Lausanne
Eine Werbeagentur aus Zürich präsentiert im Luxushotel «Lausanne Palace» vor den Kadern des grössten Medienhauses des Welschlandes einen Vorschlag für eine Werbekampagne. Der Chef begrüsst auf Englisch, er lässt slides mit englischem Text aufscheinen. Sofort protestiert ein Direktor: «Bitte auf Französisch. Oder, wenn Sie wollen, auf Hochdeutsch, wir beherrschen beides.»
Der Zürcher sagt: «Ich habe nur slides mit englischer Sprache.»
«Macht nichts», erwidern wir, «aber bitte sprechen Sie mit uns in Ihrer Sprache. Hochdeutsch, wenn Sie nicht Französisch können.» Dann packt der Mann sein Hochdeutsch aus, und wir merken, der kann auch das nicht. Er fällt dauernd in den Dialekt zurück. Das ist die Schweiz des 21. Jahrhunderts. Man versteht sich nur noch auf Flughafenenglisch.
Das ist die Schweiz des 21. Jahrhunderts. Man versteht sich nur noch auf Flughafenenglisch.
Bei der Übernahme des welschen Verlags durch einen Zürcher Verlag kam aus, dass sich die Welschen sehr wohl und sehr gut auf Hochdeutsch äussern können, aber die Zürcher grösste Mühe mit dem Französisch haben, obschon auch sie es in der Schule gelernt haben. Dabei gibt es kaum einen Unterschied im Schwierigkeitsgrad des Lernprozesses. Ich würde sagen, dass Französisch für Deutschsprachige leichter ist als umgekehrt. Aber es gibt eine ganz einfache Wahrheit: Die Welschen wissen von klein auf, dass ihre berufliche Karriere besser verläuft, wenn sie sich in Zürich, Basel und Bern sprachlich durchsetzen können. Das motiviert zum Lernen, auch wenn es schwierig ist.
Weltsprache der Aufklärung
Dabei ist Deutsch keine Weltsprache wie Französisch. Man versteht Deutsch nur in Zentraleuropa. Französisch dagegen ist eine Weltsprache, die offizielle Sprache des Vatikans, wie man bei der letzten Papstwahl feststellen konnte, eigentlich auch die offizielle Sprache der EU, obschon dort praktisch nur noch Englisch gesprochen wird, Brexit hin oder her. Und Französisch ist die Sprache der Aufklärung, des «siècle des lumières», von Rousseau, Voltaire und Descartes, die Sprache der Mode und der Gastronomie.
Frankreich als Wehmuts- und Traumland für die Romands funktioniert nur kulturell, beruflich leider nicht: Wer für einen Job nach Frankreich auswandert, muss mit sehr tiefen Löhnen rechnen. Da ist es besser, wenn ein Job in der deutschen Schweiz winkt. Das ist gerade für Schüler, die später in einen Dienstleistungs- oder Montagejob treten, wichtig: Küchen montieren, Röhren entstopfen kann einer nur in der ganzen Schweiz, wenn er die Sprachen der andern Seite versteht.
Die kleinen Deutschschweizer befinden sich dagegen bereits im grössten Wirtschaftsraum, sie könnten zu Hause Karriere machen, meinen sie, sie könnten deshalb beruflich auf Französisch verzichten, ausser, wenn sie eine Karriere auf Bundesebene anstreben, wo Beamte immer noch zwei Landessprachen beherrschen müssen. Wie lange noch?
Wo der Hund begraben liegt
Jetzt wollen also die nur noch Flughafenenglisch und Dialekt sprechenden bürgerlichen Zürcher Kantonsräte, die sich sprachlich nicht einmal für einen Spenglerjob qualifizieren würden, das Frühfranzösisch in der Primarschule abschaffen, so wie es auch in zwölf von neunzehn Deutschschweizer Kantonen immer wieder von Politikern gefordert wird. Appenzell Ausserrhoden hat schon entschieden, den Französischunterricht auf Primarstufe abzuschaffen. Uri und Appenzell Innerrhoden haben das Frühfranzösisch gar nie eingeführt. Und der Aargauer Grosse Rat hat beschlossen, dass Primarschüler nur noch Französisch lernen sollen, wenn sie in Deutsch gut genug sind.
Genau hier liegt der Hund begraben: Der Deutschunterricht ist in der Primarschule zum Problemfall geworden, weil die Klassen vielerorts mehrheitlich von Kindern mit Migrationshintergrund und mangelnder sprachlicher Integration besetzt sind. Und weil die Inklusion aller Schüler ins gleiche Programm dazu geführt hat, dass das Niveau der ganzen Klasse schon im Deutschunterricht radikal abfällt. Wenn heute von den Lehrern verlangt wird, dass sie noch Diktate machen, antworten sie: «Ja, das machen wir, zwei Sätze diktieren wir mehrmals pro Woche.» Zwei Sätze! Dazu kommt, dass es immer mehr verhaltensauffällige bis autistische Schüler gibt, die den Unterricht massiv stören oder bremsen.
Überfordert?
