Im Januar, nachmittags um Viertel nach drei liegt Rhäzüns bereits im Schatten. Die Strassen sind verlassen, der Wind weht eisig, die Häuser mit ihren rauchenden Kaminen stehen da wie Trutzburgen. An der Eingangstüre des Bahnhofshäuschens hängt ein Schild mit der Aufschrift: «Wegen Vandalismus geschlossen». Zweieinhalb Jahre ist es her, dass Marianne Tschus an einem heissen Julitag in einen Abgrund geblickt hatte. Es war der Tag, an dem sie erfuhr, dass ihre fünfjährige Tochter Selina von zwei Buben aus dem Dorf vergewaltigt worden war.
Der absonderliche Fall beschäftigte damals die Schweiz. Im Dorf kursierten Gerüchte über die Untat. Schon seit fünf Wochen wussten Mütter, V� ...