Studien, Zahlen, Hokuspokus
Suchbegriff

Die Weltwoche bietet tägliche Analysen, exklusive Berichte und kritische Kommentare zu Politik, Wirtschaft und Kultur.

Konto Anmelden
Abonnemente
Jedes Abo eine Liebeserklärung an die Meinungsvielfalt.
AboDigital
Für alle, die Online lesen wollen
Alle Artikel online lesen
E-Paper inklusive
App (iOS & Android)
AboPrint & Digital
Printausgabe & digital jederzeit dabei
Wöchentliche Printausgabe
Alle Artikel online lesen
E-Paper inklusive
App (iOS & Android)
Sind Sie noch nicht überzeugt? Details zu den Abos
Die Weltwoche

Studien, Zahlen, Hokuspokus

Tamara Wernli

Studien, Zahlen, Hokuspokus

Von magischen Forschungsergebnissen und bröckelndem Vertrauen.

Neulich war ich mit Freundinnen zum Abendessen in einem traditionsreichen Zürcher Lokal. In einem Moment brach unkontrolliertes Gelächter aus uns heraus und sorgte für Nackendrehungen am Nachbartisch. Der Auslöser war die Phrase: «Das zeigt eine Studie.» Wir sprachen über das Putzen, wobei eine von uns eine leicht obsessive Neigung hat – und ich fragte, ob sie wisse, dass Menschen mit einem Hang zu extremer Ordnung zu Rassismus neigten, das zeige eine Studie. Wir glucksten laut. «Das zeigt eine Studie!» – so köstlich wie das Wiener Schnitzel. Vielleicht sollte man seine Wohnung also nicht zu akkurat aufräumen – man weiss ja nie, ob irgendwo ein Forscher lauert.

CHRISTOPHE GATEAU / KEYSTONE
ACHTUNG: SPERRFRIST 1
CHRISTOPHE GATEAU / KEYSTONE

Tiefgreifende Studienergebnisse mit Weltveränderungspotenzial zeigen auch, dass Käseliebhaber einen höheren IQ haben, Katzenbesitzer klüger sind als Hundebesitzer (mein Gos d’Atura widerspricht lautstark). Ebenso, dass mehr finanzielle Mittel für Bildung zu besseren Leistungen von Schülern führen, während andere Studien zeigen, dass mehr finanzielle Mittel nicht unbedingt die Bildungsqualität von Schülern verbessern. Studien haben herausgefunden, dass gewalthaltige Videospiele zu aggressivem Verhalten führen können, andere Studien stellen keinen Zusammenhang zwischen gewalthaltigen Videospielen und aggressivem Verhalten fest. Weiter brachte Forschung ans Licht, dass politische Massnahmen zur Förderung von Gendersprache positive Auswirkungen auf die Einstellungen der Gesellschaft haben. In sämtlichen Umfragen der letzten 100 000 Jahre lehnt zwar eine überwältigende Mehrheit das Gendern ab. Aber letztlich beweist das ja nur, dass gut 80 Prozent von uns unsensible und respektlose Zeitgenossen mit den «falschen» Einstellungen sind.

Ich mag Wissenschaftler, vor allem wenn sie graue Schläfen haben und Nickelbrille tragen – so wie Gil Grissom in «CSI: Las Vegas». Unheimlich sexy, der Typ. Ich attestiere ihnen eine aufgeräumte Klugheit; Beweise sind nun mal Beweise, und viele Studien stammen ja von seriösen universitären Einrichtungen, wo zwar bei so manchen eine politische Schlagseite oder aktivistische Unterwanderung unübersehbar ist. Aber hey, solange ihre Studien das eigene Weltbild bestätigen, sind sie selbstverständlich vertrauenswürdig. Besonders wenn sie sich entlang der moralisch richtigen Linie bewegen, kann man sie uneingeschränkt glauben – egal, ob sie von Parteien oder Organisationen mit einer bestimmten Agenda in Auftrag gegeben wurden.

Solange Studien das eigene Weltbild bestätigen, sind sie selbstverständlich vertrauenswürdig.

Es scheint auch unerheblich, wenn Studien einander widersprechen. Oder Forscher manchmal dazu neigen, ihre Methoden oder Interpretationen anzupassen, um den Erwartungen der Studie oder des Auftraggebers gerecht zu werden. Vielleicht geschieht dies durch subtile Hinweise in den Fragen oder die gezielte Auswahl bestimmter Aspekte, um die Studienteilnehmer zu beeinflussen. Was wiederum dazu führen kann, dass Teilnehmer nicht das vollständige Bild erhalten und die Ergebnisse verzerrt und nicht repräsentativ sind, die Wissenschaft gelegentlich zur PR-Abteilung der Politik oder einer populären Bewegung wird – und bedeutende Medien die Studien dennoch unkritisch verbreiten. Und wer das alles kritisiert, ist sowieso ein Verschwörungstheoretiker.