In Frankreich tobt jedes Jahr eine Polemik über die staatliche Unterstützung von Privatschulen, dabei ist gerade kürzlich festgestellt worden, dass die meisten Politiker ihre Kinder in Privatschulen schicken, obschon sie sich für die öffentliche Schule starkmachen. Warum? In den Privatschulen wird auf traditionelle Weise gepaukt, und störende Schüler werden einfach rausgeschmissen. Zurück in die öffentliche Schule.
Natürlich kommen die Abschaffer mit dem Argument, das auch von Kinderpsychologen unterstützt wird: Die Kleinen seien mit dem Schulprogramm sowieso schon überfordert, das Frühfranzösisch sei eine Zusatzlast, die man ihnen erlassen sollte. Da kann man nur sagen: Es kommt auch darauf an, wie Französisch unterrichtet wird. Die Qualität der Primarlehrer, die sich mit Französischunterricht quälen, müsste man auch einmal untersuchen. Ich denke, auch da hapert es. Und welche Anstrengungen werden unternommen, den Sprachaustausch zu fördern, mit Schulreisen, Klassenlagern und so weiter?
Unwillige Willensnation
Nun kommen die Befürworter des Frühfranzösisch, allen voran Bundesrätin Elisabeth Baume-Schneider, mit den ganz grossen Argumenten, die Sinn machen, aber einem Dreikäsehoch noch nichts bedeuten. Für die Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren (EDK), die schon 2009 die harmonisierten Lehrpläne mit dem Frühfranzösisch und Frühdeutsch eingeführt hat, sind die Mehrsprachigkeit und das Sprachenlernen zentrale Anliegen der Volksbildung. Das Erlernen einer zweiten Landessprache trage wesentlich zur nationalen Kohäsion und zum gegenseitigen Verständnis zwischen den Sprachregionen bei, sagt der zweisprachige Walliser EDK-Präsident Christophe Darbellay. Richtig ist: Jeder Deutschschweizer Primarschüler, der Französisch lernt, lernt, wenn nicht die Sprache, so doch, was die Schweiz ist, nämlich mehrsprachig.
Wer Kohäsion sagt, kommt gleich zum Begriff Willensnation. Wir wollen zusammenleben und uns verstehen. Aber das hat seinen Preis. Der Wille kann und muss manchmal auch zu einem Zwang werden. Das zeigen viele Beispiele: Wir müssen Militärdienst leisten zur Verteidigung des Landes, wir müssen Landessprachen lernen, damit der Zusammenhalt auch sprachlich funktioniert. Wenn wir uns einfach aus Bequemlichkeit dem englischen Sprachdiktat unterziehen, geben wir den kulturellen schweizerischen Sonderfall preis. Und unterwerfen wir uns der Kultur der internationalen Konzerne und Institutionen. Wer will, der kann.
Die ganze Welt bewundert die Schweiz, weil wir hier alle vier Sprachen sprechen oder wenigstens verstehen. Das sagen mir chinesische und amerikanische Touristen auf dem Genferseeschiff mit der grössten Bewunderung. Denn die Amis sprechen nur eine Sprache, die meisten Asiaten auch. Ich will sie jeweils nicht enttäuschen und sage, ja, ja, das wird uns in die Wiege gelegt. Und wissen Sie, bei uns schicken die grossen Institutionen des Landes, die Armee, die Grossverteiler Migros und Coop ihr Personal immer zu längeren Sprachaufenthalten in den andern Landesteil, so kann jeder in die andere Sprache eintauchen. Für Mädchen gibt es das Haushaltslehrjahr als jeune fille in einem welschen Haushalt mit Sprachunterricht. Man nennt sie auch Au-pair. Auch Buben dürfen sich im andern Landesteil als Babysitter anstellen lassen. Ein prominentes Beispiel ist der Sänger Michael von der Heide, der bei einer Genfer Familie als Au-pair-Knabe die Kinder gehütet hat und noch heute davon schwärmt. Ich sage denen natürlich nicht, dass es heute nicht mehr wirklich so ist.
Die ganze Welt bewundert die Schweiz, weil wir vier Sprachen sprechen oder wenigstens verstehen.
Inzwischen sind die Welschlandjahre nicht mehr so beliebt, weil sie auch nicht konsequent von den grossen Institutionen gefördert werden. Selbst bei der Post ist der Welschlandaufenthalt ganz freiwillig geworden. Von 600 Lernenden melden sich jeweils nur gerade 20 für einen Sprachaufenthalt. Dabei müsste der Austausch mit Prämien gefördert werden. Die Armee sollte Truppen in andere Sprachregionen verlegen, wie es früher systematisch gemacht wurde. Statt Kohäsionsmilliarden nach Brüssel zu schicken, müsste die Schweiz ein paar Kohäsionsmillionen in den gezielten Sprachaustausch und in besseres Frühfranzösisch investieren. Es geht um unsere kulturelle DNA, um die Mehrsprachigkeit im ganzen Land, auf die wir immer so stolz waren. Da muss auch die Primarschule mitziehen.

