Reich mit Silber
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Reich mit Silber

Reich mit Silber

Das Edelmetall stand schon immer im Schatten des Goldes. Jetzt gehen die Preise durch die Decke. Aus gutem Grund: Die Angebot-Nachfrage-Situation am Silbermarkt erscheint im Moment fast noch interessanter als im Goldsektor.

Silber diente fast jeder Kultur als Handelswährung, vor allem in Form von Münzen. Silber wurde seit je auch zu Schmuck und Silberwaren aller Art verarbeitet. Aber die Bedeutung des Silbers für die Menschheit hat sich in den vergangenen Jahren deutlich gewandelt.

c 2020 Kovalchuk Oleksandr/Shutterstock.  No use without permission.
Silber ist einer der besten Leiter von Elektrizität: mit Erz beladene Lastwagen in einer Kupfermine in der chilenischen Atacamawüste.
c 2020 Kovalchuk Oleksandr/Shutterstock. No use without permission.

Silber gilt zwar weiterhin als werterhaltendes Edelmetall, aber gegen 60 Prozent der Nachfrage stammt heute aus der Industrie, denn Silber ist einer der besten Leiter von Elektrizität, weshalb es in elektronischen Komponenten, Kabeln, Schaltern und elektronischen Leiterplatten zur Anwendung kommt. Silber wird in fast jedem Computer, Mobiltelefon, Auto, Elektrogerät, aber auch in der Fotovoltaik, in chemischen Katalysatorprozessanlagen oder in der Medizin eingesetzt.

 

Lagerbestände stark geschrumpft

Gemäss dem United States Geological Survey und Schätzungen des Silver Institute wurden 2024 weltweit rund 3300 Tonnen Gold und 26 000 Tonnen Silber gefördert. Der Wert dieser Produktion stellt sich zu heutigen Preisen für Gold auf 340 Milliarden, für Silber auf 27 Milliarden Dollar. Obwohl sowohl der Produktions- als auch der Handelswert des Goldes das Edelmetallgeschäft dominieren, ist Silber für Anleger von ebenso grossem Interesse, denn die Angebot-Nachfrage-Situation erscheint wesentlich preistreibender.

Die Silberbestände der London Bullion Market Association (LBMA) werden oft als Indikator für die kurzfristigen Mangel- und Überschusssituationen im Handel betrachtet. Diese Vereinigung von rund 150 Händlern, Raffinerien, Produzenten, Minen und Verarbeitern, aber auch von Lagerhäusern und Sicherheitsdiensten versteht sich als globale Autorität in Sachen Edelmetallen. Ende März repräsentierten die von der LBMA verwahrten 8500 Tonnen Gold einen Wert von 833 Milliarden, die 22 100 Tonnen Silber einen Marktwert von 23 Milliarden Dollar. Seit Ende 2024 sind diese Lagerbestände stark geschrumpft. Sie liegen heute um 40 Prozent unter dem Höchststand von Juni 2021. Grund dafür sind die hohen Importe der USA mit Blick auf die angekündigten Schutzzölle.

Seit dem Tief im März 2020 hat sich der Silberpreis auch wegen Hamsterkäufen fast verdreifacht.

Seit dem jüngsten Tief im März 2020 hat sich der Silberpreis auch wegen der jüngsten Hamsterkäufe fast verdreifacht, womit der Silberpreis Anfang Mai 2025 mit 32,5 Dollar aber immer noch um 35 Prozent unter dem Allzeithoch von knapp 50 Dollar im April 2011 liegt. Genau genommen stieg der Silberpreis bereits am 18. Januar 1980 kurzfristig über die 50-Dollar-Marke, als die Gebrüder Hunt zusammen mit reichen Geschäftsleuten versuchten, den Silbermarkt leerzukaufen. Praktisch innert Jahresfrist stieg der Silberpreis von 6,08 auf 50,35 Dollar an, bis die Warenterminbörse Comex in New York mit einer Änderung der Börsenregeln dem Spektakel ein Ende setzte. Es durfte nur noch Silber gekauft werden, um Leerverkäufe einzudecken. Insgesamt hatten die Hunts teils auf Kredit rund 4700 Tonnen physisches Silber sowie 6200 Tonnen Silber an der Comex gekauft. Der Preiseinbruch führte die in der Spitze fünf Milliarden Dollar reichen Hunt-Brüder in den Bankrott. Mitläufer verloren ebenfalls viel Geld, weshalb der Silbermarkt fortan von vielen Anlegern während längerer Zeit gemieden wurde.

 

Produktion in politisch heiklen Staaten

Der zweite Angriff auf die 50-Dollar-Marke erfolgte im Nachgang zur Finanzkrise 2008. Damals versuchte die amerikanische Notenbank Fed, die USA mit einer Geldschwemme wieder aus der Rezession zu führen, und gleichzeitig führte die damals wachsende Nachfrage seitens der Fotovoltaik zu einem Silberboom. Diese Konstellation für eine Flucht in Sachwerte scheint sich heute zu wiederholen.

