Ich war in Altdorf, einer Ortschaft, die am Urnersee liegt: Man kann hier ganzjährig baden. Doch mich zog es zum Telldenkmal, ich wollte herausfinden, ob mein Freund Bruno recht hatte. Er hatte behauptet, dass Tell und sein Sohn Röcke tragen. Und es stimmt! Der Vater trägt wenigstens noch eine kurze Hose unter dem Rock, aber beim Kleinen kann man’s nicht wegdiskutieren. Wahrscheinlich hat das Schweizer Fernsehen die Herstellung des Denkmals finanziert und in den Sponsorvertrag eine Bedingungsklausel reingesetzt: «Der kleine Walterli muss einen Rock tragen, um daran zu erinnern, dass das Geschlecht nicht naturgegeben, sondern anerzogen ist.»
Illustration: Jonathan Németh
Für mich wäre es eine echte Entlastung, wenn ich die Toilette für Rocktragende benutzen dürfte.
Mein Geschlechtsteil ist auch eine Folge meiner Erziehung. Mein Vater wollte unbedingt, dass ich durch eine zwanzig Zentimeter lange Harnröhre Pipi mache und nicht durch eine nur vier Zentimeter lange wie meine Schwester. Ich persönlich hätte lieber eine kürzere gehabt, denn dann ist ja auch alles viel schneller draussen. Aber mein Vater erzog mich so konsequent zu einer längeren Röhre, dass mein Körper sich dem erzieherischen und gesellschaftlichen Druck beugte und diese Riesenröhre ausbildete. Jedenfalls war es jetzt so weit: Nach dem Betrachten des Telldenkmals musste ich eine Toilette aufsuchen. Ich fand im Restaurant «Lehnhof» gleich zwei davon: Auf der einen Tür war ein Schildchen mit einem Mann drauf, der einen Rock trug, und auf dem anderen ein Mann mit Hosen. Automatisch wählte ich die Tür mit den Hosen, denn sechzig Jahre lang haben mir die Pfarrer, die Lehrer, die Ärzte und die Rechtsextremen eingeredet, dass ich in diese Toilette gehöre.
Nein, jetzt im Ernst: Für mich wäre es mittlerweile eine echte Entlastung, wenn ich die Toilette für Rocktragende benutzen dürfte. Denn dort wird keine Prostata verlangt. Keine Prostata in Kombination mit einer ganz kurzen Harnröhre würde bedeuten, dass ich im Nu fertig wäre. Aber mit Prostata und superlanger Harnröhre dauert es bei mir inzwischen Tage, bis ich meine Blase geleert habe. Daran ändert auch mein exzessiver Kürbiskern-Konsum nichts. Wenn ich in einem Restaurant ein Mittagessen bestelle und dann zur Toilette gehe, muss ich froh sein, wenn ich vor der Polizeistunde zurück bin. Aber nun genug der vertraulichen Informationen über mein anerzogenes Mannsein! Ich wollte eigentlich nur sagen, dass beide Kellner im Restaurant «Lehnhof» in Altdorf kurze Hosen trugen, so dass man ihre Beinbehaarung sah. War das ein schöner Anblick? Vielleicht für Leute, die eine ganz kurze Harnröhre haben.
Egal, die Pommes frites im «Lehnhof» schmecken so gut, dass man sowieso mit geschlossenen Augen isst. Der kulinarische Höhepunkt von Altdorf sind allerdings die Nussecken in der Confiserie «Danioth». Es gibt sie in zwei Varianten: quadratisch für Männer und dreieckig für Frauen. Nein, eben leider nicht! Eine geschlechtsspezifische Nussecke ist heute nicht mehr machbar, so etwas kriegt man förmlich nicht mehr gebacken. Egal, ich verliess die Confiserie «Danioth» mit fünf dieser köstlichen Dreiecke plus einem Souvenir-Anisgebäck, auf dem ein Walterli Tell mit wehendem Röcklein abgebildet war.
Würde ich in Altdorf wohnen, hätte ich nach zwei Monaten ein gebärfreudiges Becken wegen der vielen knusprigen Pommes frites und der leckeren Patisserie. Es wäre dann schwierig, dem Uristier in einer Vollmondnacht an der Reuss zu erklären, dass er bei mir keine Chance hat. «Halt ein, du Langharnröhrerich», würde ich zum Uristier in schillerscher Poesie sagen, «wer weiss, wie lang du Wappentier noch bist! Da doch jetzt die Kühe durch die Hohle Gasse kommen und ihr Recht verlangen! Zieh deinen Schwengel nunmehr ein, wir wollen alle Schwestern sein! Und prüder!»

