Damit eine Tierart eine Zukunft hat, muss sie sich erfolgreich fortpflanzen. Deshalb galt lange das Dogma, sexuelles Verhalten, das nicht diesem Zweck diene, sei bei Tieren höchstens eine gelegentliche Marotte. 1999 überraschte der amerikanische Biologe Bruce Bagemihl die Fachwelt mit dem Nachweis, dass Homosexualität in der wissenschaftlichen Literatur für 471 Tierarten, darunter 167 Säugetiere, 132 Vögel und 125 Insekten, dokumentiert war. Trotz der Evidenz wurde solch animalische Sexualität von der Fachwelt oft nicht ernst genommen, denn was nicht der Fortpflanzung diente, hatte biologisch wohl keinen Sinn. Für Bagemihl war das von der Norm abweichende Verhalten indes Teil einer umfassenderen Sexualität, Ausdruck von Vitalität und natürlicher Üppigkeit.
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Männliche Dreifaltigkeit
Geht es allerdings um Fortpflanzung, braucht es Männchen und Weibchen mit klar definierten Geschlechterrollen. Aber auch bei dieser scheinbar unumgänglichen biologischen Notwendigkeit finden sich erstaunliche Ausnahmen. Beim Clownfisch leben mehrere Männchen mit einem Weibchen zusammen. Stirbt das Weibchen, wandelt sich das grösste Männchen zum neuen Weibchen. Noch bizarrer variiert der Kampfläufer die Männlichkeit. Der Schnepfenvogel brütet in den küstennahen Tiefländern Nordeuropas sowie in Feuchtwiesen und Mooren bis zu den Tundren Ostsibiriens. Als Zugvogel überwintert er vorwiegend in Afrika südlich der Sahara und im Süden Asiens.
Was sich die Natur für die Paarung hat einfallen lassen, ist einzigartig. Die Männchen verteidigen als Balzarena eine lediglich quadratmetergrosse Schlammfläche. Dort präsentieren sie sich den wartenden Weibchen, die dann das passende Männchen wählen. Jene verfügen über drei Paarungsstrategien, die sich sowohl im Aussehen des Gefieders, in der Körpergrösse als auch im Verhalten stark unterscheiden. Mit 84 Prozent am häufigsten ist das «residente Männchen» mit einem schwarzen Kragen. Wie ein Macho geht es aggressiv gegen alle anderen Männchen vor, die ebenfalls einen dunklen Kragen tragen.
Mit 16 Prozent einen kleineren Anteil am Balzgeschehen haben die «Satelliten-Männchen». Sie sind etwas kleiner als die Residenten und tragen einen weissen Kragen. Sie verteidigen keine eigene Arena und halten sich am Rand der Arenen der Residenten auf. So können sie sich ab und zu eine Paarung ergattern. Trotz der vermeintlichen Konkurrenz werden die Satelliten von den Residenten geduldet, weil sich bei der Anwesenheit eines Satelliten die Weibchen auch häufiger mit den Residenten paaren. Der Hellkrager wird sogar vom Schwarzkrager mit einem speziellen Ritual in die Arena eingeladen.
Eine dritte Strategie wurde durch einen Vogelberinger in Friesland entdeckt. Er sah, dass die Flügellänge der Weibchen in seltenen Fällen grösser als sonst bei Weibchen, aber deutlich kleiner als bei den Männchen ist. Der genetische Test brachte es dann ans Licht: Die vermeintlichen Weibchen waren Männchen und bekamen die friesische Bezeichnung «Faeder». Indem sie vortäuschen, Weibchen zu sein, werden sie von den aggressiven Residenten nicht vertrieben und können sich so Paarungen erschleichen. Während sich Resident und Satellit vom schlichten Jugendkleid ins schrille Brutkleid mausern, behaltet der Faeder auch zur Paarungszeit sein unscheinbares Federkleid.
Das unterschiedliche Aussehen und Verhalten der drei Männchentypen ist durch genetische Umstrukturierungen und Mutationen auf einem bestimmten Chromosom während Jahrmillionen entstanden. Ein spezielles Enzym baut zudem je nach Männchentyp das Testosteron im Blut unterschiedlich ab. In grossen Mengen macht es Satelliten und Faeder zu friedfertigen Gesellen; sein gänzliches Fehlen macht den Residenten indes zur testosterongeladenen Kampfmaschine.
Herbert Cerutti ist Autor und Tierexperte.

