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Die Weltwoche

Trump ante portas

Als der entthronte Kaiser Napoleon 1815 nach kurzem Exil auf der Insel Elba im Süden Frankreichs mit ein paar Getreuen an Land ging, meldeten die Pariser Tageszeitungen die Rückkehr des «Monsters». Die «Bestie» habe die französische Küste erreicht, der «Oger» mache sich auf den Weg in die Hauptstadt.

Copyright 2024 The Associated Press. All rights reserved
FILE - Republican presidential candidate former President Donald Trump speaks at a campaign rally, July 20, 2024, in Grand Rapids, Mich
Copyright 2024 The Associated Press. All rights reserved

Je näher Napoleon rückte und je mehr Franzosen wieder seinem Charisma erlagen, desto auffälliger änderte sich der Tonfall der Gazetten. Kurz vor dem triumphalen Einzug ins imperiale Zentrum seiner plötzlich wiedererrichteten Macht jubelten ihm die gleichen Journalisten zu, die ihn nur wenige Wochen davor verteufelt hatten.

«Vive l’Empereur!»

Ähnlich scheint es sich nun mit der Wiedergeburt des amerikanischen Ex-Präsidenten Donald Trump vom absoluten Paria zur Gestalt eines Märtyrers zu verhalten. Nach dem Attentat von Butler ereignen sich in unseren Medien merkwürdige Verwandlungen. Haben wir es auch hier, wie bei Napoleon, mit einer dramatischen Ent-Monsterung zu tun?

Aus dem Staunen kommt man kaum heraus. Als Trump 2016 gewählt wurde, titelte die Neue Zürcher Zeitung keck: «Der falsche Präsident». Nach dem Sturm auf das Kapitol vom Januar 2021 zogen die Kollegen Vergleiche mit Mussolinis Marsch auf Rom. Trump, das war der Verbreiter der «grossen Lüge» vom angeblichen Wahlbetrug, Polit-Giftklasse 1.

Nun erleben wir die Auferstehung eines neuen Medienhelden, wie aus dem Drehbuch von Hollywood. Die NZZ widmet sich auf einmal seitenlang diesem «verkannten Genie der Politik». Aus dem geschmähten Oberhirten des Populismus, dem Totengräber der Nato und der Demokratie scheint noch ein säkularer Heiliger zu werden.

Die Monster von heute können über Nacht zu Helden mutieren – und umgekehrt.

Es gibt nichts Neues unter der Sonne. Die gleichen Chefredaktoren, die kübelweise Tinte vergossen haben, um die Welt vor Trump zu warnen, ihn zu einer real existierenden Gefahr für Frieden und Freiheit («der Tyrann») erklärten, sie geisseln nun in einer rabiaten Schubumkehr die «Demagogen der Mitte», die sie bis vor kurzem selber waren.

Zweierlei Trump: Aber welcher ist der richtige? Der grossmäulige Polit-Rabauke, der seine Rivalin Hillary Clinton hinter Gitter bringen wollte und sich als Opfer einer Hexenjagd von «Faschisten» sieht? Oder ist es der mild dreinblickende Grossvater mit dem Verband am Ohr, der sanftstimmig verspricht, das zerklüftete Land zu einen?

Möglicherweise entkräften sich beide Versionen gerade etwas gegenseitig. Trump war wohl nie so schrecklich und schlimm, wie ihn seine Kritiker aus dem Stegreif pinselten. Handkehrum dürfte auch die Erkenntnis stark übertrieben sein, die Schüsse seines Attentäters hätten Trump zum Märtyrer, zur säkularen Heilsfigur geläutert.

Was die Berichte aber zweifellos beweisen: Die Welt da draussen ist ein Rorschachtest der Medien, eine Grossleinwand der Projektionen, das Resultat weniger einer nüchternen Erkundung dessen, was ist, als vielmehr ein Fabrikat der Einbildungskraft von Journalisten. Die Wirklichkeit, das zeigt das Beispiel Trump, ist eine Medien-Fiktion.

Als Zuschauer lernen wir: Glaube nichts, bezweifle alles. Die Monster von heute können über Nacht zu Helden mutieren – und umgekehrt. Wie war das doch gleich mit Trumps Nachfolger Joe Biden? Wie eine griechische Hoplitenphalanx standen unsere Journalisten hinter dem fragilen Präsidenten. Dann, urplötzlich, liessen sie ihn fallen.

Und noch eine Regel gilt es zu beachten, um im Gestrüpp der Meinungen die Übersicht zu wahren: Je schriller, je giftiger – oder jubelnder –, je emotionaler jedenfalls der Ton, desto härter erfolgt irgendwann der Aufprall auf die Wirklichkeit. Auch die Konjunktur der Kommentare kennt den «irrationalen Überschwang». Recht oft sogar kommt er vor.

Der Mensch ist ein flexibles Lebewesen, Weltmeister der Anpassung, faszinierendes Chamäleon der Evolution. Am heftigsten liebt er sich selbst, und seine flüchtigen Eingebungen kommen ihm wie unumstössliche Wahrheiten vor. So schafft er sich die Welt nach seinem Abbild immer wieder neu, allmächtiger Gott im Reich der Fantasie.

So gesehen, haben wir dieser Tage tatsächlich eine biblisch anmutende Transformation erlebt, ein kollektives Damaskus-Erlebnis der Kollegen. Mit den Schüssen von Butler zerstoben ihre Fiktionen.

Der Nebel lichtet sich. Und wir sind zuversichtlich, dass nun etwas Nüchternheit einzieht. Bis zum nächsten «Oger», den es zu erlegen gilt.

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