Vergangene Woche wurden wir Zeugen einer weiblichen Pionierleistung, die die Grenzen des Universums ein bisschen erweiterte. Journalisten weltweit waren komplett aus dem Häuschen und verfassten Schlagzeilen, die den Moment des Triumphs feierten: «Gayle King und die rein weibliche Crew von Blue Origin kehren nach historischem Raumflug zurück.» (CBS News). «Geschichte geschrieben: Katy Perry und Gayle King fliegen mit Blue Origin ins All.» (USA Today). «Katy Perry ist Teil der ersten rein weiblichen Astronautencrew seit 1963.» (BBC Sky). «Die Astronautinnen um Katy Perry und die Bezos-Verlobte Lauren Sánchez sind stolz und begeistert»; «Menschen auf der ganzen Welt an den Bildschirmen verfolgten die packenden Szenen live», schrieb die Bild-Zeitung und unterstrich damit die Entschlossenheit dieser aussergewöhnlichen Powerfrauen, die den Kosmos nicht nur eroberten, sondern ihn auf ganz neue Weise prägten. «All-female», rein weiblich, war das Schlagwort, das die Medien von Zürich bis Dallas am liebsten benutzten.
Illustration: Fernando Vicente
Tatsächlich war das ein Moment, der die Vorstellungskraft übertraf. Sicher, sie waren nicht die ersten Frauen im All, aber sie taten es auf eine Art und Weise, die uns nicht mehr loslassen wird: Erstmals nämlich wurde eine reine Frauengruppe (ganz wichtig: all-female) von einem schwerreichen Mann mit seiner Rakete ins All geschossen. Der Mann heisst Jeff Bezos, ist Gründer von Amazon, und darum war mit an Bord seine Verlobte Lauren Sánchez, ausserdem Popstar Katy Perry, die Moderatorin Gayle King, die Wissenschaftlerin Aisha Bowe, die Bürgerrechtsaktivistin Amanda Nguyen und die Unternehmerin Kerianne Flynn.
Jede durfte 1,4 Kilo Gepäck mit an Bord nehmen – reichlich kleinlich, wenn man es mit Easyjet vergleicht.
Bei den Entwürfen der schicken blauen all-female-Raumanzüge für den elfminütigen, weitgehend automatisieren Flug half das Luxuslabel Oscar de la Renta, das Sánchez zuvor eigens kontaktierte – wer will schon nicht fotogen sein, wenn er Geschichte schreibt? Jede durfte 1,4 Kilogramm Gepäck mit an Bord nehmen – meiner Meinung nach reichlich kleinlich, wenn man es mit den fünfzehn Kilo Handgepäck bei Easyjet vergleicht für einen 85-Franken-Flug und der 150.000-Dollar-Anzahlung, die normalerweise für einen solchen Trip ins All fällig wird —, angesichts der historischen Tragweite der Mission spielt es aber keine Rolle. (Am Rande ging es noch um die wichtige Frage, ob Silikonbrüste im All platzen könnten. Das wäre in der Tat unangenehm geworden für die 100.000 Dollar teuren Implantate, die Sánchez angeblich besitzt – aber Experten beruhigen: Moderne Brustimplantate können 4 g Beschleunigung problemlos standhalten.)
Und es war tatsächlich erstaunlich, was sich in diesen elf Minuten abspielte. Zuerst fand Katy Perry eine Formel dafür, die thermische Stabilität der Kapsel während des atmosphärischen Wiedereintritts zu optimieren; dann entdeckte sie dank dem Gänseblümchen, das sie mitnahm, eine bislang unbekannte Reaktion zwischen Pflanzenzellen und Mikrogravitation. Oprahs Freundin Gayle King, die Journalistin, entwickelte ein neuartiges Steuerprotokoll, das kleinste Kursabweichungen automatisch erkennt und korrigiert, wodurch künftig vermieden wird, dass die Kapsel in ungünstige Flugbahnen gerät oder bei der Rückkehr abstürzt. Die Bezos-Verlobte Lauren Sánchez schliesslich berechnete den Wiedereintrittswinkel der Kapsel unter Echtzeitbedingungen neu, ein entscheidender Beitrag zur Sicherheit des Fluges sowie aller anstehenden Raketenstarts.
Historisch. Ein Wahnsinn weiblicher Errungenschaft. Am Ende landete das all-female-Team unter dem galaktischen Applaus der Medien; die Würdigung dieser rein weiblichen Leistung durch sich gegenseitig überbietende Schlagzeilen ist mehr als verdient, wie ich finde. Diese Frauengruppe hat die Welt ein Stück vorwärtsgebracht.
Ah, nein, Moment. Eigentlich waren es sechs Touristinnen, die von einem Milliardär ins All geflogen wurden, dabei ein paar Selfies schossen und eine kleine Bachelorette-Party feierten. Eine sang noch ein paar Takte. Man hätte ebenso gut eine all-seeturtles-Gruppe, eine reine Seeschildkröten-Gruppe, auf einen Raumflug senden können – die Schlagzeilen wären genau gleich ausgefallen. «Historischer Moment: Erste Schildkröten-Crew schreibt Geschichte im All.» Nur hätten wir dann keine Selfies bestaunen können.
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