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Die Weltwoche

Trend zur Faulheit

Tamara Wernli

Trend zur Faulheit

Willkommen im 2024, wo Bequemlichkeit und Unmotiviertsein gefeiert werden.

Ich darf Ihnen wieder mal eine neue Lebensweisheit vorstellen, und natürlich ist Tiktok die Quelle: hurkle-durkle. «Hurkle-durkling. Sollten wir alle es tun?», fragt die Huffington Post. «Wie lange ist zu lange im Bett bleiben?», titelt die New York Times. Zuerst stiess ich bei The Free Press darauf. Autorin Suzy Weiss hält mit Kritik nicht zurück: «Hurkle-durkle ist der neue Weg, uns selbst zu Tode zu pflegen. Dank des Internets gibt es schicke Bezeichnungen für altmodische Faulheit.» Eine gelungene Umschreibung. Hier wird nämlich zu Faulheit ermuntert – unter dem hippen Mäntelchen der Selbstfürsorge. Hätten unsere Vorfahren vor hundert Jahren geahnt, dass es 2024 Anleitungsvideos dazu gibt, wie man sich beim Weckerläuten dem Aufstehen widersetzt, sich einen faulen Tag im Bett gönnt und das Ganze mit «Selbstliebe» verknüpft, sie hätten sich wohl totgelacht. Nichtsdestotrotz: Diese Videos erreichen Millionen von begeisterten jungen Menschen.

CHRISTOF SCHUERPF / KEYSTONE
[ Symbolic Image, Posed Picture, ] - Girl lying in a bed, hiding her face
CHRISTOF SCHUERPF / KEYSTONE

Laut den Videos stammt der Begriff hurkle-durkle aus dem Schottischen und beschreibt, wenn man länger im Bett bleibt, als man sollte, ohne zu schlafen, um sich einfach nur zu entspannen, und das ohne schlechtes Gewissen. Meist sind es junge Frauen, die in grossen, stylischen Betten posieren – bei Tageslicht. Kerzen brennen, die Schlafzimmer sind eingerichtet wie in Schöner Wohnen. Im Video «Wie man wie ein Profi in der Bettruhe verharrt» erklärt die Kreatorin, wie man das genau macht – «ohne sich dabei schlecht zu fühlen». Der Schlüssel dazu sei, zuerst aufzustehen und sich fertigzumachen; dazu cremt sie ihr Gesicht ausgiebig vor dem Spiegel ein, dann schlüpft sie wieder unter die Decke, trinkt Wasser und flötet: «Fröhliches Faulenzen im Bett!» Andere räkeln sich in der Horizontalen mit Buch und Grüntee. Ein luxuriöses Vergnügen. Bequemlichkeit muss man sich leisten können.

Es geht uns gut. Unser Wohlstand lässt viel Raum für schwelgerisches Nichtstun.

Dass Menschen Kuschelambiente der Disziplin vorziehen, ist verständlich. Ich habe absolut nichts gegen das Nichtstun. Im Gegenteil, ich praktiziere es von Zeit zu Zeit selbst. Ist die Arbeit erledigt, ist Unproduktivität oft meine beste Regeneration. Natürlich kann das gelegentliche Zulassen von Entspannung im Bett im Alltagsstress das körperlich-geistige Wohlbefinden fördern. Aber wir vergessen gern: Den Stress machen wir uns ja oft selbst, nur realisieren wir das gar nicht. Niemand zwingt uns, ununterbrochen produktiv zu sein. Keiner fordert, dass wir permanent Leute treffen, überall und immer dabei sind. Oder dass wir sechsmal im Jahr irgendwohin reisen, uns dann mit der ganzen Organisation herumschlagen (und danach mit der Postproduktion der Bilder, um das perfekte Leben auf Instagram zu präsentieren). Niemand drängt uns, unablässig News-Meldungen aufzusaugen.

Bemerkenswert an dem Trend ist das offene Zelebrieren der Faulheit. Woher kommt die Abneigung gegen Disziplin? Meine These könnte mich auf direktem Weg in Teufels Küche bringen: Es geht uns gut. Unser Wohlstand lässt viel Raum für schwelgerisches Nichtstun. Man lebt in seiner Selbstfürsorge-Bubble, die auf den ersten Blick verlockend wirkt, aber letztlich auch kontraproduktiv sein kann. Denn vor lauter Komfort kommt das Tun häufig zu kurz. Indem man sich dem hurkle-durkle-Trend hingibt, vergeudet man wertvolle Zeit und lenkt sich von seinen Aufgaben ab. Manchmal jedoch ist es besser, in den sauren Apfel zu beissen und selbstdiszipliniert auch Unwillkommenes anzupacken. Menschen brauchen Herausforderungen; Dinge überwinden und anreissen – das bewirkt Energie. Hurkle-durkle geht genau den entgegengesetzten Weg. Sich vor Anstrengung abzuschotten, macht es nicht besser, es führt fast immer zu Unzufriedenheit im Leben.

Die Zurschaustellung von übermässigem Verweilen im Bett kann zudem die Vorstellung fördern, dass Bequemlichkeit und Faulheit akzeptabel oder sogar wünschenswert sind. Man simuliert auf eine gewisse Art die Merkmale einer Depression, zu denen Antriebslosigkeit, die Unfähigkeit, aus dem Bett herauszukommen, oder das Sich-Verstecken vor der Welt zählen. Ob dieser Trend förderlich ist, besonders bei der Generation Z, die stärker als jede andere Generation unter psychischen Krankheiten leidet, ist fraglich. Wer hätte gedacht, dass Faulheit eine solche Aufwertung erleben würde.

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