Wer bisher dachte, dass Körperformen unseren Genen, der Ernährung und der sportlichen Betätigung geschuldet sind, muss jetzt umdenken: Schlanksein ist offenbar ein Werk der politischen Rechten. So lässt sich das Argument zusammenfassen, das eine junge Frau in ihrem Tiktok-Beitrag des gebührenfinanzierten Jugendformats Funk präsentiert. Nach ihrer Logik dürfte ich als eher schmal geratenes Wesen auf dem rechten Radar ganz weit aussen stehen.
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Die Dame erklärt, dass «Körper politisch» seien und Politik sowie Gesellschaft bestimmten, wie wir aussehen sollen. «Bis heute gibt es das Bild, dass der perfekte Körper jung, schlank und weiss ist. Das kommt tatsächlich aus der Kolonialzeit! Aber auch vom NS-Regime wurde ein ähnliches Körperbild propagiert.» Weiter führt sie aus, dass es «um unsere Demokratie schon mal besser stand», und: «In extremen Ideologien gibt es ein sehr bestimmtes und enges Bild von Körpern. Frauen müssen ‹typisch weiblich› aussehen, schlank und natürlich.» Schlanksein als etwas Unappetitliches darzustellen, das muss man auch erst mal schaffen.
Wer versucht, medizinische Fakten mit Ideologie zu verquirlen, entlarvt sich als moralischer Kanzelprediger.
Vergebens. Denn auch wenn sich durch die Body-Positivity-Bewegung gängige Schönheitsstandards etwas aufgelöst haben, gilt in den Augen der meisten Betrachter ein schlanker, gesunder Körper noch immer als attraktives Ideal. Schönheitsnormen haben weder mit rechts noch mit links zu tun. Sie sind nicht das Produkt politischer Einflussnahme – sondern vielmehr geprägt von Stars, Influencern, Medien, Werbung – also, ja, von der Gesellschaft. Sie existieren seit Jahrhunderten – lange vor der NS-Zeit —, und es gibt sie in jeder Kultur; sie sind so vielfältig wie die Kulturen selbst. Bei den Kayan-Frauen in Myanmar war ein langer Hals – durch Messingringe optisch verlängert – traditionell ein Symbol weiblicher Schönheit und kultureller Zugehörigkeit. In einigen Regionen West- und Ostafrikas signalisierte Übergewicht lange Zeit Wohlstand und Status. Ein Beispiel ist das leblouh in Mauretanien, bei dem junge Mädchen über Monate überfüttert werden, damit sie als kräftige Frauen gelten. Solche Ideale kann man aus westlicher Perspektive seltsam finden, aber sie sind Ausdruck von Ästhetik und Tradition.
Im Europa des 17. und 18. Jahrhunderts galt ein blasser Teint als anmutiges Ideal. Auch aktuelle westliche Schönheitsideale lassen sich hinterfragen, diese jedoch als Werkzeug gegen politisch Andersdenkende zu instrumentalisieren, ist schlicht absurd. In verschlungenen Denkkonstrukten wird alles wild miteinander vermischt, mit dem zwanghaften Ziel, am Ende das «Gegen rechts»-Thema auf den Tisch zu bringen. Klar, jeder darf so viel Quatsch erzählen, wie er möchte – Unsinn gehört zum Glück zur Meinungsfreiheit –, und man kann ihn belustigend finden. Aber wenn öffentlich-rechtliche Formate wie Funk jungen, leichter beeinflussbaren Menschen solche intellektuellen Purzelbäume als Wahrheit verkaufen, darf man sich schon fragen, wo denn die Grenzen dieser journalistischen «Bildung» liegen. Es ist etwa so, als würde man flat earther-Sendungen ausstrahlen – einfach weil es irgendjemand sehen möchte. Verständlicherweise gehen immer mehr Gebührenzahler gegen die «Zwangsabgabe» auf die Barrikaden.
Apropos Gene: Schlanksein bedeutet nicht automatisch gesund, ist aber oft gesünder. Das hat mit Blutwerten zu tun, nicht mit Wahlzetteln. Laut einem Bericht der Weltgesundheitsorganisation (WHO) von 2022 sind nahezu zwei Drittel der Erwachsenen und jedes dritte Kind in Europa übergewichtig oder adipös, Tendenz steigend. Die WHO warnt eindringlich: «Übergewicht und Adipositas haben epidemische Ausmasse erreicht.» Fettleibigkeit ist ein Risikofaktor für zahlreiche Krankheiten wie Herz-Kreislauf-Probleme, Diabetes und Krebs.
Vor diesem Hintergrund wirkt die These Schlanksein als Einfluss von politischer Gesinnung auch gefährlich kurzsichtig: «Normalgewicht» (hängt vom genauen BMI ab) ist laut WHO mit viel geringeren Gesundheitsrisiken verbunden, ist also etwas Positives – wenn überhaupt, sollte das die Botschaft an junge Leute sein. Wer versucht, medizinische Fakten mit Ideologie zu verquirlen, entlarvt sich als moralischer Kanzelprediger: viel Gefühl, wenig Substanz. Dafür zu bezahlen, sollte jedem selbst überlassen bleiben.

