Reserve für eine multipolare Welt
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Reserve für eine multipolare Welt

Reserve für eine multipolare Welt

Dollar und Staatsanleihen verloren in den vergangenen zehn Jahren stark an Wert – Gold, Silber und Bitcoin legten massiv zu. Der Bitcoin hat reale Chancen, zum digitalen Gold zu werden.

Die Zukunft von traditionellen Währungen wie dem Dollar oder dem Yen ist mit den aktuellen geopolitischen Verschiebungen ungewisser geworden. Der Markt äussert diese Sorge über steigende Zinsen für Staatsanleihen. Gleichzeitig ist eine erhöhte Nachfrage nach Gold zu beobachten. Dieses gilt seit Jahrtausenden als krisensicherer Vermögenswert und wird gerne von Zentralbanken gehalten. Doch die Welt verändert sich, nicht nur wirtschaftlich und politisch, sondern auch technologisch, und der Bitcoin hat eine reale Chance, zum digitalen Gold zu werden. Dies gilt insbesondere im Szenario einer multipolaren Weltordnung ohne klare Vorherrschaft einer einzelnen staatlichen Währung, welche heute der Dollar innehat.

MARTIN RUETSCHI / KEYSTONE
Neben dem Bitcoin verblassen selbst Silber und Gold.
MARTIN RUETSCHI / KEYSTONE

Seit 2015 ist die Kaufkraft des Dollars um 27 Prozent gefallen. Ein schleichender Verlust, der wie Rost am allgemeinen Vertrauen in den Emittenten nagt. Die USA dürften den Dollar weiterhin im gerade noch erträglichen Mass abwerten, um die Last der immensen Staatsschulden zu lindern. Wer vor zehn Jahren in langfristige amerikanische Treasuries investiert hatte, hat damit real die Hälfte verloren und in dem Ausmass die Staatsausgaben des Weissen Hauses mitfinanziert. Dafür bezahlt hat unter anderem die Schweizerische Nationalbank – und damit indirekt wir alle.

 

Wert der Schweizer Immobilien

Im Vergleich von Renditen unterschiedlicher Reserveanlagen schneiden Staatsanleihen über die vergangenen zehn Jahre auffallend schlecht ab, obwohl diese von internationalen Gremien, die Eigenmittelvorschriften erlassen, als besonders sicher eingestuft werden. Ein sicherer Wertverfall wird dort gegenüber einer unsicheren Rendite bevorzugt. Im Gegensatz zu Staatsanleihen hätte eine Investition in Gold und Silber inflationsbereinigt 105 beziehungsweise 54 Prozent erzielt. Beide Edelmetalle haben sich von ihrem Tief um die Jahrtausendwende erholt und beweisen ihre Attraktivität in unsicheren Zeiten.

Doch neben dem Bitcoin verblassen selbst Silber und Gold. Dieser hat in den vergangenen zehn Jahren um 75 Prozent zugelegt – pro Jahr! Alle Bitcoins der Welt sind inzwischen so viel wert wie alle Immobilien der Schweiz oder ein Zehntel des Goldes der Welt. Was will uns der Markt mit diesem stratosphärischen Kursanstieg signalisieren?

Der Preis des Bitcoins kann als Gradmesser dafür gesehen werden, für wie wahrscheinlich es der Markt hält, dass es Bitcoin eines Tages gelingt, als digitale Reservewährung mit dem Gold gleichzuziehen oder dieses sogar zu überholen. Letztere Möglichkeit hat auch der aktuelle amerikanische Präsident an der Bitcoin Conference 2024 in Nashville geäussert. In den USA bestehen bereits in einer Mehrzahl aller Bundesstaaten politische Vorstösse zum Äufnen von staatlichen Bitcoinreserven, so wie im Weissen Haus auch.

Ein geschickter strategischer Schachzug? Kommen die USA nämlich den anderen Ländern mit dem Kauf von Bitcoins im grossen Stil zuvor, können sie so den Verlust lindern, den sie im Fall einer breitflächigen Umschichtung vom Dollar in den Bitcoin erleiden müssten. Ein solches Szenario ist nicht abwegig. Ausländische Bestände an US-Staatsanleihen befinden sich bereits auf einem 22-Jahres-Tief, Goldreserven von Zentralbanken auf einem 30-Jahres-Hoch. Da liegt eine Beimischung von Bitcoin nahe, ähnlich wie bereits Privatbanken ihren Kunden empfehlen, die Goldallokation hälftig in Bitcoins umzuschichten.

 

Langweiligste Anlage der Welt

Besonders die Brics-Staaten treiben den Trend zum Gold voran. Ihre Goldreserven sind zwischen 2010 und 2024 deutlich gestiegen, wobei Russland den Spitzenwert von 30 Prozent der Reserven in Gold hält. Mit dieser Umschichtung hat Russland möglicherweise im Hinblick auf einen Konflikt mit dem Westen bereits 2008 begonnen. Im Vergleich dazu sind die Goldreserven der Schweizer Nationalbank seit Jahren konstant, konnten aber relativ zu den Staatsanleihen stark an Wert gewinnen.