Bleiben wir also dabei: Auf Studien kann man sich hervorragend in politischen Debatten berufen, um die eigene Position durch die selektive Auswahl von Informationen zu stärken oder die Glaubwürdigkeit Andersdenkender zu schwächen. Sie dienen Journalisten dazu, Leser in bestimmte Denkbahnen zu lenken, und Politikern, um mehr Regulierungen und Verbote durchzusetzen oder Steuergelder für ihre Anliegen einzustreichen.

Natürlich gäbe es ohne die Forschung keinen Fortschritt, auch das ist erforscht. Vielleicht ist «das zeigt eine Studie» trotzdem vergleichbar mit «das sagt der Doktor»: ein Versprechen von wissenschaftlicher Klarheit, aber oft so nützlich wie die magische Arznei, die viel beschwört, aber am Ende einen bitteren Geschmack im Mund hinterlässt und die Erkenntnis, dass es vielleicht nur heisse Luft war. Aber wie ich immer sage: Das ist nur meine Meinung, ich kann auch falschliegen – und alle anderen könnten im Recht sein.

Übrigens zeigen Studien, dass eine kontroverse Aussage, wenn sie dem Gegenüber eine alternative Sichtweise zugesteht, besser verstanden und weniger provokativ aufgenommen wird.

Folgen Sie unserer Autorin bei Youtube@LadyTamara

Abonnement
1. Start
2. Ihre Angaben
3. Zahlungsart
4. Abo prüfen
1. Start
2. Ihre Angaben
3. Zahlungsart
4. Abo prüfen
1. Start
2. Ihre Angaben
3. Zahlungsart
4. Abo prüfen
1. Start
2. Ihre Angaben
3. Zahlungsart
4. Abo prüfen
1. Start
2. Ihre Angaben
3. Abo prüfen
Startdatum: 01.04.2026
Mit der Bestellung akzeptieren Sie unsere AGBs.
Ihre Angaben
  • Dieses Feld dient zur Validierung und sollte nicht verändert werden.
  • Dieses Feld wird bei der Anzeige des Formulars ausgeblendet
  • Dieses Feld wird bei der Anzeige des Formulars ausgeblendet
    (Newsletter kann jederzeit wieder abbestellt werden)

Netiquette

Die Kommentare auf weltwoche.ch/weltwoche.de sollen den offenen Meinungsaustausch unter den Lesern ermöglichen. Es ist uns ein wichtiges Anliegen, dass in allen Kommentarspalten fair und sachlich debattiert wird.

Das Nutzen der Kommentarfunktion bedeutet ein Einverständnis mit unseren Richtlinien.

Scharfe, sachbezogene Kritik am Inhalt des Artikels, an Protagonisten des Zeitgeschehens oder an Beiträgen anderer Forumsteilnehmer ist erwünscht, solange sie höflich vorgetragen wird. Wählen Sie im Zweifelsfall den subtileren Ausdruck.

Unzulässig sind:

  • Antisemitismus / Rassismus
  • Aufrufe zur Gewalt / Billigung von Gewalt
  • Begriffe unter der Gürtellinie/Fäkalsprache
  • Beleidigung anderer Forumsteilnehmer / verächtliche Abänderungen von deren Namen
  • Vergleiche demokratischer Politiker/Institutionen/Personen mit dem Nationalsozialismus
  • Justiziable Unterstellungen/Unwahrheiten
  • Kommentare oder ganze Abschnitte nur in Grossbuchstaben
  • Kommentare, die nichts mit dem Thema des Artikels zu tun haben
  • Kommentarserien (zwei oder mehrere Kommentare hintereinander um die Zeichenbeschränkung zu umgehen)
  • Kommentare, die kommerzieller Natur sind
  • Kommentare mit vielen Sonderzeichen oder solche, die in Rechtschreibung und Interpunktion mangelhaft sind
  • Kommentare, die mehr als einen externen Link enthalten
  • Kommentare, die einen Link zu dubiosen Seiten enthalten
  • Kommentare, die nur einen Link enthalten ohne beschreibenden Kontext dazu
  • Kommentare, die nicht auf Deutsch sind. Die Forumssprache ist Deutsch.

Als Medium, das der freien Meinungsäusserung verpflichtet ist, handhabt die Weltwoche Verlags AG die Veröffentlichung von Kommentaren liberal. Die Prüfer sind bemüht, die Beurteilung mit Augenmass und gesundem Menschenverstand vorzunehmen.

Die Online-Redaktion behält sich vor, Kommentare nach eigenem Gutdünken und ohne Angabe von Gründen nicht freizugeben. Wir bitten Sie zu beachten, dass Kommentarprüfung keine exakte Wissenschaft ist und es auch zu Fehlentscheidungen kommen kann. Es besteht jedoch grundsätzlich kein Recht darauf, dass ein Kommentar veröffentlich wird. Über einzelne nicht-veröffentlichte Kommentare kann keine Korrespondenz geführt werden. Weiter behält sich die Redaktion das Recht vor, Kürzungen vorzunehmen.