Daumenklein sind die Mitglieder einer Froschfamilie, die sich bei den Mitbewohnern im tropischen Regenwald grössten Respekt verschafft haben. Die Pfeilgiftfrösche gehören zu den giftigsten Tieren überhaupt – beim Phyllobates terribilis, dem Schrecklichen Giftfrosch, genügen bereits hundert seiner insgesamt 1900 Mikrogramm Batrachotoxin, um einen Menschen ins Jenseits zu befördern.
Credit: rod williams / Alamy Stock Photo
Die Begegnung mit dem Giftzwerg ist allerdings meist harmlos, denn der Frosch trägt das giftige Sekret als passive Waffe auf der Haut. Man müsste deshalb mit einer offenen Wunde das Tier berühren, um den gefährlichen Stoff in die Blutbahn zu bekommen.
Biologischer Jagdgehilfe
Die Choco-Indianer im Urwald von Kolumbien nutzen das Gift, um mit dem Blasrohr Vögel und Affen aus den Wipfeln zu holen; daher hat die Froschfamilie ihren Namen. Der Jäger streicht mit der Pfeilspitze über den Rücken der goldglänzenden Amphibie. Dies liefert bereits genügend Gift für eine tödliche Muskel- und Atemlähmung der Beute. Da auch die Indianer kein Gegengift gegen das Batrachotoxin kennen, gehen sie mit der gefährlichen Ware sehr vorsichtig um.
Der gelbe Jagdgehilfe der Indianer ist nur eine von 135 Arten von Pfeilgiftfröschen, deren Lebensraum sich im südlichen und zentralen Amerika von Brasilien bis nach Nicaragua erstreckt. Stark giftig ist nur knapp die Hälfte der Arten. Alle tragen aber ein äusserst auffälliges Kleid in den prächtigsten Neonfarben. So brilliert das Erdbeerfröschchen mit einer leuchtend roten Haut mit schwarzen Punkten. Der Blaue Pfeilgiftfrosch schimmert wie eine Lagune im Sonnenlicht.
Die Ästhetik ist nicht Selbstzweck, sondern eine im Dämmerlicht des Regenwaldes nicht zu übersehende Warnung: Wer mich frisst, muss mit dem Schlimmsten rechnen. Ein noch unerfahrener Fressfeind hat insofern eine Chance, als das Gift Zunge und Maul ätzt und ein rasches Ausspucken ihn allenfalls vor der fatalen Vergiftung schützt. Wer jedoch das Fröschchen gierig verschlingt, hat nichts mehr zu lernen.
Die Biochemiker interessierten sich schon früh für diese potente Abwehr. Jede Pfeilgiftfrosch-Art sondert mit den Hautdrüsen einen spezifischen Giftcocktail ab. Als Giftstoffe hat man mittlerweile 300 verschiedene Alkaloide identifiziert. Es sind organische Verbindungen, ähnlich wie Kokain, Koffein, Nikotin oder Curare, die von manchen Pflanzen zum Schutz vor dem Gefressenwerden synthetisiert werden und dem naschenden Tier buchstäblich auf die Nerven gehen. Massvoll konsumiert, kann die stimulierende Wirkung mancher Alkaloide jedoch angenehm sein, was sich der Mensch bald einmal zunutze machte.
Medizinisch interessant
Die Pfeilgiftfrösche stellen ihre Alkaloide allerdings nicht selber her. Vielmehr holen sie sich das Gift bei Insekten und geben es über Giftdrüsen an die Haut ab. Hält man Pfeilgiftfrösche fern ihrer Urwaldkost im Terrarium, werden sie mit der Zeit immer weniger giftig. Der in Gefangenschaft geborene Nachwuchs schliesslich ist ungiftig.
Einige der Froschgifte haben das Interesse der Pharmakologen gefunden, etwa die auf die Herztätigkeit wirkenden Toxine des Erdbeerfröschchens oder das Gift eines ecuadorianischen Pfeilgiftfroschs, das eine 200-mal schmerzstillendere Wirkung als Morphin hat.
Mit ihren Hautgiften wehren sich die Frösche nicht nur gegen die mächtigen Fressfeinde, sondern ebenfalls gegen Pilze und Bakterien, die eine ungeschützte feuchte Haut rasch befallen. Mit einer Fusspilzsalbe auf der Basis solcher Gifte hat die Pharmakologie auch hier die Natur imitiert.
Herbert Cerutti ist Autor und Tierexperte.