Das vergleichsweise junge Alter von Bitcoin bedeutet aber, dass die Zukunft ungewiss ist.

Die Bedeutung des kontinuierlichen Rückzugs der Brics-Staaten aus dem Dollar ist nicht zu vernachlässigen. Diese bringen inzwischen ein höheres gemeinsames Bruttoinlandprodukt auf die Waage als die G7-Staaten. Diese tektonische Machtverschiebung beschleunigt die Suche des Markts nach unabhängigen Reservewerten und stützt die These von Bitcoin als neutraler Reservewährung in einer multipolaren Welt.

Dabei hebt sich Bitcoin von anderen Kryptowährungen ab, ungefähr so wie Gold und Silber unter den Metallen eine besondere Stellung einnehmen. Das Bitcoin-System wurde immer wieder kopiert, aber keine der Kopien wird je wieder die erste Kryptowährung sein können. So wie es nicht die physischen Eigenschaften sind, die Gold und nicht Platin zum Reservestatus verholfen hat, ist es auch beim Bitcoin die Historie. Das vergleichsweise junge Alter von Bitcoin bedeutet aber, dass die Zukunft ungewiss ist. Diese Ungewissheit ist gleichzeitig eine Chance, da sie bedeutet, dass das Potenzial nach oben noch nicht ausgeschöpft ist.

Anstelle der physischen Knappheit des Goldes tritt beim Bitcoin die systemimmanente Knappheit des Protokolls. Sein Angebot ist fixiert, die Emission algorithmisch begrenzt auf 21 Millionen, eine Art monetäre Planck-Konstante. Wie Gold und Silber sind Bitcoins beliebig aufteil- und handelbar. Doch im Gegensatz zu Metallen bestehen Bitcoins nur im digitalen Raum. Das macht sie weniger fassbar, doch auch einfacher handelbar. Das Verschieben einer Milliarde in Gold von Bern nach Mumbai ist eine logistische Herausforderung, während eine Milliarde in Bitcoins innert Minuten ohne Aufwand überallhin verschickt werden kann. Während Gold dafür ungeeignet wäre, sollen Bitcoins bereits für die Bezahlung von Öllieferungen zwischen Russland und China verwendet worden sein.

Der Aufstieg des Bitcoins ist Ausdruck des Misstrauens in die etablierten Währungen. Dieses wird unter anderem dadurch genährt, dass Staaten immer wieder der Versuchung erliegen, ihre Währungen für politische Zwecke zu verwenden. Die öffentliche Diskussion darüber, ob die Euro- und Dollarbestände der russischen Zentralbank für den Wiederaufbau der Ukraine verwendet werden könnten, veranlasst andere Zentralbanken, alternative Währungen oder Vermögenswerte zu prüfen.

 

Grelle Kontraste: Höhenflug von Bitcoin.

 

Bitcoin kann wie Gold von der strategischen Kapitalumlagerung weiter profitieren. Staatsanleihen raus, Hard Assets wie Gold und Bitcoin rein. Die oben skizzierte Realität treibt institutionelle Investoren und Zentralbanken dazu, ihre Allokationsmodelle zu überdenken. Neben seiner politischen Unabhängigkeit überzeugen auch – zumindest für die Vergangenheit – die quantitativen Eigenschaften. Anders, als immer wieder behauptet wird, ist nämlich die Volatilität des Bitcoins nicht toxisch hoch, sondern vergleichbar mit der einer typischen Technologieaktie, wie sie die Nationalbank bereits zu Milliarden in ihren Reserven hält. Eine Beimischung von einem Prozent Bitcoin in das Portfolio der Nationalbank hätte sich so über die vergangenen zehn Jahre überaus positiv ausgewirkt. Der Wertzuwachs hätte fast verdoppelt werden können, und die Volatilität wäre dank dem Diversifikationseffekt an etwa einem Drittel der Tage sogar tiefer ausgefallen.

Im Idealfall wird der Bitcoin eines Tages die langweiligste Anlage der Welt.

In dem Mass, wie Bitcoin als Reservewährung realistischer wird und die Marktkapitalisierung zunimmt, wächst ausserdem seine Stabilität, ähnlich wie ein an Gewicht zunehmender Körper, der immer schwerer zu bewegen ist. Im Idealfall wird der Bitcoin eines Tages die langweiligste Anlage der Welt, gehalten von konservativen, institutionellen Anlegern, die ihn als digitalen sicheren Hafen schätzen. Hierbei würde er seine Attraktivität als kurzfristiges Spekulationsinstrument verlieren, wodurch risikofreudigere Anleger zu neuen Abenteuern bewegt würden. Bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Jeder, der die entsprechende Risikobereitschaft hat, kann in der Zwischenzeit entsprechend seiner Überzeugung an den Börsen auf weiter steigende oder auch sinkende Kurse wetten. Je nachdem, an welche künftige Weltordnung er oder sie glaubt.

 

Luzius Meisser ist Verwaltungsrat, Dominic Weibel Head of Research bei Bitcoin Suisse.

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