Die derzeitigen Silberpreise reizen durchaus zur Erschliessung neuer Silbervorkommen.

Die USA fördern zwar auch Silber, aber die Eigenproduktion von rund 1100 Tonnen (2024) deckt nur rund 30 Prozent der Inlandsnachfrage von rund 3700 Tonnen, wovon die IT-, die Elektronik- und die Solarindustrie bald die Hälfte absorbieren. Im Januar 2025 sind die amerikanischen Importe in Form von raffinierten Barren um 49 Prozent gestiegen, was auf Vorratskäufe der verarbeitenden Industrie hindeutet. Die wichtigsten Zulieferer waren: Mexiko (266 Tonnen), Kanada (194), Korea (66), Deutschland (55), die Schweiz (49), Polen (42) und das Vereinigte Königreich (31).

Der Löwenanteil des Minenangebotes stammt aus wenigen, politisch oft umstrittenen Ländern wie Mexiko (25 Prozent der Weltproduktion 2024), China (15), Peru (12), Polen (5), Chile (5). In den letzten zehn Jahren wuchs die Silbernachfrage um durchschnittlich 1,7 Prozent pro Jahr, während die Minenproduktion gleichzeitig um 0,3 Prozent sank. Ohne Recycling würde das jährliche Produktionsangebot aus Minen nicht für die Befriedigung der steigenden Nachfrage ausreichen. Auch 2025 soll die Lücke 12 Prozent der Nachfrage betragen, während es 15 bis 20 Prozent in den Vorjahren waren.

Die Schätzung der Reserven unter Tag verändert sich über die Zeit, denn einerseits wird Silber zutage gefördert, was die Erzlager reduziert, andererseits entdecken die Explorationsgesellschaften laufend neue Bodenschätze. Silber wird zu einem wesentlichen Teil als Beiprodukt anderer Metallminen geschürft. Dennoch ergeben die von verschiedenen Quellen erarbeiteten Schätzungen ähnliche Resultate. Die deklarierten Reserven variieren auch mit den aktuellen Silberpreisen, denn Reserven, deren Produktionskosten über dem Marktpreis des Silbers liegen, lohnen sich nicht, erschlossen zu werden. Weltweit betrachtet stellen sich die Produktionskosten pro Unze Silber auf 14.40 Dollar. Addiert man die Nachhaltigkeitskosten hinzu, kommt man auf 17.80 Dollar. Dabei variieren die reinen Produktionskosten zwischen 16.20 in Nordamerika und 3.80 Dollar in Asien. Die derzeitigen Silberpreise reizen somit durchaus zur Erschliessung neuer Silbervorkommen.

22 Prozent für die Schmuckindustrie

Derzeit befinden sich denn auch einige Minenprojekte in der Erschliessung, von denen neun in den nächsten zehn Jahren ein zusätzliches Angebot von 1250 Tonnen (5 Prozent der heutigen Produktion) bringen könnten, aber diese Menge wird im nächsten Jahrzehnt von der Mehrnachfrage absorbiert werden, zumal das Recycling und die heutige Produktion wegen der Erschöpfung von Reserven vermutlich sinken werden. Neue Minen werden in Mexiko, Australien, Russland und Peru vorangetrieben, wobei dieses Silber vor allem für die Weiterverarbeitung in China, Taiwan und Indien vorgesehen ist. Dazu kommt die wachsende Schmucknachfrage aus Indien, Thailand, China und zusehends auch aus Ägypten.

Die derzeitigen weltweiten Silberreserven unter dem Boden werden auf 640 000 Tonnen geschätzt. Vergleicht man diese mit der aktuellen Fördermenge, dann lässt sich die Anzahl der voraussichtlichen Produktionsjahre errechnen. Die grössten Silberreserven sind in Peru vorhanden. Sie machen rund 22 Prozent der Weltreserven aus. Australien mit 15, Russland mit 14, China mit 11 und Polen mit 10 Prozent folgen auf den nächsten Plätzen. Die übrigen Länder, inklusive der USA (4 Prozent), sind von untergeordneter Bedeutung. Die Reserven des derzeit grössten Produktionslandes, Mexiko (6 Prozent), entsprechen nur sechs weiteren Förderjahren. Mexikos Reserven liegen damit weit unter dem Weltdurchschnitt von 26 Jahren. Mexiko ist momentan mit einem Viertel der Weltproduktion noch der dominierende Anbieter, aber das Land wird wohl in den nächsten Jahren von Peru mit Reserven für rund 45 Jahre überholt werden, obwohl die dortige Bergbautechnologie als veraltet gilt. Die längsten Lebenserwartungen haben die Minen in Australien mit 94, in Russland mit 77 und Polen mit 47 Jahren. Die amerikanischen Silberreserven reichen noch für 21 Jahre.

