es ist, absolute Weltklasse zu sein, zum Beispiel am 6. Loch. Da liegen wir nach dem ersten Schlag etwa 140 Meter vor dem Green, wir greifen zum Eisen sechs und treffen den Ball genau so, wie wir uns das vorgenommen haben. Er kommt keine zehn Zentimeter neben der Fahne zu liegen. Zugegeben, auf den anderen siebzehn Löchern spielen wir ziemlich unter unseren Verhältnissen, aber wen interessiert das schon?

Golf ist ein Sport, bei dem jedem und jeder von Zeit zu Zeit ein famoser Schlag gelingt. Jeder hat schon mal einen Chip vom Fairway aus eingelocht, einen Putt quer über das ganze Green versenkt oder an Loch 6 einen Approach aus 140 Metern keine zehn Zentimeter neben die Fahne gelegt.

Das unterscheidet Golf fundamental von den meisten anderen Sportarten. In anderen Sportarten gelingt einem durchschnittlichen Spieler nie eine Weltklasseleistung, selbst wenn es bloss eine sehr seltene Weltklasseleistung ist. Als mittelmässiger Fussballspieler ist man niemals fähig, wie David Beckham, zu seinen besten Zeiten, einen Freistoss aus 35 Metern ins Lattenkreuz zu schlenzen. Als mittelmässiger Tennisspieler ist man niemals fähig, wie Boris Becker, zu seinen besten Zeiten, einen Aufschlag mit 210 Stundenkilometern ins Feld zu hauen.

 

Lockruf des perfekten Schlags

Als mittelmässige Golfspieler aber gelingen uns mitunter Schläge, die von Tiger Woods sein könnten. Der Unterschied ist nur der, dass Tiger Woods auf einer Runde fünfzig Weltklasseschläge gelingen, uns Durchschnittsgolfern hingegen nur einer oder zwei. Aber das ist kein wichtiger Unterschied.

Damit ist klar, warum Golfer trotz all unserer irdischen Mühseligkeit nie mit diesem Spiel aufhören werden. Am Ende des Tunnels lockt immer das gleissende Licht des perfekten Schlags. Der perfekte Schlag ist er darum, weil er exakt so ausfällt, wie wir uns das vorgenommen haben. Der Ball fliegt genau nach unseren Regieanweisungen. Dieser makellose Schlag brennt sich dann wie ein Brandmal in unser Langzeitgedächtnis ein.

Im Grunde ist es bizarr, aber viele Golfpartner können mir heute noch im Klubhaus detailgenau erzählen, wie ihnen vor fünf oder zehn Jahren einer dieser Traumschläge gelang. Sie erzählen dann von damals in Bayern, als sie mit dem Fünfer-Holz den Ball 160 Meter übers Wasser zum Birdie-Putt schlugen, oder sie erzählen von damals in Teneriffa, dieser Schlag aus dem Schilf, der tot am Stock endete.

Der Traumschlag beweist uns, dass wir den Traumschlag können, natürlich nicht jedes Mal, aber immer mal wieder. Wir müssen nur etwas Geduld haben. Irgendwann kommt er. Es wäre absurd, in dieser hoffnungsvollen Situation mit Golfen aufzuhören.

Ich glaube, hier liegt der entscheidende Antrieb, warum wir immer wieder auf diesen verfluchten Golfplatz hinausgehen, auch wenn wir dort so häufig frustriert werden. Wir gehen auf diesen verfluchten Golfplatz hinaus, weil wir einen kleinen Moment lang Tiger Woods sein können, nur einen kleinen Moment lang, aber immerhin. Ein toller Schlag kann uns mit wochenlangen Enttäuschungen in diesem Sport versöhnen. Ein bisschen Weltklasse genügt uns, Weltklasse für Sekunden.

Sucht kommt von suchen, sagt eine alte Weisheit. Wir Golfer kennen das. Wir sind ständig am Suchen. Und manchmal finden wir es sogar.

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