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Schnell, wild und sexy

Schnell, wild und sexy

Wie «Fast and Furious» vom Rennsportvergnügen zum Welterfolg werden konnte.

Der Kult um die Filmreihe ist schon so fest in Fleisch und Blut übergegangen, dass es in Los Angeles einen Notariatsdienst gibt, der sich danach nennt: Das Unternehmen «Fast and Furious Notary» befindet sich am Ventura Boulevard. Dort donnern die Filmhelden zwar selten durch; gar nicht weit entfernt davon, auf der anderen Seite der Hollywood Hills, befindet sich aber die heimelige Zentrale der «Fast ​& ​Furious»-Abenteurer: das Toretto-Haus. Hier lädt Dominic Toretto (Vin Diesel) im Automech-Dress zum Grillplausch für die famiglia, nachdem diese in unter vier Sekunden von null auf hundert Kopf und Kragen riskierte, um die Familienehre oder die Welt zu retten. Im Toretto-Universum ist das fast dasselbe. Deshalb geht «F&F» nicht nur an die Nieren, sondern auch ans Herz und macht Kasse.

Musste man gesehen haben: Paul Walker (1973–2013) als Brien O’ConnerVin Diesel als Dominic Toretto.

Diesel klingt in einer Filmreihe, die es ohne Verbrennungsmotor nicht gäbe, nach einer perfekten Pointe. 2001, also vor 22 ​Jahren, kam der erste Teil ins Kino. Zusammen mit dem neusten, dem elften, der aber «Fast ​X» heisst, setzte der Sequel-Reigen trotz teilweise vernichtender Kritiken weltweit sagenhafte 7,5 Milliarden Dollar um. Die Action wurde im Lauf der Zeit immer durchgedrehter und die Besetzung immer prominenter. Am Anfang wusste niemand, wer Vin Diesel war, heute hat er auf Instagram eine Gefolgschaft von etwas mehr als hundert Millionen Leuten. Das ist für jemanden, der sonst nicht gross in Erscheinung tritt, astronomisch. Die Leute lieben «F&F» und Diesel einfach. Dazu klingt dessen Nachname in einer Filmreihe, die es ohne Verbrennungsmotor nicht gäbe, nach einer perfekten Pointe.

Wie im richtigen Leben ist Diesel aber bloss einer von vielen Treibstoffen. «F&F» hat etwas Grossartiges geschafft, nämlich über fast alle Grenzen hinweg zu begeistern. Action ist die universelle Filmsprache, aber man muss es richtigmachen. Die «F&F»-Ingenieure aus Hollywood tüftelten stets herum, versuchten Neues. Am Anfang standen die blossen PS und kurze Röcke im Vordergrund: «The Fast ​& ​The Furious» (2001) richtete sich schnurgerade an Autofans. Er wurde zum Überraschungsgrosserfolg. In Teil zwei verzichtete man auf Vin Diesel, im dritten Teil war er wieder dabei und der Film globaler, aber zu nischig: Es ging fast nur noch um Rennsport: «Tokio Drift» (2006) schnitt finanziell bisher am schlechtesten ab. Der vierte Teil (2009) brachte die gesamte Originalbesetzung wieder zusammen und war deutlich beliebter.

 

Abdriften ins Mystische

«Fast Five» (2011) überschritt erstmals die 500-Millionen-Dollar-Grenze an den Kinokassen. Regisseur Justin Lin schlug damit einen neuen, goldenen Kurs ein. Statt um Autorennsport ging es jetzt viel mehr um eine klassische Räubergeschichte – und das vor der atemberaubenden Kulisse Rio De Janeiros. Dwayne «The Rock» Johnson, einer der beliebtesten Schauspieler, der nun auch noch dabei war, magnetisierte das Publikum zusätzlich. Seither reissen sich auch andere Stars wie die Oscar-Preisträgerinnen Helen Mirren, Charlize Theron und Brie Larson oder auch Jason Statham, Kurt Russel und Jason Momoa um eine Rolle im Actionspektakel. Beinahe ins Mystische driftete «F&F» im siebten Teil (2015) ab, als Paul Walker nicht auf dem Set, aber während der Dreharbeiten James-Dean-mässig in einem Porsche tödlich verunglückte. Mit Hilfe von Walkers Brüdern, die als Double einsprangen, Archivmaterial aus früheren Filmen und CGI hielt man Walker für seinen letzten Film auf der Leinwand bis zum Schluss am Leben. Das musste man gesehen haben. «F&F» erkannte die Zeichen der Vielfalt schon lange bevor Diversity zum inflationär verwendeten Begriff verkam, der heute mehr nach Befehl als nach Inspiration klingt. Der blauäugige Blonde, Paul Walker, war stets der coole Aussenseiter in einem Ensemble, zu dem Tyrese Gibson, Michelle Rodriguez, Ludacris, Jordana Brewster oder Sung Kang gehören oder gehörten.

 

Bösewicht beim Grillplausch

Die Wahl der Regisseure ist ebenso divers: Sie heissen Justin Lin, James Wan, John Singleton oder F. ​Gary Gray. Und das mit riesigem globalem Erfolg: Teil 8, der Multikulti-Film «The Fate ​& ​The Furious» (2017), brach auch in der Volksrepublik China Rekorde. «F&F» verbindet. Die Art und Weise, wie Figuren mit unterschiedlichsten Lebensläufen zusammenfinden, hat etwas Einmaliges. Denn in Dom Torettos famiglia stösst auch unliebsames Gesindel auf Gnade: Deckard Shaw (Jason Statham) zum Beispiel, eigentlich ein Bösewicht, der es auf Doms Team abgesehen hat, darf – weil die beiden einen gemeinsamen Gegner haben – auch zum Grillplausch.

«Fast ​X», der im Mai anlief, fuhr schon wieder fast 715 Millionen Dollar ein. Es gibt also doch noch etwas, auf das sich die Menschen in einer Gesellschaft, die sich immer stärker zu polarisieren scheint, seit über zwanzig Jahren einigen können: Es ist eine Filmreihe namens «Fast ​& ​Furious».

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