Verhandeln ist besser als töten
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Die Weltwoche

Verhandeln ist besser als töten

Verhandeln ist besser als töten

Vorsicht bei Leuten mit Theorien,
die alles erklären.

Mark Bowden

 

Ich melde mich zurück aus Südostasien. Meine Vietnamferien wurden zur ungeplanten Expedition in die Geschichte dieses von so vielen Kriegen heimgesuchten Landes. Einiges habe ich bereits zu Sendungen und Artikeln verarbeitet. Doch die wichtigste Erkenntnis kann nicht deutlich genug herausgestrichen werden:

EPA/DMITRY ASTAKHOV / SPUTNIK / GOVERNMENT PRESS SERVICE POOL MANDATORY CREDIT; KEYSTONE/Str
Verstehe deinen Feind: Ho Chi Minh, Putin.
EPA/DMITRY ASTAKHOV / SPUTNIK / GOVERNMENT PRESS SERVICE POOL MANDATORY CREDIT; KEYSTONE/Str

Man hüte sich vor Menschen, die alles zu wissen glauben und die für alles eine Erklärung, eine Theorie parat haben. Genau dies scheint den Amerikanern in Vietnam passiert zu sein. Sie waren besessen davon, diesen Konflikt in die Schubladen des Kalten Kriegs hineinzupressen – hier die freie Welt, dort die kommunistische Despotie.

Das war zwar nicht ganz falsch, aber es traf eben bloss einen Teil der Wirklichkeit. Die Vietnamesen kämpften nicht für den Kommunismus. Sie kämpften vor allem für die Freiheit, für die Einheit und für die Unabhängigkeit ihres Landes. Das wollten, das konnten die Amerikaner nicht sehen. Sie sahen nur ihre Ideologie.

Verstehen war verboten, schon damals, eine Art Landesverrat. Wer die Schablonen des Kalten Kriegs durchbrach, galt als Nestbeschmutzer, als Agent des Ostens, als Naivling oder, wenn es den Begriff schon gegeben hätte, als «Ho-Chi-Minh-Versteher», der die Notwendigkeit, das Böse zu besiegen, nicht zur Kenntnis nehmen wollte.

Kommt uns das bekannt vor? Ho Chi Minh, stimmt, war Sozialist, sogar Stalinist, doch vor allem ging es ihm darum, die Franzosen zu vertreiben. Er wandte sich an die Amerikaner, immer wieder, wollte sie auf seine Seite ziehen, doch vergeblich, man liess ihn auflaufen. So paktierte er, notgedrungen, mit China, dem alten Feind Vietnams.

Und wie war das schon wieder mit Putin? Jahrelang streckte auch der Kremlchef die Hand dem Westen hin, schmeichelte und lockte, doch die USA rückten mit ihren Raketenbasen unerbittlich ostwärts, zuletzt, auf alle Warnungen und Mahnungen Moskaus und eigener Diplomaten pfeifend, an die Gurgel Russlands, in die Ukraine.

Aussenpolitik, die sich auf Feindbilder und ideologische Bastelbögen stützt, führt ins Verderben.

Wer eigentlich ist schuld an einem Krieg? Der, der ihn anfängt, oder der, der ihn unausweichlich macht? Solche Fragen sind heute verpönt, denn man könnte ja als «Russland-Versteher» unter Beschuss geraten oder als «Putin-Groupie», wie die langsam bedrohlich kriegerische Neue Zürcher Zeitung kommentiert.

Aussenpolitik jedoch, die sich vor allem auf Feindbilder und ideologische Bastelbögen stützt – hier die Guten, dort die Bösen – statt auf fundierte Kenntnisse der Geschichte der betreffenden Region und ihrer Bevölkerung, führt ins Verderben. Das ist die Lehre aus Vietnam. Ich fürchte, wir haben nichts daraus gelernt.

Zum Beispiel passiert doch mit den Russen genau das, was nie und nimmer im Interesse des sogenannten Westens liegen kann. Sie sehen sich, zum neuen Weltfeind abgestempelt, von der US-Nato nuklear bedrängt, wegboykottiert, geradezu gezwungen, wie einst die Vietnamesen, beim alten Rivalen China als Juniorpartner anzubetteln.

Das freut die aufsteigende Grossmacht im Osten, und die Amerikaner, die doch eigentlich die Chinesen eindämmen wollen, machen in der Praxis das exakte Gegenteil. Sie schmieden ein neues Superchina mit Russlands Rohstoffreservoiren, während das abgehängte Europa die Migrantenströme Afrikas versorgen darf.

Und der Ukraine-Krieg wird weitere Flüchtlinge nach Europa bringen. Schon nutzen Roma-Clans mit gefälschten Pässen die grosszügigen Angebote. Dieser Preis sei zu zahlen, dröhnt es, auch die Wirtschaftsnachteile, Nord Stream etc., gelte es, in Kauf zu nehmen, denn der Westen verteidige gegen Putins Tyrannei unsere Freiheit.

Jede Unwahrheit hat ihren wahren Kern, doch unwahr bleibt sie dennoch. Ich frage mich: Was, wenn die Amerikaner wieder einmal falschliegen mit ihren grossräumigen Theorien? Was, wenn Putin kein neuer Dschingis Khan und der Ukraine-Krieg kein biblischer Endkampf um «unsere Freiheit» ist?

Vielleicht hätten die Amerikaner damals einfach mit Ho Chi Minh an einen Tisch sitzen sollen. Möglicherweise sollten sie das heute mit dem russischen Präsidenten Putin tun. Verhandeln ist allemal besser als töten, und bevor man sich, auch aus noch so ehrenwerten Motiven, in Kriege stürzt, sollte man die Diplomatie voll ausreizen.

Das aber, vermute ich, ist nicht geschehen. Kein Wunder, es haben bei uns ja auch keine richtigen Diskussionen und Auseinandersetzungen über Russland und die Ukraine stattgefunden. «Verstehen» ist wieder ein Schimpfwort, und unsere Aussenpolitiker reden erneut in den Schablonen von Gut gegen Böse.

Der amerikanische Journalist Mark Bowden schreibt in seinem grossen Vietnam-Buch über die Wendpunkt-Schlacht von Hue im Jahr 1968: «Die schmerzensvolle Erfahrung hätte die Amerikaner lehren sollen – sie tat es nicht –, sich in der Aussenpolitik nicht von Ideologien, sondern vom Bemühen um Verständnis leiten zu lassen.»

Passiert den Amerikanern und ihren Verbündeten heute wieder das Gleiche? Auch der Ukraine-Krieg folgt komplexeren Mustern, als man das in den Kommandozentralen des Westens wahrzunehmen bereit ist. «Traut nur denen», schlussfolgert Autor Bowden, die sich der Welt «bescheiden» und mit «behutsamer Einsicht» nähern.

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