 

Silber für Rüstungsindustrie

Die grösste Nachfrage stammte gemäss Schätzungen des Silver Institute aus der Industrie (Anteil an der Nachfrage 2024 rund 58 Prozent), vor allem seitens der Elektronik (38) und der Fotovoltaik (19) und aus dem Ausbau der 5G-Netze. Am meisten Silber wird von der Industrie aus China, aus den USA, Japan, Indien und Deutschland nachgefragt. Rund 22 Prozent des Silbers gehen in die Schmuck- (17) und in die Silberwarenproduktion (5). Silberschmuck ist in Indien, Thailand, Italien und China am beliebtesten. Die Anlegernachfrage nach physischem Silber macht rund 17 Prozent aus. Die Ablösung der traditionellen Kameras durch elektronische und Smartphones führte zu einem Einbruch der Silbernachfrage der Fotoindustrie, deren Anteil von rekordhohen 28 Prozent im Jahr 1998 auf heute noch rund 2 Prozent schrumpfte. Dieser Nachfrageschwund vermochte bis anhin einen Teil des Mehrbedarfs der Industrie zu kompensieren.

Das Gold-Silber-Verhältnis gilt als ältester kontinuierlich erfasster Wechselkurs der Geschichte. In der Römerzeit lag das Preisverhältnis bei 12 zu 1. 1792 wurde das Gold-Silber-Preisverhältnis in den USA gesetzlich auf 15 zu 1 festgelegt. Eine Unze Feingold war somit 15 Feinunzen Silber wert. In Frankreich wurde 1803 ein Verhältnis von 15,5 zu 1 eingeführt. Im 20. Jahrhundert lag der Durchschnitt bei 47 zu 1. Heute liegt die Relation hingegen bei 100 zu 1. Dieses vielbeachtete Preisverhältnis Gold zu Silber ist zwar eine Orientierungshilfe, aber daraus eine Über- oder Unterbewertung von Silber abzuleiten, erscheint gewagt, obwohl scheinbar logische Gründe wie der Gold- und Silberanteil an der Erdkruste oder das Verhältnis der Förderkosten von Gold und Silber ins Feld geführt werden. Aus den von einigen Goldminen für 2024 angegebenen Kosten von 1600 bis 1700 Dollar pro Unze Gold und den Förderkosten von 16 bis 17 Dollar pro Unze Silber ergibt sich allerdings ebenfalls ein Verhältnis von 100 zu 1.

Das Gold-Silber-Verhältnis gilt als ältester kontinuierlich erfasster Wechselkurs der Geschichte.

Nachfrageseitig wird der Ausbau der Sonnenenergieanlagen, aber auch der Bedarf seitens der Elektroautos, der Ladeanlagen und der IT-Rechenzentren für KI anhalten. Die Nachfrage seitens der Rüstungsindustrie nimmt ebenfalls zügig zu. Was könnte den von der wachsenden Nachfrage verursachten Preisauftrieb bremsen? Vorerst sei festgehalten, dass die unerschlossenen Silberreserven noch riesig sind. Neue Minen werden aber nur gebaut, wenn der Silberpreis anhaltend hoch bleibt. Ein hoher Silberpreis wird möglicherweise dazu führen, dass sich die Hersteller von Solarpanels in China und Indien bei Preisen über 30 Dollar pro Unze nach Ersatzmaterialien umzuschauen beginnen. Substitutionsmaterialien sind vor allem in der Fotografie in Sicht, aber die Nachfrage der Fotoindustrie ist bereits markant geschrumpft. Medizinische Nadeln und Platten lassen sich auch aus rostfreiem Stahl, Tantal und Titan herstellen. Silberlose Batterien eignen sich für einige Anwendungsbereiche. Aluminium und Rhodium können in Spiegeln und anderen reflektierenden Anwendungen eingesetzt werden.

 

Nachfrage stärker als bei Gold

Das Silberangebot inklusive Recycling soll 2025 um 3 Prozent auf ein Elfjahreshoch von 30 000 Tonnen ansteigen. Dazu soll die Minenproduktion 24 000 Tonnen beisteuern, was ein Siebenjahreshoch bedeutet. Andererseits dürfte die Nachfrage nach Schmuck deutlich sinken. In Indien wird wegen des Preisanstiegs ein zweistelliges Minus erwartet; etwas weniger soll auch China nachfragen. Das Silver Institute erwartet auch ein Wachstum der Anlegernachfrage, vor allem aus Europa und Nordamerika. Die Angebot-Nachfrage-Situation am Silbermarkt erscheint somit fast noch interessanter als im Goldsektor.

 

Hans Kaufmann ist ehemaliger Chefökonom der Bank Julius Bär und alt Nationalrat der SVP.

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