Alison Bechdel: The Essential.
Cartoonmuseum Basel. Bis 26. Oktober
Alison Bechdel: Fun Home.
Eine Familie von Gezeichneten. Kiepenheuer & Witsch. 240 S., Fr. 41.90
Alison Bechdel:Das Geheimnis meiner Superkraft. Kiepenheuer & Witsch. 240 S., Fr. 34.90
Was für ein Dokument: Zur Ausstellung der amerikanischen Comic-Künstlerin Alison Bechdel im Cartoonmuseum Basel gehört ein etwa achtzigminütiger Mitschnitt einer Diskussion mit ihr an der Yale University aus dem Jahr 2024, in der es um das ging, was Bechdels Leben und ihre Arbeit prägt: das Abweichende von der heteronormativen Gesellschaft, das Queere. Dem Dokument kommt fast Seltenheitswert zu, weil nur ein Jahr später derartige Diskussionen an US-Universitäten kaum mehr möglich sind. Allein aus diesem Grund verdient das Œuvre der Amerikanerin eine gesteigerte Aufmerksamkeit.
Derek Li Wan Po
Emotionales Familienporträt
1983 begann sie in der Underground-Szene als Karikaturistin in Womanews, einem feministischen New Yorker Magazin, mit der Bildergeschichte «Dykes To Watch Out For», in der sie, sich autobiografisch mit einbeziehend, die Welt der Lesbierinnen (Dykes) schildert. Es war die Zeit, in der Art Spiegelmans «Maus» und Alan Moores «Watchmen» erschienen und der Begriff «Graphic Novel» Mode wurde, um die Comics endlich aus ihrem kulturellen Souterrain-Dasein zu befreien. Moore sah mit Recht darin eine «pompöse Marketingsprache», mehr nicht. Bechdels Aussenseiter-Strip wurde populär und galt fortan in der Darstellung weiblicher Homosexualität als Meilenstein einer Szene, die bisher von Männern dominiert wurde. Sie ging weiter, war schonungsloser und machte ihre schwierige Familie, ihr gestörtes Verhältnis zu Vater und Mutter, konsequent zum Thema. 1960 in Pennsylvania geboren, wuchs sie mit zwei Brüdern in einer ziemlich schrägen Familie auf. Die Eltern waren Lehrer, die Grosseltern hatten ein Bestattungsunternehmen, in dem der Vater häufig aushelfen musste, was zu manch kurioser Situation führte. Seine sexuelle Neigung zu Männern führte zu heftigen Querelen in der Familie. 1980, kurz vor der Scheidung, verunglückte der Vater tödlich, wobei für Alison unklar blieb, ob es nicht auch ein Suizid gewesen sein könnte. Die Fassade des bildungsbürgerlichen Mittelständlers hielt der bisexuelle Vater unerschütterlich aufrecht, auch wenn er einmal deswegen mit der Polizei zu tun bekam. «Fun Home. Eine Familie von Gezeichneten» (2006), in Schwarzweiss, realistisch und zugleich karikierend, wurde ein brillantes, emotionales Familienporträt aus der Perspektive der Tochter mit ihrer eigenen homosexuellen Neigung und ihrem ungelösten Verhältnis zum Vater. Bechdel ging entwaffnend mit sich, ihren Wünschen, Träumen und Ängsten um; mal war der Vater liebenswert, mal verschlossen. Gepaart mit Selbstironie, wurde «Fun Home» ein Welterfolg und sogar als Musical adaptiert. In «Wer ist hier die Mutter? Ein Comic-Drama» (2012) spürte Bechdel der gestörten Mutter-Tochter-Beziehung mit Ausflügen in Literatur und Psychologie nach. Sie rechnet nicht mit ihr ab, sondern macht eine höchst vergnügliche Lektüre daraus, die sie mit «Das Geheimnis meiner Superkraft» (2021) zum souveränen Entertainment mit Bildungswitz steigerte. Damit war Bechdel im Mainstream angelangt, arbeitete erstmals mit Farbe, die wie eine «Befreiung» wirkt; als habe sie den Konflikt mit den Eltern überwunden und zu einer heiteren Distanz zu sich und der Familie gefunden. Ihr feiner Spott über Zeitgeistmoden, vom Selbstoptimierungswahn bis zur Transzendenzsuche, erinnert an die Arbeiten von Claire Bretécher («Die Frustrierten»). Zugleich ist «Das Geheimnis meiner Superkraft» eine amüsante philosophische Auseinandersetzung mit dem, was man will und wollen soll. Es ist die Leichtigkeit des Seins, geführt von einer zarten Feder und mit dezenten Farben, die Bechdel zum Strahlen bringt. Die Basler Ausstellung bietet neben Passagen aus den erwähnten Bänden nie gesehene Skizzen-Aufzeichnungen aus ganz frühen Jahren, an denen sich verfolgen lässt, wie Bechdel sich an die «Andersartigkeit» herantastete, während sie in ihrem jüngsten Opus «Spent», in satten Farben, aber unverdrossen selbstreferenziell, immer noch zwischen Panik und Unsicherheit unterwegs ist und dennoch erstaunlich zufrieden wirkt – trotz drohender Umweltkatastrophen und «patriarchalem Todeskult». Was natürlich nichts heisst bei einer Künstlerin wie Alison Bechdel, die in einem Land lebt, das die Homo-Ehe wieder rückgängig machen möchte.

